The way it goes (Orlando Bloom FF)

Meine erste fertige Orlando Bloom Fanfiction! Ich hoffe sie gefällt euch.
Dazu gibt es auch einen Trailer, ein Video… auf das ich wirklich stolz bin.
Es gibt nichts Schöneres als so gewürdigt zu sein =)
Hier der Link zum Video: http://www.youtube.com/watch?v=PgwOnwCMmS0

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Kapitel 1 – Unerwartete Freundschaften

Was war es nur dass mich in dieses elendige, ewig verregnete London verschlagen hatte?! Mal wieder stellte ich mir diese Frage und ich stellte sie mir immer wieder, wenn ich spätnachmittags aus der Uni kam und es wieder regnete. Natürlich fuhr ich mit der U-Bahn, aber bis ich an der nächsten Haltestelle sein würde, würden meine Klamotten vollkommen durchnässt sein. Leise fluchend – auf deutsch versteht sich, sodass sich niemand beleidigt fühlen konnte (und weiß Gott, dass waren die Briten, vor allem die Londoner, sehr schnell!)- lief ich die Strasse entlang. Die Kapuze meines Mantels tief ins Gesicht gezogen, wich ich den Pfützen aus und lauschte meiner Musik. Ja ohne meinen Ipod war ich selten anzutreffen, das wussten auch schon die Studenten und Dozenten, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte. Vor vier Monaten war ich nach London gekommen um einen Spitzenjob anzunehmen: Ich referierte im Rahmen des Geschichtsstudiums an der London University und dabei war ich erst 23 Jahre alt! Anfangs hatten mich manche Studenten kaum respektiert, doch als ich sie mit Fragen bombadierte und mein Fachwissen unter Beweis gestellt hatte, waren sie beeindruckt gewesen. Nicht dass ich eine volle Dozentin hier war, schließlich hatte ich keine Dissertation geschrieben. Und nicht nur die Studenten hatte ich geschockt, denn viele Dozenten waren danach tief beeindruckt von der jungen Frau aus Deutschland, die so selbstbewusst vor hundert Studenten stand, obwohl sie es noch nie vorher gemacht hatte.

Nun ganz so stimmte das natürlich nicht, denn im Rahmen meines eigenen Studiums (ich hatte zwei Jahre in der Schule übersprungen und war dementsprechend früh an die Uni gekommen!) hatte ich oft freiwillig Referate gehalten, in späteren Semestern dann Tutorien abgehalten und jedwede Gelegenheit genutzt um zu lehren. Es lag mir irgendwie im Blut und gesegnet war ich mit einer so lebhaften Erzählstimme, dass man mir gerne zuhörte. In Gedanken war ich schon in meiner kleinen Wohnung und stieg lächelnd in die U-Bahn ein, die ich gerade erreicht hatte. Hinter mir schlossen sich die Türen und es wunderte mich nicht, dass es voll war und ich stehen musste. Berufsverkehr! Um diese Uhrzeit waren alle auf dem Heimweg von der Arbeit und ich blieb wo ich war. Neben mir stand ein junger Mann, etwa 26 vielleicht, und in der Hand hielt er einen Gitarrenkoffer. Neugierig musterte ich den dunkelhaarigen Mann. Er sah gut aus und man konnte an seinem Kleidungsstil erkennen, welche Art Musik er bevorzugte: Rock. Eine abgewetzte Jeans, etwas weiter geschnitten, saß locker in der Hüfte und wurde von einem alten Nietengürtel zusammengehalten. Darüber trug er ein schlichtes T-Shirt und eine alte schwarze Lederjacke. Mein Blick schien ihm nicht aufgefallen zu sein und als nun in meinem Ohr die ersten Takte von Blur’s Song to erklangen, war ich noch glücklicher. Ich lächelte breit und trommelte auf der Haltestange vor mir mit. (Ich hatte früher ein wenig Schlagzeug gespielt und noch nicht alles verlernt!) Diesmal war es an dem jungen Mann mich neugierig zu mustern, scheinbar hatte er mein Getrommel erkannt. Blind wie ich nunmal war, bekam ich das leider nicht mit und sah überrascht auf, als eine Hand auf meine Schulter tippte. Der Song war gerade zu Ende und ich nahm die Ohrstöpsel heraus und sah den jungen Mann neugierig fragend an. Sein Lächeln war bezaubernd.

„Entschuldigung, aber bist du zufällig Musikerin? Am besten noch Drummer?“ In seiner Stimme lag etwas freundliches und ich erwiderte warm sein Lächeln.
„Naja, Hobbymusikerin vielleicht. Und ich hab früher ein wenig Schlagzeug gespielt.“ Anerkennend pfiff er leise durch die Zähne und nickte.
„Suchst du zufällig ne Band?“ Die Frage überraschte mich nun wirklich und ich sah ihn schweigend, überrascht an. Selten waren solche Momente, in denen ich sprachlos war und nichts sagte. Er grinste und zog abwartend die Augenbrauen hoch, das brachte mich zurück.
„Ähm naja, eigentlich nicht… und ich hab auch nur 4 oder 5 Jahre Schlagzeug gespielt. Die Gitarre liegt mir doch mehr, denke ich.“ Aufmerksam hörte er mir zu und seufzte, scheinbar fand er es bedauerlich, dass ich kein Interesse zu haben schien. Dann blickte er kurz aus dem Fenster auf den Bahnsteig, den wir gerade verließen und fluchte. Fragend suchte ich seinen Blick.
„Ist alles ok?“ Er schüttelte den Kopf und grinste dann, kratzte sich am Kopf und sprach:
„Da hab ich doch glatt den Ausstieg verpasst! Wie peinlich…“ Er fing an zu lachen und ich stimmte mit ein, er war mir sympathisch. Die nächste Haltestelle war meine und er folgte mir raus, was sollte er sonst tun?! So wollte ich ihn nicht stehen lassen und blieb kurz unschlüssig neben ihm stehen.

„Sag mal, vielleicht hast du ja doch Interesse an ner Band? Magst du vielleicht heut Abend ins Thanner’s kommen? Ich könnte dir meine Jungs vorstellen…“ In meinem Kopf ratterte es und ich überlegte wirklich. Es könnte lustig sein und so viele Leute hatte ich bisher noch nicht gefunden um wegzugehen. Seine grauen Augen ruhten auf mir und er wartete geduldig ab. Schließlich gab ich mir einen Ruck, schließlich könnte ich immer noch gehen wenn es mir nicht gefiel. Ich nickte.
„Klasse, also meine Jungs und ich sind für 22 Uhr verabredet, komm einfach, wir sitzen immer vom Eingang links.“ Mit einem Lächeln und einem kurzen Winken machte er sich davon um seine U-Bahn zu finden und war verschwunden. Auch ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und machte mich auf den Weg die letzten Meter zu meiner netten kleinen Wohnung zurückzulegen. Als ich die Treppen zum Eingang hochlief, bemerkte ich mal wieder wieviel Glück ich hatte. Meine Oma hatte einen reichen Mann geheiratet und als ihr einziges Enkelkind, wurde ich großzügig bedacht. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, mir ein wundervolles Appartment in Londons Stadtteil Notting Hill zu kaufen. Ich durchquerte die Lobby und der schwule Portier grüßte mich freundlich, ich schickte ihm ein Lächeln zurück und stieg in den Aufzug. Trotz einiger Kommentare meiner Freunde aus Deutschland, war ich den Verlockungen des Geldes noch nicht erlegen. Meine Großmutter wollte nur, dass ich anständig wohnte, alles andere bezahlte ich: Einkäufe, Strom, Internet und Telefon. Das Gehalt, das ich bezog war nicht mächtig, aber es reichte für mich mehr als aus. Ohnehin ging ich so selten shoppen, dass dafür nur wenig Geld wegging. Viel lieber schneiderte ich meine Klamotten selber, das hatte ich gelernt als ich am Theater im Fundus gearbeitet hatte. Schon immer war ich ehrgeizig und vielseitig interessiert gewesen, daher hatte ich seit meinem 14. Lebensjahr immer einen Nebenjob gehabt. Schule, Hobbies und Job- bisher hatte es immer gut geklappt, denn, wie meine Mutter früher immer seufzend festgestellt hatte, strotzte ich nur so vor Energie. Urlaube waren bei mir selten nur relaxed gewesen, immer hatte ich nebenher Surfstunden genommen oder war beim Beachvolleyball aktiv gewesen. Ich hielt so gut wie nie still. Manchmal beneidete ich aber andere um diese Fähigkeit…

Die Fahrstuhltüren öffneten sich und ich kramte auf den letzten Metern meinen Schlüssel aus der Tasche. Schon als ich durch die Tür trat, klingelte das Telefon. Atemlos nahm ich ab.
„Hallo?“
„Hey meine Kleene, na wie geht’s dir?“ Ich lächelte erfreut.
„Hallo Sören, du Nordlicht. Ich kann nicht klagen, bin gerade erst heimgekommen… und wie stehts bei dir?“
„Och, bei der Arbeit ist gerade so wenig los, dass ich meistens früher gehen kann… wir warten auf unseren neuen Auftrag.“ Sören war mein bester Freund und hatte an der gleichen Uni wie ich studiert, jedoch Physik- ein Fach, das ich abgrundtief hasste. Er war wohl derjenige, der mich am häufigsten anrief. Sobald festgestanden hatte, dass ich nach London ziehen würde, da hatte er bei seinem Telefonvertrag gleich mal die Auslandsverbindung nach England freischalten lassen und telefonierte nun mit mir umsonst. Eine geniale Idee, denn nach seiner Stimme sehnte ich mich häufig… war er mir doch während des Studiums die größte Stütze gewesen.
„Na ist doch auch mal nett…“, bemerkte ich und Sören stimmte zu.
„Und machst du heut Abend noch was, ist ja schließlich Freitag…“  Unter Lachen erzählte ich ihm von meiner U-Bahn-Bekanntschaft und sofort wurde sein Ton misstrauisch.
„Aber pass auf dich auf, nicht dass…“ Ich würgte ihn ab, noch bevor er zu Ende sprechen konnte.
„Ja, mein Lieber, ich kann auf mich aufpassen. Außerdem hat er nicht so wirklich mit mir geflirtet, da war echtes Interesse an mir als Musikerin.“ Ein Seufzer am anderen Ende und wir unterhielten uns noch etwa eine halbe Stunde, ich kochte dabei Pasta und wir lachten viel. Er fehlte mir, doch ich hatte mir zum Ziel gesetzt hier gute Freunde zu finden und nicht zu versauern. Der Job war ein kleiner Traum für mich, zwar nur zweite Wahl, aber immerhin! (Mein eigentlich größter Traum war es Sängerin zu werden, ich hatte schon 5 Jahre Gesangsausbildung hinter mir und war bei diversen Gelegenheiten aufgetreten, zB Abibällen, Schulkonzerten, Open Mic Nights in den Clubs der Umgebung)

Genüsslich schaufelte ich die Pasta in mich rein und schaute dabei Nachrichten, den Stapel mit Essays, den ich noch korrigieren musste, ließ ich liegen und verschob die Arbeit auf morgen Nachmittag. Nach dem Essen und den Nachrichten ging ich duschen, stylte meine Haare noch ein wenig mit dem Glätteisen und legte ein leichtes Make-Up auf (mit ganz tollen Smokey-Eyes!). Dann stand ich vor meinem Schrank und überlegte was ich anziehen sollte. Ich kannte meine Gegenüber ja kaum und so fiel mir die Wahl nicht sehr leicht, doch endlich hatte ich mich entschieden: eine tiefschwarze Röhrenjeans, mit Nietengürtel (den liebte ich über alles!) und darüber ein knallgelbes Tanktop, passend zu meinen gelben Chucks. Mein Spiegelbild betrachtend war ich sehr zufrieden und suchte nur noch nach einer passenden Jacke, die aber doch schnell gefunden war… ich griff mir also meinen aufgepeppten schwarzen Cordblazer (dutzende von Aufnähern und Buttons, sowie ein kleiner Slogan mit Textilfarbe verschönerten das Billigteil von H&M), steckte Schlüssel, Handy, Geld und Labello in die Hosentaschen und machte mich auf den Weg. Das Thanner’s war nur ein paar Strassen entfernt und so beschloss ich etwas früher zu gehen und zu laufen. In der Lobby sah mich der Portier, sein Name war Kyle, mit großen Augen an.
„Na gehen wir heute Abend aus, Mylady?“ Seine Stimme verriet deutlich dass er schwul war, aber ich liebte ihn einfach! Kurzentschlossen ging ich zu ihm und lächelte charmant.
„Nun du hast freitags keine Zeit mir London zu zeigen, also muss ich mir ja auch andere suchen.“, gab ich augenzwinkernd von mir und er grinste. Ich gab ihm noch einen kurzen Kuss auf die Wange und verschwand.

Die Nacht war klar und jetzt wo es nicht mehr regnete sehr mild und angenehm. Schnell hatte ich mich an die typischen Regenschauer gegen Ende des Nachmittags gewöhnt, die im Frühling und Sommer angeblich häufig niedergingen. Die ersten Sterne mussten schon am Himmel funkeln, doch hier sah man sie nicht. Nur der Mond hing fahlgrau und bleich knapp über den Baumwipfeln und sendete ein weiches Licht vom Himmel herab. Die Straßen waren recht voll, ein normaler Freitagabend in Notting Hill und den umliegenden Vierteln. Hier gab es viele Diskotheken, Kneipen und Pubs, sowie einige Restaurants. Ich durchquerte einen Park und fand mich 20 Minuten später vor dem Thanner’s wieder. Einmal atmete ich noch tief durch und setzte mein fröhlichstes Lächeln auf, ich fühlte mich auch so, denn vielleicht fand ich heute Abend meine zukünftigen Freunde? Ich trat ein und mir kam ausnahmsweise kein Qualm entgegen, normalerweise waren die Engländer trotz der hohen Zigarettenpreise heftigst am Qualmen, doch hier scheinbar weniger. Instinktiv wanderte mein Blick nach links und tatsächlich erspähte ich sofort meinen ‚Bewunderer‘ von vorhin. Er saß mit dem Kopf in meine Richtung gewandt und als er meinen Blick spürte sah er auf und grinste. Langsam ging ich näher.

Neugierig wurde ich vom gesamten Tisch gemustert, dort saßen 4 weitere Jungs und 2 Mädchen. Der gutaussehende Fremde stand auf und begrüßte mich herzlich mit einer Umarmung, dabei raunte er mir leise seinen Namen zu: Keith. Ich nahm mir ein Beispiel an ihm und sagte meinen Namen gleich hinterher: Lily. Er drehte sich zu seinen Freunden um und stellte mich vor. All die Namen der jungen Leute konnte ich mir nicht merken, nur die Namen der Damen konnte ich mir gut merken: Samantha und Jodie. Sam war dunkelhaarig und lächelte mich freundlich an, Jodie war blond (gefärbt!) und funkelte mich herablassend an. Keith bot mir den Platz neben sich an und sogleich wurde ich in die Unterhaltung integriert und fachsimpelte wenig später mit einem seiner Freunde, Joe, über Gitarren. Ich versetzte die Herren am Tisch ein wenig in Erstaunen, als ich mir einen großen Krug Bier bestellte und schneller leer hatte als sie den ihren.
„Whoa du bist die erste Frau, die ich soviel Bier trinken sehe.“, sagte Tristan zu mir. Ich grinste und feixte:
„Tja, ich bin ne Deutsche, ich komm aus dem Land des Bieres!“ Diesen Seitenhieb konnten sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen (Ja auch Engländer behaupten sie haben das Bier erfunden und berühmt gemacht!) und bestellten eine neue Runde. Lachend trank ich mit und nach diesem zweiten großen Krug war ich dann doch etwas angeheitert. Erstens waren die Krüge hier eher groß und zweitens hatte ich wirklich zu schnell getrunken. Tristan und Joe saßen mir gegenüber und grinsten breit. Keith schlug mir auf die Schulter und lobte mich.
„Hey, du hälst gut mit… für ein Mädchen, aber zwing dir nichts herunter.“ Ich beschloss doch seinen Rat zu befolgen und trank von nun an erstmal nur Cola. Nun fing ich an mit Sam zu quatschen und sie war tatsächlich so sympathisch, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Irgendwann, es war schon etwas später und ein wenig ruhiger im Lokal geworden, da kam die Einladung von Tristan.
„Wir proben morgen, aber uns fehlt ein Drummer… magst du nicht einfach mal vorbeikommen und zusehen?“ Überrascht sagte ich zu und nahm aus dem Augenwinkel war, wie Sam mich mit einem Lächeln bedachte und Jodie sich beleidigt wegdrehte. Was hatte ich dieser Blonden bloß getan?! Ich flirtete ja nicht einmal mit einem der Jungs, sodass sie unmöglich eifersüchtig sein konnte. Als es spät wurde und die Schließung des Lokals bevorstand, beschlossen wir dann auch aufzubrechen und Keith schien ganz selbstverständlich Sam und Jodie mitzunehmen, die anderen mussten wohl in eine andere Richtung. Tristan und Joe sahen mich eindringlich an.
„Wo wohnst du denn? Wo musst du hin? Oder bist du mit dem Auto hier?“, fragte Joe.
„Ach ich wohne nicht weit von hier… ich laufe und in dem Zustand würde ich auch nicht mehr Auto fahren.“ Tristan klopfte mir anerkennend auf die Schulter als wolle er mir sagen, wie brav ich doch sei. Dann grinsten mich beide an.

„Wir bringen dich, wir können doch eine junge Dame wie dich nicht um die Uhrzeit allein durch die dunklen Strassen laufen lassen.“ Keith und Sam lachten und schüttelten nur den Kopf. Als wir aufbrachen, rief mir Sam noch hinterher:
„Lass die beiden nicht zu sehr gentlemen sein, sonst sind sie morgen noch krank!“ Lautstarke Entrüstung begleitete mich auf den ersten 5 Minuten des Heimweges. Die Jungs brachten mich zum Lachen und wir verstanden uns prima. Ich war wirklich positiv erstaunt, denn keiner der beiden startete irgendeinen blöden Versuch mich anzubaggern oder mich zu befummeln. Sie waren einfach nur nett und lieb zu mir. Scheinbar doch ganz gentlemen like, so wie man sich einen typischen Briten eben dachte. Vor meiner Haustür bzw vor der Lobby, verabschiedete ich mich mit einer herzlichen Umarmung bei den Jungs. Sie schienen mich zu mögen und sagten, sie freuten sich sehr auf morgen Nachmittag! Lächelnd schwebte ich durch die Lobby.
„Na, gleich mal zwei Männer aufgerissen, ich hoffe du gibst mir wenigstens einen ab?“ Grinsend drehte ich mich zu Kyle um und trat auf ihn zu.
„Ach, die wollten nur Gentlemen spielen… und ich befürchte für dich dass bisher keiner von beiden schwul ist.“ Er machte ein gespielt enttäuschtes Gesicht, dann gab er mir einen Klaps auf den Po und schickte mich schlafen. Müde fiel ich sofort nach dem Abschminken und Zähneputzen ins Bett und rührte mich lange Zeit nicht mehr.

Ein kleiner Sonnenstrahl weckte mich gegen 10 Uhr am nächsten Tag, nach etwa 6 Stunden Schlaf. Obwohl das nicht gerade viel war, war ich topfit und im Stehen trank ich meinen ersten Kaffee. Sofort machte ich mich an die Essays der Studenten, denn wenn ich schon zu der Bandprobe gehen wollte, musste die Arbeit trotzdem getan werden. Und am Montag sollten die Essays zurückgegeben werden, also musste ich mich ranhalten. Wider erwarten ging das Korrigieren ziemlich schnell und ich war ehrlich erstaunt über manche Arbeiten, sie waren ziemlich gut. Die fertigkorrigierten Arbeiten legte ich zur Seite und gönnte mir einen entspannenden Mittag mit einem Buch. Wann immer ich mal zu faul war um rauszugehen, was doch eher selten vorkam, nahm ich mir ein Buch und las. Dieses Mal war ich schon wieder am Silmarillion dran, den Herrn der Ringe hatte ich vor kurzem schon mal wieder gelesen. Die Welt von J.R.R.Tolkien hatte mich schon als kleines Mädchen gefangengenommen, als ich das erste Mal den Hobbit gelesen hatte war ich gerade mal 9 Jahre alt gewesen, danach hatte ich einfach alles von diesem fabelhaften Autor lesen wollen. Mein Handywecker klingelte um 16 Uhr und ich legte das Buch beiseite. Verabredet war ich mit der ganzen Bande von gestern Abend um 17 Uhr und ich machte mich schnell fertig, dann nahm ich die U-Bahn und fuhr ein Stück. Die Wegbeschreibung war genau gewesen und ich fand den kleinen Keller ziemlich problemlos, was vermutlich daran lag, dass Joe und Tristan vor der Tür standen und grinsend auf mich warteten. Eine herzliche Begrüßung und schon schoben sie mich in den Keller runter, wo die anderen schon saßen und warteten, Keith mit seiner Gitarre in der Hand. Die Jungs wollten sofort loslegen, momentan saß Tristan an den Drums, aber er sagte selbst er könne es nicht so gut. Sie spielten ein paar Minuten und ich lauschte ihnen aufmerksam, mir gefiel die Musik die sie machten. (Na gut, das Schlagzeug klang wirklich nicht berauschend *bg*) Irgendwann fragte man mich, ob ich nicht auch mal spielen könnte… Achselzuckend stand ich auf, wir beschlossen einen Song von Green Day zu spielen, etwas dass wir alle konnten. Ich gab den Ton an und es lief recht gut, bedachte man, dass ich seit fast zwei Jahren nicht mehr gespielt hatte. Die Jungs lächelten alle und Keith schaltete sich ein:

„Willst du uns auch mal was auf der Gitarre vorspielen? Wo du doch sagst das liegt dir mehr…“ Sein Zwinkern hätte ich gar nicht mehr gebraucht, sofort griff ich nach der Gitarre, die er mir hinhielt und setzte mich auf einen Stuhl. Ein paar Sekunden brauchte ich um mich mit der fremden Gitarre vertraut zu machen, dann fing ich an zu spielen: Santeria von Sublime. Tristan sah mich erstaunt an, scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass ich dieses Lied kannte. Schweigend lauschte man meinem Spiel, singen wollte ich nicht, und ich war froh, dass Jodie nicht da war, denn sie hatte nicht den Eindruck gemacht mich zu mögen. Als ich geendet hatte schwiegen erstmal alle. Es war Joe der die Stille brach:
„Hey du hast was drauf. An der Gitarre bist du spitze und an den Drums gut… jetzt sag mir noch du kannst singen und ich fall vor dir auf die Knie.“ Die anderen nickten zustimmend und ich fing an breit zu grinsen, mehr brauchte ich wohl nicht zu sagen, denn schon kniete Joe vor mir und seufzte theatralisch. Tristan hakte nach:
„Du kannst echt auch noch singen?“ Ich zuckte mit den Achseln.
„Ich habe seit 5 Jahren Gesangsunterricht, also n bisschen was sollte ich können.“ Weder klangen meine Worte eingebildet, noch stellte ich mein Licht unter den Scheffel. Joe legte seinen Kopf auf meine Knie und seufzte noch einmal laut. Grinsend schauten mich die anderen an und Keith lachte.
„Ich glaub du hast ihn im Sturm erobert, Lily.“ Sam beobachtete das ganze schweigend und lächelte mich an. Doch sie schien auch nachzudenken, ich fragte mich an was sie wohl dachte.Lange alberten wir so rum und die Jungs kamen gar nicht auf die Idee weiterzuüben und zu musizieren. Joe und Tristan wollten sofort meine Handynummer haben und baten mich den heutigen Abend wieder mit ihnen loszuziehen. Etwas zurückhaltend sagte ich dann auch zu und Sam setzte sich zu mir.
„Schön wenn du mitkommst. Ich freu mich darüber noch ne Frau in der Runde zu haben.“ Ihre Worte klangen sehr ehrlich und so lächelte ich sie warm an.
„Für mich ist das klasse, ich kenn noch nicht so viele Leute in London. Da kann man doch so netten Menschen nicht absagen.“ Sie grinste mich an.
„Sollen wir uns vorher treffen? Also bevor wir die Jungs am PQ treffen?“ Begeistert nickte ich und wir verabredeten uns bei mir. Sie würde mir beim Stylen helfen und bei der Auswahl der Klamotten. Über das ganze Gesicht grinsend, machte ich mich auf den Heimweg. Heute wollte ich nicht kochen und nahm mir unterwegs was vom Chinesen mit. Ich konnte gar nicht glauben, wieviel Glück ich hatte. Da war ich seit 4 Monaten hier, hatte mich zwar nicht gelangweilt, aber auf einmal ging es dann Schlag auf Schlag.

Besonders gern hatte ich schon jetzt Sam und die beiden Jungs Joe und Tristan. Die drei hatten es mir angetan und auch Keith mochte ich sehr gerne, obwohl er tatsächlich etwas zurückhaltender war. In der U-Bahn hatte ich ihn wohl an seinem kontaktfreudigsten Tag erlebt. Zu Hause setzte ich mcih nochmal vor den PC und surfte ein bisschen im Internet, ich versuchte mir ein paar Informationen über das PQ zu holen… Man musste ja wissen worauf man sich einließ! Das Klingeln meines Telefons riss mich fast vom Stuhl, damit hatte ich nicht gerechnet.

„Hallo?“
„Hey Lily, hier ist Kyle. Was machen wir heut Abend?“ Oje, das hatte ich ja fast vergessen. In den letzten drei Wochen war ich immer samstags mit Kyle unterwegs gewesen. Es hatte immer recht lustig geendet, denn er kannte einfach überall Leute und traf sie an den unmöglichsten Orten.
„Ähm ja also… diese Leute, die ich kennengelernt habe, die haben mich ins PQ eingeladen… aber vielleicht magst und kannst du mitkommen?“ Kyle seufzte am anderen Ende.
„Ach weißt du was? Geh mit ihnen, ich werde da heut Abend wahrscheinlich auch noch mal auftauchen, aber dann treff ich mich mal mit jemand anderem. Jetzt wo du noch anderen Anschluss hast.“
„Oh Kyle es tut mir Leid, ich wollte dich nicht vor den Kopf stoßen…“ Er untrebrach mich hastig und erwiderte fröhlich:
„Hast du nicht, ist doch okay. Wir sehen uns.“ Dann legte er auf. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber nachdem was ich schon alles über ihn erfahren hatte, war das schnell vergangen. Das PQ schien ein netter Laden zu sein, zwar hatten auf den Bildern alle sehr schicke Klamotten an (was mich nun wirklich nicht stören sollte!), aber die Angabe über den überwiegenden Musikstil gefiel mir: Charts, Rock und Pop, teilweise 80er. Das könnte tatsächlich sehr lustig werden. Schnell hüpfte ich unter die Dusche und dann zauberte ich mit dem Lockenstab Engelslocken in meine langen, dunkelblonden Haare, die momentan eher rot waren (Ja ich liebte rote Haare und deshlab trug ich nun seit 2 Jahren rot gefärbte Haare). Schon klingelte es an der Tür, ich hüpfte freudestrahlend hin und öffnete, Sam umarmte mich und kam rein. Bewundernd blickte sie sich um.
„Na schlecht lebst du ja nun wirklich nicht.“ Offen erzählte ich ihr von meiner Situation und sie schien zu verstehen, sie störte sich auch nicht daran, denn sie merkte, dass ich mir nicht viel aus dem „Reichtum“ machte. Sie sah wunderschön aus, trug eine enge Jeans, hohe Stiefel und ein grün-glitzerndes Top, ihre Haare hatte sie offen und sie fielen ihr glatt über die Schultern. Lachend und schwatzend machten wir uns über meinen Kleiderschrank her. Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf als sie meinen riesigen Fundus sah und als sie hörte, dass ich das meiste selbst schneiderte (außer Jeans, die gelangen mir fast nie!) war sie hellauf begeistert.
„Oh ich suche seit Jahren so einen Rock, ich hab da eine genaue Vorstellung, ob du mir so einen wohl schneidern könntest?““Ich nickte, wenn auch mit Bedenken. Versprechen konnte ich ihr nicht wann ich genug Zeit dazu haben würde, aber gerne wollte ich ihr diesen Wunsch erfüllen. Sam erzählte mir ein paar Dinge über das PQ und es deckte sich mit dem was ich gelesen hatte. Ich überließ ihr die Wahl der Klamotten und sie suchte mir einen schwarzen Rock raus, der beim Tanzen mitschwang und dazu ein Neckholdertop in knallrot, der Ausschnitt war sehr tief, aber ich liebte das Top, denn es stand mir einfach. Dazu nahm sie meine knallroten High-Heels aus dem Schrank und staunte nicht schlecht als ich so vor ihr stand.
„Also wenn da mal die Jungs nicht gaffen werden.“, lachte sie und ich stimmte mit ein.
„Ach sollen sie doch, ich bin solo und es macht mir nichts aus angeschaut zu werden. Außerdem siehst du auch bezaubernd schön aus, Sam.“ Wir grinsten uns gegenseitig an und sie schminkte mir noch einen knallroten Kussmund und schon waren wir auf dem Weg.

Zum PQ mussten wir mit der U-Bahn fahren und so hatten wir Gelegenheit uns zu unterhalten und unsere Wirkung auf Männer zu testen. Tuschelnd standen wir dann vor dem PQ und warteten darauf, dass uns die Türsteher einließen. Als wir vor ihnen standen, winkten sie uns sofort durch, wir passten absolut perfekt in das Image, dass der Club vertreten wollte. Sam nahm mich an der Hand und führte mich tiefer in den Club, sie wusste wo die anderen warten würden und führte mich zu ihnen. Wie es nicht anders zu erwarten war, hielten sich die Jungs mit Kommentaren nicht zurück. Sie pfiffen und johlten als sie uns zu Gesicht bekamen und drückten uns ganz herzlich an sich. Joe drückte mich etwas länger als es vielleicht nötig gewesen wäre und flüsterte mir leise ins Ohr:
„Du siehst wunderschön aus.“ Mit einem Lächeln bedankte ich mich bei ihm und dann erbarmten sich Keith und Tristan Getränke zu holen. Sam sah mich an und wir mussten beide grinsen, wie aus einem Mund kam unsere Bestellung: Sex on the beach. (Über diesen überaus leckeren Cocktail hatten wir uns schon in der U-Bahn unterhalten.) Kopfschüttelnd machten sich die beiden auf den Weg an die Bar. Sam und ich hatten uns auf eines der Sofas gesetzt und kicherten über die Reaktion, Joe setzte sich neben mich und versuchte mich mehr unauffällig zu beobachten, doch es entging keinem wie er mich bewundernd ansah. Innerlich grinste ich darüber und es schmeichelte mir, er war ein gutaussehender Kerl und da ich solo war… wieso sollte es mich stören?! Lange saßen wir so da und unterhielten uns in dem Loungeteil des PQ, schlürften an unseren Cocktails und lachten. Als dann aber Push the button von den Sugababes lief, zerrte mich Sam auf die Tanzfläche und Joe, Tristan und Dave (einer der anderen Jungs) hasteten uns hinterher. Auf der Tanzfläche war es eng, aber ich verausgabte mich sofort beim Tanzen. Sam und ich lachten und bewegten uns mal lasziv, mal einfach nur wie Orkane. Joe und Tristan tanzten uns an und als Tristan mir die Arme um den Nacken legte um mit mir zu tanzen, drängte sich Joe dazwischen und Tristan ließ mich wieder los. Schmunzelnd sahen Sam und ich uns an und ich tanzte einfach weiter. Sollten die Jungs es doch unter sich ausmachen, ich mochte beide und würde auch mit beiden tanzen. Irgendwann hatte sich dieser kleine Disput wohl gelegt, denn als Tristan das nächste Mal seine Arme um mich legte, sagte und tat Joe nichts, er sah mich und Tristan nur an.

Jetzt spielte der DJ einen Song der Pussycat Dolls und ich war nicht mehr zu halten. Ich tanzte wahnsinnig sexy und Tristan ging sofort darauf ein, wir hatten unseren Spaß beim Tanzen und Sam grinste neben uns und tanzte mit Joe, der uns hin und wieder einen misstrauischen Blick zuwarf. Nach einer dreiviertelstunde durchtanzen, waren wir alle etwas müde und zogen uns von der Tanzfläche zurück, in der Ecke warteten die anderen auf uns und grinsten breit. Tristan holte etwas zu trinken und wir saßen wieder alle gemütlich beieinander, außer Dave, der hatte irgendeine Schönheit abgeschleppt und war verschwunden. Bevor ich irgendetwas dazu sagen konnte, erklärte man mir, dass das ganz seine Art wäre. Kopfschüttelnd lehnte ich mich zurück und nippte an meiner Whiskey-Cola, links von mir saß Sam, daneben Joe und rechts von mir saß Tristan und hatte den Arm um mich gelegt. Für mich hatte das nicht viel zu bedeuten, denn schon in Deutschland hatte ich meinen männlichen Freunden durchaus nahegestanden und war mit ihnen häufig Arm in Arm rumgelaufen. Aus irgendeinem Grund schien aber dies Joe auch zu stören, denn er machte ein etwas griesgrämiges Gesicht. Es war spät als Sam und ich beschlossen, dass wir müde waren, außerdem hatten wir schon einiges getrunken und kicherten die ganze Zeit und liefen nicht mehr ganz gerade. Instinktiv stand Darren auf und bot uns an uns zu fahren, er war der einzige ohne Alkohol intus und irgendwie hatten wohl alle Engländer diese Gentlemen-Art im Blut. Sam winkte ab.

„Ach, sie kommt mit zu mir, ich wohne doch nur 4 Blocks weiter. Wir schaffen das schon.“ Achselzuckend setzte sich Darren wieder und Joe und Tristan umarmten uns lange, dann machten wir uns auf. Wir liefen Arm in Arm und stützten uns so gegenseitig. Ehrlich gesagt war ich mehr als froh über Sams Angebot, dass ich bei ihr übernachten könnte, denn sehr viel weiter als bis zu dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte, hätte ich es nicht mehr geschafft. Sam brauchte Ewigkeiten um den Schlüssel aus ihrer Tasche zu kramen und als wir im Haus waren, schlichen wir uns leise nach oben, denn sie wollte ihre Mutter nicht aufwecken. Oben angekommen zeigte sie mir das Bad und ihr Zimmer, und griff sich an den Kopf.
„Oh ich hab vergessen, dass in meinem Zimmer kein Platz für eine andere Person ist.“
„Ach ich kann auch die Couch nehmen.“ Sie winkte ab und drückte mich aus der Tür raus und ins Zimmer gegenüber: ein schlichtes Schlafzimmer mit einem großen gemütlichen Bett.
„Das ist das Zimmer meines Bruders, du kannst es heut Nacht nehmen und hier schlafen, er ist nicht da und hat ganz sicher nichts dagegen.“ Stumm nickte ich und nachdem ich kurz im Bad gewesen war, sah ich mir das Zimmer noch einmal genauer an. An den Wänden hingen Bilder von Sam und einer anderen Frau, die wohl ihre Mutter war, dann noch ein paar von der Clique: Joe, Tristan, Keith, Dave und Darren- nur Jodie fehlte.  Sam hatte mir einen kurzen Pyjama hingelegt und ich lächelte. Schnell hatte ich mich umgezogen und schlüpfte unter die Bettdecke und war angenehm überrascht. Nicht nur dass das Bett verdammt bequem war, nein, es roch auch so gut. Vermutlich nach Sams Bruder und einen Augenblcik lang wünschte ich mir, ich würde ihn kennen. Ich wusste eigentlich nichts über ihn, keiner hatte ihn bisher erwähnt, obwohl scheinbar alle mit ihm befreundet waren. Seltam fand ich das schon ein bisschen und auf einmal kam mir ein schrecklicher Gedanke. Was wenn ihr Bruder gestorben war und ihn deswegen niemand mehr erwähnte? Um den Schmerz nicht zu verschlimmern. Seufzend kuschelte ich mich in das Kissen und sog den Duft tief ein, Minuten später war ich eingeschlafen.

Der nächste Morgen kam unbarmherzig und als ich auf die Uhr sah, erschreckte ich mich selbst über mich: 11 Uhr. So lange schlief ich normalerweise nie. Nun der Alkohol hatte wohl seine Wirkung getan… stöhnend hielt ich mir den Kopf und begab mich ins Badezimmer, ich erfrischte mein Gesicht und war froh, dass mir Sam noch in der Nacht etwas zum Abschminken gegeben hatte. Hinter mir hörte ich ein paar Geräusche und dann streckte Sam den Kopf ins Zimmer und lächelte.
„Da bist du ja, ich hab grad ins Zimmer meines Bruders gesehen und mich erschreckt als du weg warst. Magst du frühstücken?“ Ich nickte, sah aber an mir herunter und Sam kicherte.
„Ich geb dir was anderes zum Anziehen, komm mit.“ Zum Glück war Sam etwa so groß wie ich und auch unsere Figuren ähnelten sich. Ich entschied mich für eine gemütliche Jogginghose und ein schlichtes T-Shirt. Sam sah ähnlich aus, es war ja auch Sonntagmorgen. Gemeinsam gingen wir ein Stockwerk runter und sie zeigte mir das Haus bei Tageslicht. Als wir die Küche betraten, erblickte ich zum ersten Mal ihre Mutter. Diese drehte sich um und lächelte uns an.
„Guten Morgen, mein Schatz.“ Sam stellte mich schnell vor und ihre Mutter umarmte mich herzlich.
„Hallo Lily, schön dich kennenzulernen, nenn mich Sonia.“ Lächelnd setzte ich mich neben Sam und wir frühstückten gemeinsam, ihre Mum arbeitete an den Vorbereitungen fürs Essen. Wie ich erfuhr fiel grundsätzlich samstags und sonntags mittags das Essen aus, dafür aßen sie am frühen Abend und dann meistens viel. Sam und ich unterhielten uns lange mit ihrer Mutter und ich fand sie sehr sympathisch. Klar, dass Sam so nett war, sie musste es von ihrer Mutter haben. Und dann plötzlich…

„Ach, Sam, dein Bruder hat angerufen… er kommt bald nach Hause und ich soll dich lieb grüßen. Du sollst auch den anderen Bescheid sagen.“ Ich verschluckte mich an meinem Kaffee und hustete kurz, bis ich mich wieder gefangen hatte. Sam und ihre Mutter sahen mich erstaunt an. Dann antwortete Sam ihrer Mum.
„Alles klar, ich sag Bescheid. Und wann kommt er nun endlich?“ Ihre Mutter lachte.
„Du kennst ihn doch, immer mittendrin. Scheinbar hat ein dortiger Freund von ihm noch Geburtstag, wie hieß er noch gleich? Ach, aber er kommt pünktlich zu Joes Geburtstagsparty.“ Sam nickte begeistert und grinste mich an.
„Du wirst mit uns Joes Geburtstag feiern müssen, der ist schon in zwei Wochen!“ Ich nickte, irgendwer hatte das doch schon mal erwähnt… Es würde sicher lustig werden und wenn ich den Kerl kennenlernte, in dessen Bett ich so gut geschlafen hatte und der so gut duftete… Doch irgendwann, es war schon früher Nachmittag, musste ich mich auf den Weg nach Hause machen. Herzlich verabschiedete ich mcih von Sams Mutter und Sam brachte mcih zur Tür. Wir tauschten noch Handynummern und dann war ich fort. In Gedanken versunken stand ich wenig später in Jogginghose und T-Shirt in der U-Bahn und schwieg vor mich hin. Fast hätte ich meine Station verpasst und in letzter Sekunde drückte ich mich durch die Türen. Meine Gedanken kreisten um die netten Menschen, die ich schon kennengelernt hatte und das freute mich, denn sie hatten mir den Eindruck vermittelt, dass sie mir gute Freunde sein würden. Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit aufräumen, im Internet surfen und Musik hören.

 
 
 
Kapitel 2 – Eine große Chance

Montagmorgen und ich musste wieder früh zur Uni… ich stöhnte auf als mein Wecker klingelte, aber kurz darauf war ich schon aufgesprungen und unter der Dusche verschwunden. Morgenmuffelig zu sein hatte ich mir nur sehr selten geleistet, denn ich war der Ansicht, man verschwendete damit nur zuviel Zeit. Es dauerte nicht lange und ich hatte mich fertiggemacht, gefrühstückt und war auf dem Weg zur Uni. Heute war ein klarer Tag und die Sonne schien kräftig vom Himmel, es war zwar nicht heiß, aber mild und ich seufzte fast sehnsüchtig, als ich in das große Unigebäude trat, in dem ich arbeitete. Mein erster Weg morgens führte mich immer in mein eigenes kleines Büro, wo ich meine Post entgegennahm, E-Mails checkte, die man mir am Wochenende geschickt hatte und meine Sachen hinterlegen und einschließen konnte. Ein glückliches Lächeln lag auf meinem Gesicht und ich machte mich auf den Weg zu meiner ersten Klasse. Es war eine Gruppe Studenten aus dem 6.Semester und sie waren ungeduldig, sie wollten ihre Essays zurück. Doch ich kannte so etwas schon und wusste, sie würden bis zum Ende des Seminars warten um ihre Essays zurückzubekommen. Erstaunlicherweise hatte ich die Gruppe echt schnell in den Griff bekommen und war akzeptiert worden. Es machte mir Spaß zu unterrichten und scheinbar hatten die Studenten auch Spaß in meinem Seminar, denn sie beteiligten sich viel. Doch als sie ihre Essays zurückbekamen, waren sie nicht mehr zu halten. Ich räumte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zu einem anderen Vorlesungssaal.

Es war eines der Anfangssemester und man hatte mich gebeten eine Gastvorlesung zu bestreiten, auf meinem Spezialgebiet: Kreuzzüge. Mit einem Lächeln begrüßte ich den Dozenten, Mr Warner. Er war einer der ersten gewesen, die mich hier begrüßt und akzeptiert hatten. Ein Mitt-Vierziger mit einer sympathischen Ausstrahlung und einem freundlichen Wesen. Wir unterhielten uns kurz darüber, was die Studenten schon wussten und was genau ich durchnehmen wollte, er nickte nur und als ich den Saal betrat wurde es ruhiger und ich hörte einen kurzen Ausruf. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, mochte es doch möglich sein, dass tatsächlich ein paar Studenten noch nichts davon mitbekommen hatten, dass eine junge Frau ihre Dozenten auf Trab hielt. Mr Warner stellte mich vor und dann begann ich. Selbstbewusst drehte ich das Licht runter und startete meine Präsentation. Ich hatte mir vorgenommen ein paar Studenten für mein Lieblingsgebiet zu begeistern und hatte viele Bilder rausgesucht. Nicht nur Bilder aus der damaligen Zeit, auf denen die Kreuzritter zumeist verherrlicht wurden, nein, ich zeigte auch Standbilder und Auszüge aus Filmen. Meine Stimme hallte klar durch den Raum und das Mikro war recht leise eingestellt, es herrschte eine seltsame Ruhe in dem Saal. Scheinbar plättete ich die Studenten, die an eine so junge Frau vor sich nicht gewöhnt waren. Als ich meine eigentliche Präsentation abgeschlossen hatte, stellte ich mich eventuellen Fragen. Bisher waren Fragen noch eher selten gewesen, denn die meisten trauten sich nicht mir welche zu stellen wenn sie mich das erste Mal sahen. Doch heute war das anders. Prompt hob sich eine Hand und eine junge Studentin legte los.

„Sie sagten vorhin, dass Saladin trotz seiner grausamen Kriegszüge ein Ehrenmann war. Doch wie kann es sein, dass solch ein ‚Ehrenmann‘ den Respekt seiner Männer nicht verliert wenn er den Invasoren so nett begegnet?“ Ich nickte anerkennend, eine kluge Frage.
„Nun, sehen sie es so, damals wie heute ist die Ehre eine sehr wichtige Komponente im muslimischen Glauben und hätte er sich verhalten wie manche Kreuzritter, so wäre er wohl nicht lange Heerführer gewesen. Sicher, Erbarmen durfte er nicht zeigen, so erschlug er ja auch so manchen angesehenen Kreuzritter, doch den König Jerusalems ließ er ziehen, denn ein König erschlug keinen anderen König. So war es damals Brauch wenn man ein Ehrenmann war. Saladin wollte kein sinnloses Abschlachten, er war klug, sein einziges Ziel war die unrechtmäßige Besetzung der Europäer zu stoppen.“ Die Studentin sah mich aufmerksam an und runzelte die Stirn. Eine andere Hand hob sich.
„Was halten sie von modernen Verfilmungen zum Thema Kreuzzüge?“ Ich lächelte auf diese Frage, hatte man sie mir doch auch in Deutschland oft gestellt.
„Spielen sie auf einen bestimmten Film an oder sprechen sie allgemein von Verfilmungen in den letzten 10-15 Jahren?“ Der Student zog ahnungslos die Schultern hoch.
„Nun gut, sprechen wir mal allgemeiner: Viele Verfilmungen sind natürlich durch europäische Sicht stark beeinflusst worden und verzerren damit ein wenig die Wirklichkeit der Kreuzzüge, doch zur Unterhaltung sind viele durchaus geeignet. Beeindruckt hat mich jedoch die erst kürzlich erschienene Verfilmung ‚Kingdom of heaven‘, denn es wird eine durchaus plausible Sicht der Kreuzzüge gegeben, bei der weder die Europäer noch die Muslime protestieren müssten. Natürlich mit einer üblichen Hollywoodromanze im Hintergrund.“ Einige Studenten lachten und danach kam keine Frage mehr. Erleichtert über die gelungene Vorlesung, räumte ich meine Sachen zusammen und unterhielt mich mit meinem Kollegen Mr Warner. Er selbst hatte noch einige Fragen an mich und wir fachsimpelten, bis er über meine Schulter blickte und sich räusperte.

„Was kann ich für sie tun, Mr Dayton?“, fragte er und ich drehte mich langsam um. Fast hätte mich der Schlag getroffen, vor mir stand Joe und sah mich schweigend an. Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln und wandte sich an Mr Warner.
„Nun eigentlich hatte ich eine Frage an Miss Keller, Mr Warner, verzeihen sie die Störung.“ Mr Warner winkte ab und verabschiedete sich von mir, schließlich würde er mich heute Abend bei der Versammlung der Geschichtsdozenten und ihrer Hilfswissenschaftler antreffen. Er verließ den Raum und ließ mich mit Joe zurück, der grinste nun ungläubig.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du meine Vorgesetzte bist.“ Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse und erwiderte:
„Nun, nur heute habe ich diese Klasse unterrichtet, aber wenn du Geschichte studierst wäre es möglich, dass wir uns noch häufiger treffen.“
„Ja ich studiere Geschichte, das ist mein 2.Semester, ich hab vorher eine Ausbildung gemacht. Sag mal, hast du jetzt zufällig Zeit? Dann könnten wir zusammen was essen gehen.“ Ich nickte, denn dies war für zwei Stunden meine letzte Vorlesung gewesen. So machten wir uns auf in die große Mensa der Universität und setzten uns gemütlich an einen Tisch. Es schmeckte zwar nicht wahnsinnig gut, aber es war auch nicht schlecht und wir unterhielten uns gut, bis ich eine mir wichtige Frage stellte:
„Wieso hast du so sauer reagiert als Tristan mit mir getanzt hat?“ Sein Lächeln erlosch sofort und er schaute weg. Ruhig wartete ich ab und nach ein paar Minuten antwortete er leise.

„Ich wollte dich nur beschützen. Du… du erinnerst mich an meine kleine Schwester.“ Überrascht erwiderte ich seinen Blick. Er hatte noch nie von einer Schwester gesprochen. Als hätte er meine Gedanken gelesen, fuhr er fort:
„Sie ist vor 4 Jahren gestorben, bei einem Autounfall. Aber sie war so wie du, lebhaft, fröhlich, offen und intelligent… und natürlich schön.“ Ich schwieg betroffen, damit hatte ich nicht gerechnet. Doch Joe fing sich schnell, scheinbar war er mittlerweile mit der Situation vertraut über den Tod seiner Schwester zu sprechen.
„Nicht dass ich Tristan nicht mag oder dir irgendwas vorschreiben möchte, aber… ich… ich fühlte mich einfach so wie damals als sie mit ihrem ersten Freund nach Hause gekommen war. Ich wollte sie nur beschützen, immer.“ Gerührt setzte ich mich neben ihn und umarmte ihn. Es schien ihm gutzutun und leise sprach er auf mich ein.
„Ist es okay wenn ich dich ein bisschen beschütze? Mir fehlt das Gefühl, du sollst zwar nicht meine Schwester werden… aber so als gute Freundin?“ Ich lächelte ihn warm an und nickte.
„Hey, das wär total süß, solang dus nicht übertreibst. Wenn ich mit nem Kerl tanze ist das solange okay wie er mir nicht zu aufdringlich wird. Und dann merkt man mir das an, glaub mir.“ Lachend nickte er und gemütlich spazierten wir danach noch ein bisschen über den Campus. Doch irgendwann musste ich los zu meiner nächsten Vorlesung und wir verabschiedeten uns mit einem kleinen Kuss auf die Wange.

Als die letzte Vorlesung vorbei war, wäre ich so gerne einfach nur nach Hause gefahren, doch heute war diese Versammlung und ich musste anwesend sein. Ich vertrieb mir die Zeit bis zu der Versammlung mit den Vorbereitungen und der Überarbeitung einiger Präsentationen. Mein Büro war nichts besonderes, doch es war mein eigenes und es machte mich glücklich. Seufzend lehnte ich mich zurück und dachte ein wenig nach. Jetzt wo ich wusste, wieso Joe so reagiert hatte am Samstagabend, war ich erleichtert und ich wusste ich konnte auf ihn zählen. Das war ein sehr schönes Gefühl und ich hatte es vermisst einen so guten männlichen Freund an meiner Seite zu haben, doch ich ahnte, dass Joe solch einer werden sollte.

Endlich war es Zeit mich auf den Weg zu der Versammlung zu machen und ich schleppte mich los, ich wusste es würde nicht übermäßig interessant werden, schließlich gab es nichts interessantes zu besprechen- so dachte ich zumindest. Der Anfang war recht langweilig, man besprach den Etat, den die Disziplin bekommen sollte und für was er verbraucht werden sollte, doch dann überraschte man mich.
„Miss Keller?“ Der Dekan der Fakultät sah mich lächelnd an und ich erwiderte den Blick fragend. Mr Warner grinste mich an.
„Wir haben da ein Projekt, das sie interessieren sollte.“ Ich saß noch immer schweigend da und sah den Dekan fragend an.
„Wir haben gedacht, dass sie eventuell etwas Pepp in unsere Disziplin bringen könnten. Was halten sie von einer Untersuchung ihres Spezialgebietes in Filmen und Büchern?“ Meine Augen weiteten sich überrascht und ein seeliges Lächeln trat auf mein Gesicht. Ich sollte eine kleine Forschungsarbeit leisten dürfen? So etwas hatte ich zu meinem Abschluss schon aufgezogen, aber es ganz offiziell zu tun wenn man nicht mehr nur Studentin war, das war fantastisch. Der Dekan und einige andere Dozenten schienen zu sehen, dass es mich sehr freute, denn sie lächelten und der Dekan klatschte in die Hände.
„Hervorragend, wir werden sie unterstützen, sodass sie möglicherweise Gespräche mit Darstellern oder Mitarbeitern solcher Verfilmungen führen können und was Bücher angeht, so werden wir ihnen einige Mittel zur Verfügung stellen. Sie werden ebenfalls 4 oder 5 studentische Hilfskräfte anstellen dürfen und Mr Warner und Mr Smith werden ihnen beratend zur Seite stehen, als die Dozenten in unserem Fach, die die meiste Erfahrung mit wissenschaftlichen Untersuchungen haben.“
„Ich danke ihnen vielmals für diese Chance.“, war alles was ich an diesem Abend noch rausbrachte. Vor Glück schwebend kehrte ich nach Ende der Versammlung nach Hause zurück.

Die nächsten Tage verbrachte ich mit meinen üblichen Vorlesungen und Seminaren und wann immer ich Freizeit hatte, entwarf ich Pläne für die Untersuchung und besprach mich mit den beiden Dozenten. Viele meiner Ideen wurden begeistert aufgenommen und sie machten mir durchaus passable Vorschläge für die studentischen Hilfskräfte, natürlich allesamt Studenten aus ihren Kursen der älteren Semester. Doch wie hätte es anders sein können?!
Ich arbeitete viel und ich blieb länger als nötig in der Uni und bereitete schonmal einige Vorlesungen und Seminarstunden vor, die ich erst in den nächsten Wochen halten musste. Bald würde das Semester enden, wir hatten schließlich schon Anfang Mai und Ende Juni war es schon wieder vorbei. Das Wochenende darauf hatte ich keine Zeit für Joe, Tristan, Keith, Sam oder Kyle, denn an diesem Wochenende begleitete ich ein Seminar Studenten auf einen Ausflug an den Limes, der England früher vor den ‚Wilden aus dem Norden‘ geschützt hatte. Noch aus der Zeit der Römer und es war erstaunlich, dass noch so viele Überreste zu finden waren. Wir waren Freitagnachmittag losgefahren und kamen Sonntagabend spät wieder. Es war ein  mehr als netter Ausflug gewesen, denn die Studenten hatten mich immer wieder eingeladen abends mit ihnen etwas zu unternehmen und da sich der andere Dozent ebenfalls nicht lumpen ließ und alle Formalitäten für diesen Ausflug fallenließ, tat ich das auch. Ich ging mit den Studenten, die ich betreute abends in den Pub und tagsüber, bei unseren Exkursionen, alberte ich mit ihnen herum, aber nicht so viel dass ich das eigentliche Ziel des Ausflugs vergaß.

 
 
 
Kapitel 3 – Ein Geburtstag und seine Folgen

Grinsend gönnte ich mir am Freitag darauf ein frühes Arbeitsende, ich hatte die Woche echt genug getan und mir ein bisschen Freizeit und Spaß verdient. Außerdem sollte heute Abend Joes Party stattfinden, auch wenn er erst am Samstag Geburtstag hatte, wir würden reinfeiern. Die Woche über hatte ich nebenbei auch mit Sam alles nötige für die Party besorgt, die bei ihr zu Hause stattfinden sollte, denn in Joes Appartment konnte man das echt vergessen. Seine Bude war zwar nett, aber leider viel zu klein und Sonya hatte gestattet, dass ihr Haus für dieses Wochenende ‚missbraucht‘ wurde. Sie würde ohnehin zu ihrer Schwester verreisen, auch wenn das bedeutete, dass sie ihren Sohn erst ein paar Tage später wiedersehen würde. Ich konnte nicht leugnen, dass ich gespannt war. Kein einziges Foto hatte ich von Sams Bruder bisher zu Gesicht bekommen und ich hatte es auch nicht gewagt, irgendeinen der anderen nach ihm zu fragen. Seit ich bei Sam übernachtet hatte, hatte ich seinen Duft nicht vergessen. Ich war mit einem seeligen Lächeln eingeschlafen und mit einem Lächeln aufgewacht in seinem Bett. Das allein hatte mich neugierig gemacht.

Zu Hause angekommen, ich hatte unterwegs etwas gegessen und ich wusste es würde bei Sam auch noch etwas geben, war mein einziger Gedanke der an eine schöne lange Dusche. Törichterweise hatte ich versprochen Sam bei den Vorbereitungen zu helfen und so würde ich früher kommen müssen als alle anderen, Joe mal ausgenommen, der uns nicht die ganze Arbeit allein überlassen wollte. Als ich unter der Dusche stand, dachte ich nach. In den letzten zwei Wochen hatte ich mich oft mit Joe in der Uni getroffen, wann immer wir die Zeit gefunden hatten, und wir hatten uns sehr gut kennengelernt und er kam mir tatsächlich schon wie ein großer Bruder vor. Ich schüttelte den Kopf und verscheuchte die Gedanken und fing an darüber nachzudenken, was ich tragen sollte. Irgendwie hatte ich Lust auf mein rotes Neckholdertop, das ich schon vor zwei Wochen im PQ getragen hatte. Leider konnte ich es nirgends finden und zuckte nach einem kurzen Blick auf die Uhr nur mit den Schultern. Dann musste es eben etwas anderes sein, dachte ich mir und durchsuchte meinen Schrank. Schnell wurde ich fündig: ein kurzer Jeansminirock (der war wirklich unerhört kurz, bedeckte aber alles nötige!) und ein langes weißes Top, unter dem ich mein kurzes grünes Paillettentop trug. Dazu nahm ich mir schwarze Sandalen und drehte mich vor dem Spiegel. Ja so gefiel ich mir. Nur noch schnell die Locken drehen mit einem Lockenstab und ein natürliches, aber strahlendes Make-Up aufgelegt und ich konnte gehen. Seufzend griff ich nach der großen Tasche, die ich schon gestern zusammengepackt hatte. Ich wusste es würde eine lange Feier werden und so hatte ich ein paar Wechselklamotten, sowie meinen Kulturbeutel und den Schlafsack eingepackt. Schließlich wollte ich auf alles vorbereitet sein. Mit einem Lächeln sah ich das Päckchen ganz oben liegen, das Joes Geschenk darstellte: ein T-Shirt seiner Lieblingsband Rammstein und ein Notenbuch mit allen Songs von Rammstein. Mit ein bisschen tricksen hatte ich einen Freund zu Hause in Deutschland dazu gebracht mir diese Dinge zu besorgen und per Eilversand zu mir zu schicken. Die Tasche in der Hand griff ich nach meinen Autoschlüsseln und verließ die Wohnung. Mein Auto, ein sehr altes Auto, das aber einwandfrei lief, stand in der Tiefgarage des Wohnhauses. Ich feuerte die Tasche auf den Beifahrersitz und fuhr zu Sam, auch Joe war schon dort, denn beide saßen vor der Haustür und warteten auf mich. Ich parkte ein Stück weiter, Gott sei Dank hatte Sam irgendwie dafür gesorgt, dass genug Parkplätze in der Straße frei waren, und stieg aus. Mit einem breiten Grinsen rannte ich, die Tasche in der Hand, zu den beiden und wir begrüßten uns fröhlich.

„Lily, du siehst klasse aus, meine Kleine.“ Joe schien echt begeistert von meinem Outfit und auch Sam gab mir mit einem Blick zu verstehen, dass es ihr gefiel was ich trug.
„Na wenn wir denn jetzt komplett sind, dann können wir ja damit anfangen die Party herzurichten.“, gab Sam den Ton an. Joe und ich liefen ihr einfach hinterher. Die Tasche stellte ich einfach in die Ecke und dann machten wir uns daran das Essen vorzubereiten. Joe schnibbelte alles mögliche: Gurken, Karotten, Tomaten, Paprika. Sam und ich bereiteten Dips vor und wir drei lachten viel. Es machte einfach Spaß so zusammenzusein und sich zu amüsieren. Neben uns lagen haufenweise Chips- und Nachotüten, sowie Salzstangen, Gummibärchen und Erdnüsse. An nichts sollte es fehlen am heutigen Abend und bei lauter Musik werkelten wir in der Küche herum. Getränke standen kühl und wir alberten nur so herum bis die ersten Gäste kamen. Natürlich waren Tristan, Keith und Jodie die ersten, die kamen, darauf folgten viele Leute die ich nicht kannte, aber auch Dave und Darren kamen noch und bei Musik und Getränken hatten wir alle einen Riesenspaß. Nie hätte ich gedacht, dass so viele Menschen kommen würden, vor allem da ich mehr als die Hälfte von ihnen nicht kannte, aber es waren bestimmt 35 Menschen hier. Neugierig wie ich nun mal war, sah ich mich immer wieder um, doch keiner der Anwesenden schien Sams Bruder zu sein. Leise seufzte ich und spürte dann einen warmen Atem in meinem Nacken.

„Na was hast du denn?“, hörte ich Tristans klare Stimme und mit einem Lächeln drehte ich mich um. Ich zuckte mit den Achseln.
„Ach keine Ahnung, mir war gerade einfach danach.“ Sein Lächeln wurde breiter und er forderte mich zum Tanzen auf, was ich gerne annahm. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Joe uns beobachtete und ich lächelte ihm beruhigend zu. Tristan legte die Arme an meine Hüfte und tanzte sehr körperbetont mit mir auf das Lied ‚Don’t cha‘ von den Pussycat Dolls. Es machte irrsinnigen Spaß und ich machte mir einfach eine nette Zeit.

So viele Leute waren hier und amüsierten sich, sie feierten und tranken, hatten eine schöne Zeit. Es war fast so wie jedes Jahr, doch eigentlich konnte Sam sich das nicht vormachen. Ihr Bruder war nur noch selten zu Hause und sie vermisste das Gefühl ihn in ihrer Nähe zu haben und zu wissen, er würde sie jederzeit in den Arm nehmen. Er war weg. Doch dafür hatte sie jetzt Lily gefunden. Lily war ihr die beste Freundin, die sie je gehabt hatte. Lily war einfach klasse zu ihr und Sam liebte sie schon jetzt besonders. Sam wanderte durch den Raum und als sie am Türrahmen vorbeikam, schlangen sich zwei starke Arme um sie und zogen sie aus dem Zimmer. Bevor sie irgendetwas sagen konnte, wurde sie herumgedreht und sah Orlando vor sich stehen. Schweigend fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn lange an sich. Er hatte ihr so gefehlt, sie liebte ihn über alles und wünschte sich ihn öfters zu sehen. Es war schön ihren Bruder wieder bei sich zu haben und er schien sich ebensosehr zu freuen. Sie standen eine Weile so da und genossen den kurzen Moment, in dem sie allein waren. Vor allem nach so langer Zeit… das letzte Treffen war etwa 7 Monate her gewesen.
Von ihrem Platz im Flur aus, der im Gegensatz zum Wohnzimmer dunkel war und sie verbarg, konnten sie die Feiernden beobachten und Orlando sah viele seiner alten Freunde und Bekannten im Raum. Doch eine Person war neu.
„Wer ist die Kleine, die da mit Tristan so scharf tanzt?“ Sam kicherte.
„Ist dir mal aufgefallen wie Joe die beiden anstarrt? Er sieht aus als würde er Tristan dafür am liebsten ermorden.“, sagte Sam grinsend, „Sie heißt Lily und Keith hat sie vor ner Weile angeschleppt, sie ist klasse. Eine total süße Maus und mittlerweile meine beste Freundin geworden.“ Ihre Worte klangen warm und sie meinte sie absolut ehrlich. Orlando lauschte den Worten seiner Schwester und musterte die junge Frau. Sie sah absolut umwerfend und selbstbewusst aus und er konnte es weder Tristan noch Joe verdenken, dass sie auf sie standen. Das Lied war zu Ende und Lily löste sich ein wenig von Tristan, sie gesellte sich zu Keith, der ihr wortlos ein Glas Vodka einschenkte und hinhielt, sie trank es in einem Zug leer und lachte mit ihm.
„Vielleicht solltest du langsam den anderen Hallo sagen, schließlich ist gleich Mitternacht und dein bester Kumpel Joe wartet auf dich, Bruderherz.“ Orlando nickte und betrat zusammen mit Sam den Raum, Joe sah ihn als erster und ließ ein Freudengebrüll hören und stürzte sich auf ihn. Alle drehten sich um und applaudierten als sie Orlando sahen, nur Lily verstand nicht was gerade passierte. Joe und Orlando umarmten sich freudig und klopften sich auf die Schulter, Sam bereitete schon einmal die Sektgläser vor- gleich war es Mitternacht und Joes Geburtstag. Lily kam dazu und half ihr. Sie war ungewöhnlich schweigsam, aber ihre Blicke kehrten immer wieder zu Orlando zurück. Das konnte Sam einfach nicht entgehen und sie stellte sich neben Lily.
„Das ist mein Bruder, Lily.“ Lily sah Sam an und ihre Augen waren leicht glasig, sie hatte schon zuviel getrunken und würde sich morgen wohl kaum noch an alles erinnern. Aber sie schien fröhlich zu sein. Mittlerweile zählten die anderen den Countdown ein und Joe stand im Mittelpunkt, Orlando neben sich. Aufgeregt winkte er Sam und Lily zu sich und als es Mitternacht war, drehte er sich zu Lily und küsste sie auf den Mund. Totenstille im Raum, alle waren viel zu überrascht um sich zu regen. Joe löste den Kuss und umarmte der Reihe nach seine Freunde. Lily stand mit einem Glas in der Hand da und stürzte es einfach nur hinunter. Sam gesellte sich schnell zu ihr und flüsterte ihr leise eine Frage zu:
„Was war das denn, Lily?“ Schweigend zuckte diese mit den Schultern und erhaschte gerade noch einen Blick auf Jodie, die sie total böse anstarrte.

Wieso hatte Joe das getan? Ich konnte es mir nicht beantworten, doch eines war klar, es war kein besonderer Kuss gewesen. Nur ein Kuss auf den Mund, einen von tausenden, wie ich sie schon mit Kyle oder einem anderen guten Freund getauscht hatte. Tristan sah etwas zerknirscht aus und Joe, der gerade ein paar Gläser in aller Hast heruntergestürzt hatte, legte den Arm um mich und hielt eine kleine Ansprache:
„Liebe Leute, vor allem du Orlando hör zu, du kennst sie noch nicht. Das hier ist Lily, unserer alle Freundin… und vor zwei Wochen hab ich sie adoptiert- als Schwester.“ Gott, wie war ich froh als er das verkündete. Ich dachte schon er hätte den Verstand verloren oder mich belogen, aber nein, es war doch nur ein freundschaftlicher Kuss gewesen. Ich spürte es an der Art wie er mich im Arm hielt.
„Und jetzt wird gefeiert, Leute!“, rief er lautstark und alle lachten. Die Party ging jetzt erst richtig los. Keith stellte sich neben mich und schenkte mir noch ein Glas Vodka ein und da ich mich gut fühlte, stürzte ich es zeitgleich mit ihm hinunter und wir lachten. Keith war zwar ein eher zurückhaltender Kerl, aber hatte man ihn einmal als Freund gewonnen, konnte man mit ihm Pferde stehlen. Jetzt kam auch Joe dazu und wir tranken noch ein Glas, diesmal auf ihn. Ich wusste ich war betrunken, aber es war mir egal- mir ging es gut. Während Keith und ich ein Glas nach dem anderen leerten, durfte Joe seine Geschenke auspacken. Von meinem war er begeistert ohne Grenzen. Es ging noch lange so weiter, aber irgendwann war nur noch der harte Kern da und wir genossen es unter uns zu sein. Jodie hing in Darrens Armen und Dave saß daneben, alle drei sahen total fertig aus. Sam schickte sie nach Hause, sie war die einzige die noch halbwegs klar denken konnte, denn auch Orlando hatte in der Zeit in der er nun da war einiges getrunken. Keith verschwand auch kurz darauf und er schleppte Tristan mit, der sich heftig wehrte, aber kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Nun waren nur noch Sam, Orlando, Joe und ich da- und wir alle sollten hier übernachten. Sam ging zu Bett, sie war todmüde. Orlando verabschiedete sich auch und stieg die Stufen hoch, Joe und ich tranken noch ein paar Gläser weiter und lachten zusammen, dann schlief er an Ort und Stelle ein. Ich war verwirrt, so auf einmal und ich erkannte das Haus als das von Sam und ihrer Mutter, Orlando hatte ich schon wieder vergessen. Da ich micht nicht mehr ganz orientieren konnte, ging ich an den einzigen Ort, der mir in diesem Haus irgendwie vertraut war… Ich stieg die Treppen hoch und zog dabei meinen Minirock, mein grünes Paillettentop und meinen BH aus, schließlich wusste ich dass im Haus sonst niemand mehr wach war. Ich trug nur noch meinen Slip und mein langes weißes Top. Wie ich es schaffte mich noch abzuschminken weiß ich nicht mehr, aber nachdem ich aus dem Bad trat, stolperte ich in das Zimmer und legte mich ins Bett. Das da noch jemand anderes lag, fiel mir in diesem Augenblick nicht auf. Sofort als mein Kopf das Kissen berührte, schlief ich ein.

Orlando erwachte mitten in der Nacht, er wusste nicht wieso, aber er hielt sich den Kopf- er war noch immer gut betrunken und er spürte es sehr deutlich. Ebenso deutlich wie etwas Warmes, Weiches an seinem Bein. Er trug wie üblich nur seine Boxershorts und als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, staunte er nicht schlecht. Neben ihm lag eine junge Frau, ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, aber er atmete erleichtert auf, als er bemerkte, dass ihre Haare auf gar keinen Fall blond waren. ‚Es ist also nicht Jodie, so ein Glück, ich dachte schon ich hätte mich wieder auf diese falsche Tussi eingelassen, so wie damals als ich vom Balkon gestürzt bin…‘ Zögernd streckte er die Hand nach ihr aus und ihm wurde bewusst wie gut sie roch. Er schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und betrachtete es für einen Augenblick. Wer war sie? Er konnte sich nicht mehr an dieses Gesicht erinnern, aber er merkte sehr wohl, dass sie verdammt hübsch war. Sie schien seine Berührung zu spüren, denn sie schmiegte ihr Gesicht in seine Hand und strich instinktiv mit dem Bein über seines. Orlando grinste. Er mochte solche flüchtigen Berührungen und obwohl er nicht wusste wer sie war, legte er sich dicht an sie und zog sie zu sich. Ihr Körper lag in seinen Armen und es fühlte sich gut an, mit ihrem Bein strich sie leicht über seinen Oberschenkel und er seufzte wohlig. Ihre Haut war samtig zart und seine Hand strich langsam über ihren nackten Bauch. Moment, wieso war sie nackt? Er hob die Decke an und grinste, sie trug sehr wohl Klamotten: einen kleinen Slip und ein halbdurchsichtiges weißes Top. Das Top war so weit hochgerutscht, dass es gerade noch ihren Busen bedeckte. Nun krallte sich ihre Hand an seinen Oberkörper und er genoss die Berührung sehr. Mit einer Hand fuhr er über ihre langen roten Locken und er seufzte auf. Eine rothaarige, solch eine Seltenheit und sie roch so gut. Wieso wusste er nicht wer sie war? Sie sah wunderschön aus und ihre Haut fühlte sich so gut an unter seiner Hand. Er schmiegte sich enger an sie und schlief wieder ein, mit einem guten Gefühl im Bauch.

 
 
 
Kapitel 4 – Peinliches Erwachen und ein doch noch schöner Tag  

Der Morgen kam unbarmherzig und es war viel zu warm. Ich seufzte leise und hielt die Augen fest geschlossen, denn der Kater war viel zu stark. Mein Kopf dröhnte und es fühlte sich an als würden tausend Dampfwalzen durchrollen. Doch durch den ganzen Nebel in meinem Kopf, spürte ich dennoch noch etwas anderes. Mir war unglaublich warm, viel zu heiß und etwas Schweres lag auf meinem Bauch und ebenso in meinem Haar. Minuten lag ich still da und atmete einfach ruhig durch. Doch auf einmal bewegte sich das etwas auf meinem Bauch und erschrocken schlug ich die Augen auf und wollte mich aufsetzen, doch es ging nicht. Erst sah ich gar nichts, denn die ungewohnte Helligkeit drückte mir auf die Augen. Nach ein paar Sekunden konnte ich jedoch wieder klar sehen und sah in zwei große braune Augen, die mich verwirrt anblinzelten. Wir bekamen beide einen Schock und blieben still liegen und sahen uns an. Dieses ungewöhnlich hübsche Gesicht sah mich nur weiter verwirrt an und ich starrte zurück, bis ich endlich doch meine Sprache wiederfand.

„Was machen sie hier?“, fragte ich und war stolz, dass meine Stimme nicht hysterisch klang.
„Das könnte ich genauso fragen, schließlich ist das hier mein Zimmer.“, seine Stimme klang voll und dunkel, genauso wie ich eine männliche Stimme eigentlich mochte, aber jetzt erschreckte mich diese Stimme nur. Ich kannte sie und auch wenn mir mein Gehirn gerade nicht die Befriedigung gab mir zu sagen woher, ich wusste ich kannte diese Stimme.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich versuchte erneut mich aufzusetzen, dabei wurde mir und wohl auch ihm zum ersten Mal bewusst, dass seine Arme um mich geschlungen waren und mein Bein zwischen seinen lag. Oh Gott und das mit Sams Bruder! Hektisch befreiten wir uns voneinander und als ich an mir heruntersah und nur den Slip und das halbdurchsichtige weiße Top sahen, da zog ich hastig die Decke etwas höher und bedeckte meinen Körper. Er bedachte mich nur mit einem ruhigen Blick, einem Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue. Nicht dass ich mich für meinen Körper schämte, aber trotzdem musste ja nicht jeder meinen Busen sehen. Nun grinste er und beugte sich ein wenig vor zu mir.

„Ich weiß ja nicht wieso wir zusammen aufwachen, aber vielleicht wäre das nun der richtige Zeitpunkt sich vorzustellen?!“ Seine Stimme klang amüsiert und ich erwiderte seiner Ironie erstmal nichts.
„Lily.“, kam es leise über meine Lippen und sein Gesicht erhellte sich.
„Oh, die neue in der Clique, verstehe. Sams neue beste Freundin. Ich bin Orlando, Sams Bruder.“ Wham da war es. Mein Gehirn hatte mir die entscheidene Information zukommen lassen, sagte mir nun woher ich diese Stimme kannte… vor mir saß Orlando Bloom! Mit nacktem Oberkörper und einem Grinsen im Gesicht. Fragt mich nicht womit ich das verdient hatte, aber genau in diesem Augenblick stürmten Joe und Sam total aufgelöst rein und riefen durcheinander:

„Du musst uns helfen Lily zu finden, sie ist betrunken gewesen und weg und wir wissen nicht wo sie ist, steh auf und hilf!“ Sein Bett stand so, dass man mich gerade nicht sah, denn ich verschwand hinter seinem Rücken. Er sah mich ruhig an und antwortete den Beiden:
„Ich hab sie schon gefunden, Leute.“ Langsam ließ er sich aufs Bett zurückfallen und offenbarte den beiden einen Blick auf mich, wie ich total verwirrt in seinem Bett saß und in seine Decke gewickelt war. Sams Augen wanderten durch den Raum und sie sah seine und meine Klamotten am Boden liegen und wurde rot. Dann verschwand sie ohne ein Wort und polterte die Treppe runter. Wir anderen sagten kein Wort, sondern starrten ihr nach. Es war Orlando der sich dann räusperte und aus dem Bett schwang. Er griff nach einer Hose und streifte sich ein T-Shirt über, während er aus dem Zimmer ging und nur einen Satz sagte:

„Ich seh mal nach ihr.“ Joe starrte mich schweigend an, dann drehte er sich um und blieb wo er war. Ich verstand und stieg aus dem Bett, zog meine Klamotten wieder an und richtete dann leise Worte an ihn.
„Es tut mir Leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt.“ Er drehte sich um und schaute mich scharf an. Dann wurde sein Blick weich und er schüttelte den Kopf.
„Das ist schon ok, wir dachten einfach dir wäre vielleicht was passiert weil du nicht da warst. Und so betrunken warst. Aber dass du bei Orlando im Bett liegst… Gott, ich hätte nicht gedacht, dass du eines dieser Mädchen bist was ihm sofort verfällt nur weil er berühmt ist.“
„Ich bin ihm nicht verfallen, verdammt. Ich war betrunken und bin heut Morgen hier aufgewacht, ich hatte keine Ahnung wer neben mir liegt und habe es heute Nacht nicht mal mitbekommen so betrunken war ich.“ Meine Stimme war laut und ich konnte mich nicht beherrschen, in meine Augen trat ein gequälter Ausdruck. (Ja ich hatte realisiert dass ich einen peinlichen Auftritt vor einem Orlando Bloom gehabt hatte! *seufz* Und verdammt hatte er gut ausgesehen ohne Shirt! *kicher*) Joe musste das sehen können, denn auf einmal kam er auf mich zu und zog mich in seine Arme. Seine Umarmung war fest und ich ließ den Kopf gegen seine Schulter fallen, ich ließ mich von ihm trösten. Er strich mir über den Kopf und lotste mich zur Tür.

„Na komm, Schwesterchen, Katerfrühstück. Und nimms dir nicht so zu Herzen, Orlando mag zwar bekannt sein, aber er ist kein komplettes Arschloch. Und ich denke er wird es schaffen Sam zu beruhigen.“ Resignierend ließ ich mich die Treppe runterbugsieren und in die Küche schieben. Dort standen Orlando und Sam und tranken Kaffee. Sam sah auf und lächelte mich an. Ich konnte in ihren Augen sehen, dass was auch immer sie geschockt hatte, nun aus der Welt war. Erleichterung durchflutete mich.
„Willst du einen Kaffee?“, fragte sie leise und hielt mir eine volle Tasse hin. Dankend nahm ich die Tasse und stürzte den heißen Kaffee runter. Auf dem Tisch standen Bagels und Croissants und eine Flasche Orangensaft. Mit einem wohligen Seufzer ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und schloss die Augen.

„Ui ich glaub du bist die erste Frau, die nach einer Nacht mit Orlando einen Kaffee und einen ganz normalen Stuhl viel interessanter findet als ihn!“ Sam fing an zu kichern und Orlando warf Joe einen bitterbösen Blick zu, ich hatte ein Auge aufgemacht und fing nun ebenfalls an zu kichern. Jetzt war keiner mehr zu halten, wir fingen alle an zu lachen und hörten für einen ganzen Moment nicht mehr damit auf. Dann machten wir uns grinsend über das Frühstück her und dass es schon 13 Uhr war störte uns nicht im Geringsten. Obwohl ich Orlando kaum kannte und er mich an diesem Morgen so erschreckt hatte, irgendwie war er mir sympathisch. Ich mochte seine Witze und seine Art, wie er seine Schwester ansah. Sie war für ihn etwas besonderes und es war dem Blick nicht unähnlich mit dem mich Joe gelegentlich bedachte. Ein warmes Gefühl überkam mich und ich lächelte glücklich in meinen Kaffee.

„Wo ist Maude, Orlando?“ Ich sah auf, bei dem Namen klingelte etwas bei mir. Maude war sein Hund, oder?! Er lächelte seine Schwester schief an.
„Sie ist in der Wohnung meines Agenten, ich wollte sie nicht mit auf eine Party nehmen, aber ich werde sie nachher abholen.“ Jetzt war ich verwirrt, war Maude vielleicht doch seine Freundin? Nein, dann hätte er sie doch mit auf eine Party nehmen können. Sam seufzte.
„Ich würde gerne mit dir und ihr spazieren gehen, aber ich muss nachher zu Onkel Jim fahren. Er braucht meine Hilfe und Joe wollte mit und den Schrank reparieren. Onkel Jim kann sowas doch nicht mehr.“ Orlando sah auf und nickte dann.
„Ja ich denke ich werde es schaffen meinen Hund auch alleine abzuholen. Obwohl ich ungern aufs Land fahre und allein mit ihr spazieren gehe.“ Sam sah kurz zu Joe und dieser nickte unmerklich, dann machte sie einen unerwarteten Vorschlag.
„Nimm Lily mit, sie hat heute nichts mehr zu tun und sie hat angeblich ne tolle Singstimme.“ Nicht mal mit Kater konnte ich diese Anspielung auf seine Fluch der Karibik-Filme nicht nicht (!) verstehen! (Boah komplizierter Satz ^^ )

„Und ich bin kein Eunuch.“, brachte ich trocken als Kommentar dazu. Joe und Sam fingen wieder an zu lachen und Orlando und ich sahen uns kurz an, dann wendeten wir hastig den Blick ab.
„Hm, wenn sie mitkommen möchte, klar. Mich soll es nicht stören.“
„Na schön, dann wünsch ich euch viel Spaß, komm Sam, wir wollen los. Ich hab alles im Auto was ich brauche.“ Sie nickte und eine Minute später waren beide aus der Tür. Offenbar waren die beiden weitaus weniger verkatert als Orlando und ich, denn wir konnten gar nicht so schnell reagieren wie die beiden aus der Tür waren. Seufzend erhob ich mich und räumte den Tisch ab. Schweigend sah Orlando mir zu und griff sich an den Kopf. Es schien ihn zu verwirren, dass ich wusste wo alles hingehörte und mich wie selbstverständlich hinstellte und alles einräumte.

„Willst du an die frische Luft?“, kam dann völlig unerwartet seine Frage. Ich drehte mich um.
„Meinem Kater würde es gut tun.“ Er grinste und stand dann auf.
„Wenn wir mit meinem Hund rausgehen, solltest du vielleicht eine Hose anziehen. Obwohl ich auch nix dagegen hätte, deine Beine weiter zu betrachten.“ Innerlich stöhnte ich auf. Um Gottes Willen, wieso mussten Männer immer so sexistisch und Machos sein. Doch sein Grinsen sagte alles.
„Tja, der Herr, leider habe ich in meiner Tasche aber keine Hose.“ Seine Hand schloss sich um mein Handgelenk und er zog mich mit sich, die Treppen rauf und zurück in sein Zimmer. Dort ließ er meine Hand los und stellte sich vor seinen Schrank und kramte darin. Er zog eine dunkelblaue Jogginghose von Puma heraus (die Marke erkannte ich sofort, denn ich liebte Puma!) und hielt sie mir auffordernd hin.

„Die könnte dir passen und ist wahnsinnig bequem. Die ist von Calcium Kid und da hatte ich noch nicht zulegen müssen so wie für Kingdom of heaven.“ Seine Erklärung sagte mir nicht viel, gut die Filmtitel natürlich, aber der Inhalt sagte mir nichts. Ich nahm die Hose und sah ihn abwartend an, er zog wieder eine Augenbraue hoch.
„Was denn?“
„Könntest du dich wohl zumindest umdrehen wenn ich mich umziehe?“ Er winkte grinsend ab und seine Augen funkelten schalkhaft.
„Ich hab dich doch schon längst in Unterwäsche gesehen…“ , er bemerkte das Funkeln in meinen Augen und drehte sich schnell um. Kopfschüttelnd zog ich meinen Rock aus und die Hose an und Orlando hatte Recht, sie war wahnsinnig bequem und sie passte. Gelassen und mich wohlfühlend schritt ich nah an Orlando heran, der sich nicht rührte und abwartete.

„FERTIG!“, rief ich laut in sein Ohr und er schreckte zusammen. Lachend ging ich an ihm vorbei und die Treppe runter. Murrend kam er mir hinterher und hielt sich Kopf und Ohren. Ich grinste von einem Ohr zum anderen und stand abwartend an der Tür.
„Gut, naja dann mal los. Nimmst du noch was zu trinken mit bitte?“, wandte er sich an mich und ich zog zwei Flaschen Wasser aus dem Kühlschrank, während er eine Leine und eine Decke packte. Dann trottete ich ihm hinterher zu seinem Auto, einem schicken aber unscheinbaren schwarzen Ford. Über meiner Schulter hing eine kleine Umhängetasche, in der ich Handy, Portenmonnaie und Schlüssel hatte. Orlando trug eine Decke zum Auto und breitete sie auf dem Rücksitz aus. Er ließ die Tür zufallen und setzte sich ans Steuer.

„Kannst du überhaupt schon fahren mit dem Kater?“ Er grinste und startete den Motor. Ich musste zugeben, er fuhr zeimlich gut, dafür dass er eigentlich noch ziemlich verkatert sein sollte. Es ging erstmal in die Innenstadt und er telefonierte währendessen mit seinem Agenten. Als Orlando anhielt, kam ein Mann auf das Auto zu, einen Hund an der Hand. Orlando stieg hastig aus, doch ich blieb sitzen, ich wusste nicht was ich machen sollte. Orlando gab dem Mann die Hand und raufte mit seinem Hund, dann, recht schnell, machte er die Hintertür auf und ließ seinen Hund reinspringen. Kurz darauf fuhren wir aus der Stadt raus. Maude, Orlandos Hündin, schnupperte an meiner Hand und ließ sich die ganze Fahrt über von mir kraulen.

„Wow, normalerweise schließt sie die Leute nicht so schnell in ihr Herz.“ Ich lächelte, schon immer hatte ich einen guten Draht zu Tieren gehabt, nunja, zumindest zu denen die Fell besaßen. Maude leckte meine Hand ab und wenig später waren wir mitten im Nirgendwo angekommen und Orlando stieg aus. Ich tat es ihm nach und Maude sprang fröhlich hinterher. Die Hündin genoss es und rannte und sprang überall herum, umkreiste uns und lief voraus. Orlando und ich gingen schweigend einige lange Minuten, bis wir anfingen uns zu unterhalten. Die Landschaft war wirklich schön. Sanfte Hügel und viel grünes Gras und einige Baumgruppen prägten die Gegend und ich sog froh die klare Luft ein, die hier herrschte. Manchmal hatte ich in London das Gefühl zu ersticken, obwohl ich die Stadt wirklich sehr mochte. Wider Erwarten hatte ich wirklich keine Scheu vor ihm, was vielleicht daran lag, dass ich morgens neben ihm aufgewacht war, und wir quatschten ewig und drei Tage. Wir fanden genug Themen über die es sich zu reden lohnte und da Maude nie müde wurde rumzuspringen, merkten wir nicht wie lange wir schon unterwegs waren. Irgendwann sah ich auf die Uhr und schnappte nach Luft. Orlando sah mich an und runzelte die Stirn, dann warf er selbst einen Blick auf die Uhr und seufzte.

„Ups, ich war so froh mal in absolute Ruhe zu kommen, dass ich glatt die Zeit vergessen hab. Ich hoffe ich hab dir nicht den Tag geklaut.“ Ich schüttelte den Kopf und lachte.
„Mein Tag war frei und ich bin auch froh mal aus der Stadt zu kommen. Seit ich hier wohne ist mir das nicht häufig passiert.“ Wir schlugen einen Weg ein, der scheinbar zum Auto zurückführen sollte.
„Darf ich fragen was das heißt? Seit wann bist du denn in London und was machst du?“
„Ich bin jetzt seit fast 5 Monaten hier und unterrichte Geschichte an der London University.“ Mit großen Augen sah er mich an.
„Moment, du bist doch höchstens 25 und unterrichtest schon?“
„Ich bin sogar erst 23.“, antwortete ich grinsend und fuhr fort, „Und ich bin keine richtige Professorin oder so, ich unterrichte nur und bald darf ich forschen.“ Anerkennung lag in seinem Blick und er pfiff durch die Zähne.
„Für das Alter von 23 ist das doch mal verdammt viel erreicht würde ich sagen.“ Ich errötete leicht und nuschelte vor mich hin:
„Naja, du hast doch auch schon ne Menge erreicht…“ Er lief neben mir her und sein Grinsen wurde immer breiter. Leider machte sein Grinsen mich nur noch nervöser und ich errötete mehr und mehr. Maude kam zu uns zurück und lief neben uns her, eine Leine brauchte man für sie hier draussen nicht, sie hörte auf jedes Wort ihres Herrchens. Sie erinnerte mich daran, dass ich als Kind immer von einem Hund geträumt hatte. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder an seinem Auto an und hatten einen tierischen Durst. Zum Glück hatte ich zwei Flaschen mitgenommen und wir leerten sie durstig, bevor wir uns auf den Rückweg machten.

„Soll ich dich irgendwo absetzen oder kommst du nochmal mit zu uns?“, seine Frage riss mich aus einigen kreativen Gedanken und er musste sie wiederholen bevor ich antworten konnte.
„Meine Sachen und mein Auto sind noch bei euch, also… und eigentlich wollten die anderen heute noch was machen.“ Er nickte und lächelte und fuhr zu sich nach Hause, den Weg würde er immer genau kennen, auch wenn er Jahre fortgewesen sein sollte. Ich versank wieder in meinen kreativen Gedanken und reihte in Gedanken ein Wort an das andere. Bei ihm angekommen, werkelte Joe vor der Haustür rum und Sam stand in der offenen Tür und lächelte als sie uns sah.

Mit Maude spazierten wir zu ihnen rüber und begrüßten sie. Sam sagte nichts und musterte uns nur ruhig und unauffällig, doch Joe plapperte gleich drauflos.
„Hey, die anderen haben angerufen. Da Mrs Bloom uns das Haus fürs ganze Wochenende überlassen hat, haben wir uns gedacht wir machen heut Abend hier einen gemütlichen Abend mit etwas Alkohol und ner Menge Pizza und vielleicht ein oder zwei Filmen.“ Orlando schien sofort begeistert und ich wollte ablehnen, schließlich müsste ich noch etwas für die Uni machen, doch Joe wollte davon nichts hören.
„Nix da, du bleibst hier und relaxed ne Runde mit uns.“ Sam stimmte ihm zu und so hatte ich wirklich keine Wahl.

Es dauerte nicht lange und die anderen standen wieder vor der Tür. Sie brachten allerlei Alkohol und Pizzakartons mit und gemütlich fläzten wir uns auf Stühle und Sessel und das Sofa, ich saß am Boden und hatte den Rücken gegen das Sofa gelehnt, direkt hinter mir saßen Joe und Orlando. Maude schnüffelte die ganze Zeit an meiner Pizza, aber ich konnte sie gerade so davon abhalten sie zu fressen. Jodie war heute Abend nicht dabei, niemand wusste wieso, sie hatte einfach nur gesagt sie könne nicht und wieder aufgelegt. Sam, Orlando und ich waren irgendwie froh darüber, denn wir konnten nicht viel mit ihr anfangen.

Die Pizza war wunderbar und als wir fertig gegessen hatten, machten wir uns daran einen Film zu schauen: 28 Days later. Nun machten wir es uns alle auf dem Boden bequem und Maude nahm das Sofa in Beschlag. Wie junge Menschen halt nun mal so sind, beschlossen wir, auf jeden Infizierten ein Glas zu trinken. Wir hatten Rum vor uns stehen, mehr als genug und nur Darren würde nichts trinken, denn er würde die anderen später heimbringen. Nur Joe und ich (und natürlich Sam und Orlando) sollten hier übernachten. Wie in der Nacht zuvor. Es dauerte nicht lange und Sam und ich überboten uns in peinlichen Bekundungen, wie sexy der Hauptdarsteller doch war- wir hatten einfach alle mal wieder zuviel getrunken.

„Der hat einfach einen geilen Arsch.“, ließ nun Sam verlauten und ich kicherte dämlich.
„Na, der von deinem Bruder ist doch auch nicht schlecht in Kingdom of heaven.“ Oh, verdammt- hatte ich das gerade wirklich laut gesagt? Hilfe, so sende mir doch einer Hilfe und vergrabe mich tief im Erdboden. Sam kicherte nur blöde und die Jungs grinsten alle mehr als anzüglich. Nur Orlando starrte stur geradeaus. Ich spürte wie mein Kopf knallrot anlief und die anderen lachten nur noch mehr. Sam legte mir die Arme um die Schultern und zog mich an sich, ich vergrub mich in ihren Haaren und sagte ersteinmal nichts mehr.

Nach einigen Gläsern mehr, hatten die Jungs das ganze schon wieder vergessen und alberten rum wie vorher. Es war spät und Keith und Dave lallten schon verdächtig laut, als Darren sich die beiden griff und ging. Dann saßen wir nur noch zu viert da (Maude nicht eingerechnet!). Sam hatte mir nachmittags gezeigt wo ich schlafen könnte heute Nacht und jetzt verabschiedete sie sich und ging zu Bett. Ich tat es ihr nach und machte mich auf in das Zimmer, das mir zugedacht war: das Zimmer von Mama Bloom und ich hatte ihre Erlaubnis dort zu schlafen! Orlando und Joe wollten sich wohl auch schlafen legen. Jedenfalls hörte ich einen die Stufen hochpoltern. Ich lag da und konnte nicht schlafen. Mir fiel diese unglaubliche Peinlichkeit von vorhin ein und ich stöhnte leise. Gott, wieso nur lockerte der Alkohol meine Zunge so?! Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch, als ich ein leises Knarren hörte. Hatte sich da nicht eben ein Schatten bewegt vor meiner Tür? Als sich nun die Tür bewegte lag ich ganz still und vergaß fast das Atmen. Die Tür ging ein kleines Stück auf und ich erkannte die Silhouette eines Mannes in der Tür.

„Orlando?“, flüsterte ich ungläubig in das stille Zimmer. Die Silhouette erstarrte.
„Oh, hey, du bist ja noch wach.“, unentschlossen blieb er stehen. Ich konnte nun sehen, dass er nur seine Boxershorts trug und ansonsten unbekleidet vor dem Bett stand.
„Ja, was ist los?“ ich konnte nicht verhindern, das meine Stimme meine Verwirrung darlegte.
„Ähm, naja, ich… ich kann nicht einschlafen, noch nicht und dachte vielleicht kann ich mit dir noch ein bisschen quatschen? Sam und Joe schlafen schon.“ Er kam ein Stück näher und blieb neben dem Bett stehen, ich sah dass er eine Gänsehaut hatte. Langsam und etwas müde setzte ich mich auf, streckte die Hand aus und zog ihn zu mir aufs Bett, dann hielt ich die Decke auffordernd hoch. Ein verwirrter Blick traf meinen.

„Du siehst so aus als sei dir kalt.“, stellte ich fest und er nickte und gesellte sich zu mir unter die Decke. Da dieses Bett eher klein war, lagen wir Seite an Seite und schwiegen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas gar nicht stimmte.
„Du tust meiner Schwester gut, Lily.“, ich sah ihn fragend an und er zuckte nur mit den Schultern, „Sie war in den letzten zwei Jahren nicht mehr so happy in unserer Runde… seit ich weggegangen bin. Doch jetzt wo du dabei bist, ist es fast wie damals. Sie lacht und bringt blöde Kommentare… das hab ich lange nicht mehr bei ihr gesehen.“ Seine Stimme klang traurig und ich traute mich nicht ein Wort zu sagen. So schwiegen wir eine Weile und wie aus dem Nichts kam auf einmal:
„Danke.“ Mein Kopf fuhr herum.
„Für was denn?“ Er seufzte leise und dann hörte ich das breite Grinsen in seiner Stimme:
„Für das Kompliment zu meinem Hintern.“ Ich schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. Er lachte leise und zog mir die Hände vom Gesicht. Plötzlich hörte ich seine Stimme direkt an meinem Ohr, spürte sogar den Atem auf meinem Ohr.

„Nicht schämen, ich fand das sehr nett. Ich mag Komplimente.“ Eine leichte Gänsehaut lief mir über den Rücken und ich schwieg lieber, bevor ich etwas Dummes sagen würde. Als er keine Antwort bekam, lehnte er sich zurück und schwieg. Minuten vergingen, dann sagte ich:
„Es tut mir Leid, aber ich bin ziemlich müde.“, und setzte hinzu (wieso weiß ich nicht!), „Und irgendwie ist mir kalt.“ Orlando nickte und legte dann den Arm um mich. Mit großen Augen sah ich zu ihm auf, verstand nicht was er jetzt wollte.
„Leg dich hin, ich wärm dich ein bisschen.“, sagte er mit leiser Stimme und so müde wie ich war, kam ich nicht auf die Idee zu widersprechen. (Ernsthaft, wieso sollte man einem Orlando Bloom auch bei so etwas widersprechen wollen?!) Ich kuschelte mich ins Kissen und spürte seine Arme um mich geschlungen und schlief kurz darauf ein. 

 
 
Kapitel 5 – Missverständnisse und Aussprachen

„LILY!“
„LILY WACH AUF!“ Ich hörte meinen Namen, mehrfach, und dann diese Lautstärke. Es erinnerte mich an die Klassenfahrten von früher, wenn man mal wieder doch keinen Wecker gestellt hatte… oder an die Urlaube mit meinen Eltern, zum Beispiel beim Skifahren: Da hatte mein Vater immer so unsäglich früh an die Tür geklopft und laut geschrien, man solle aufstehen und zum Frühstück kommen. Für ihn war es immer wichtig gewesen, so früh wie möglich auf der Piste zu sein.
Verschlafen rieb ich mir die Augen und nahm die Schritte wahr, die vor meiner Zimmertür polterten. Nein, es war nicht meine Zimmertür und ich war auch nicht zu Hause. Bei den Blooms lag ich und neben mir regte sich gerade ein verwuschelter, brauner Lockenkopf. Mühselig stand ich auf und wankte zur Tür und lugte mit dem Kopf hinaus. Vor der Tür stand Sam und sah mich abwartend an.
„Was’n los?“, nuschelte ich und gähnte. Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Mein Bruder ist weg. Das sieht ihm nicht ähnlich, der Langschläfer wäre nicht so früh raus, vor allem wenn Maude jederzeit in den Garten kann. Und die liegt gemütlich im Wohnzimmer!“ Hinter Sam kam gerade Joe in den Flur und schenkte mir ein kurzes Lächeln, doch auch er sah etwas besorgt drein und gehetzt, so als wäre er gerade mehrmals die Treppen hoch und runtergerannt.
„Sam, mach mal halblang. Deinem Bruder geht’s gut.“ Joe runzelte die Stirn und Sam sah mich verwirrt an, ihre Hände fielen herunter und sie wartete auf eine Erklärung. Ich schob die Tür weiter auf und zeigte auf den noch im Halbschlaf liegenden Orlando, der halb aus dem Bett hing und nebenbei bemerkt unglaublich süß aussah. Er schlief noch halbwegs friedlich und sah aus wie ein kleiner Junge.

Sam seufzte erleichtert und zog mich durch die Tür und schob die wieder zu, ganz leise. Dann wurde ich ohne Gnade in die Küche gezogen und Joe schenkte mir einen Kaffee ein. Sam sah mich sehr ernst an, wohl auch ein bisschen traurig und Bitterkeit in ihrem Blick, und seufzte, bevor sie anfing zu sprechen.
„Lily, jetzt mal bitte ganz ehrlich: Wieso erwischen Joe und ich, zwei Tage hintereinander, dich und meinen Bruder zusammen im Bett?“ Stirnrunzelnd hatte ich ihr zugehört und nahm erstmal einen großen Schluck Kaffee und sammelte meine Worte. Sie dachte doch nicht ernsthaft dass da… doch wahrscheinlich dachte sie genau das und ich konnte es ihr nicht verübeln…. ich meine, ich an ihrer Stelle würde wahrscheinlich etwas Ähnliches denken. Ach was versuchte ich mir vorzumachen, ich würde genau dasselbe denken, wie sie es wohl gerade tat!

„Da ist nichts, Sam.“, fing ich leise an, „Das gestern war einfach doof. Ich war total betrunken und bin automatisch dahingegangen wo ich hier das erste Mal geschlafen hatte. Ich hab nicht gemerkt, dass da noch dein Bruder war.“ Zustimmung murmelnd stand Joe hinter Sam.
„Und heute Nacht kam dein Bruder zu mir und fragte ob ich noch wach sei. Er sagte, er könne nicht schlafen und würde gern noch ne Weile quatschen. Ich bin dann glaub ich irgendwann eingeschlafen und ihm muss es ähnlich gegangen sein.“ Meine Stimme zitterte nicht und sie klang auch nicht rechtfertigend. Wieso auch? Es war alles die Wahrheit. Ich hatte keinen Grund zu lügen. Und ich wollte doch nicht Sam als meine neue beste Freundin verlieren! Sie war toll.

Joe lächelte mich an, aber in seinen Augen lag etwas Misstrauen. Mittlerweile wusste ich, dass es sein Beschützerinstinkt war, der aus seinen Augen sprach. Sam saß mir gegenüber und erwiderte meinen Blick. Irgendwann senkte sie den Kopf und nickte dann.
„Okay, ich glaubs dir ja. Weißt du, ich hab dich gerade als neue beste Freundin gefunden. Ich will einfach nicht, dass du auf einmal nur an meinem Bruder hängst. Sonst müsste ich irgendwann denken, du hättest dich nur mit mir angefreundet um an ihn ranzukommen. Wäre ja nicht das erste Mal…“ Geschockt sah ich sie an und ein bisschen wütend war ich jetzt schon. Wie konnte sie nur so etwas von mir denken?!
„Hör mal, Sam, erstens wusste ich bis vor ein paar Tagen nicht einmal deinen Nachnamen. Zweitens hast du mir vorher von deinem Bruder nicht einmal erzählt und ich wusste nicht wer er war. Drittens, würde ich für keinen Kerl der Welt meine Freunde im Stich lassen wenn sie mich brauchen. Das habe ich in Deutschland nie und werde ich hier auch nicht. Zumal mich meine Freunde aus Deutschland immer noch anrufen können wann immer sie mich brauchen.“ Meine schnellen Worte hatten Sam und Joe beeindruckt und sie starrten mich einfach nur an. Ich nahm einen Riesenschluck Kaffee und schielte sehnsüchtig auf das Brot im Brotkorb, mein Magen knurrte. Hinter mir hörte ich ein Geräusch und Orlando kam hereingeschlurft, er trug immer noch nur seine Boxershorts. Gähnend wuschelte er sich durch die Haare und beachtete uns kaum. Er nahm sich eine Tasse Kaffee und lehnte sich an die Küchenplatte. Endlich sah er uns an.

„Morgen.“ Joe grinste nur und Sam schüttelte den Kopf, ich reagierte verbal überhaupt nicht, ich hob nur kurz meinen Kaffeebecher, wie um hallo zu sagen.
„Sam, meinst du ich kann bei euch duschen?“, fragte ich nach einer kurzen Stille. Sie erwiderte meinen fragenden Blick und nickte.
„Ja klar, kannst du. Ich werd dir ein Handtuch geben und wenn du willst auch was zum anziehen.“ Ich nickte mit einem Lächeln und erhob mich um ihr zu folgen. Wir ließen die Jungs alleine in der Küche zurück. Ob Joe das Ganze wohl noch einmal zur Sprache bringen würde? Diesmal mit Orlando als Opfer?!

Die heiße Dusche tat wirklich gut und ich genoss es mir die Haare zu waschen und das heiße Wasser zu spüren. Als ich sauber war stieg ich in die Klamotten, die ich vorsichtshalber mitgenommen hatte: meinen langen grünen, knielangen Rock und ein schwarzes Top. So erfrischt stieg ich die Treppe wieder runter und fand die anderen unverändert in der Küche. Kaum war ich im Zimmer, machte sich Orlando auf und teilte uns gerade noch mit, er würde auch duschen gehen. Das kommentierte Joe nur mit einem etwas zu breiten Grinsen… Maude kam reingeschlurft und setzte sich erwartungsvoll neben mich, die Leine im Maul. Sam grinste.
„Irgendwie scheint sie dich zu favorisieren, Lily. Früher wäre sie zu mir gekommen, aber sie mag dich wohl.“
„Ach, Lily hat bestimmt eine Wurst unter dem T-Shirt.“, gab Joe schmunzelnd zu bedenken.

Mein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Als ob unter dem engen Top Platz wäre eine Wurst zu verstecken! Sam und Joe kicherten und es dauerte nicht lange und ich kicherte mit. Maude legte die Leine vor meine Füße und winselte leise. Ihre treuen Hundeaugen sahen mich erwartungsvoll an und sie sah so unglaublich schnuffig aus, ich hätte sie am liebsten sofort adoptiert. Nun sah ich sie ernst an und kraulte sie ein wenig.
„Ich glaub sie will wirklich laufen.“, sagte ich und Sam und Joe verstummten augenblicklich.
„Na du kannst ja mit ihr laufen gehen. Ich mein, Orlando hat bestimmt nichts dagegen.“
„Sam, ich hab keine Zeit, ich muss nach Hause. So langsam mal. Und ich bin mit dem Auto hier. Es steht in eurer Straße, schon vergessen?“ Nachdenklich erwiderte sie meinen Blick und seufzte.
„Ach ja.“ Joe jedoch grinste. Und so grinste er immer, wenn er eine Idee hatte!

„Komm, so wie ich Orlando kenne, kann das ziemlich lange unter der Dusche dauern. Ich muss auch in die Stadt, ich fahr dein Auto und du gehst mit Maude zu Fuß zu dir. So weit ist es ja nicht von hier.“ Sam blickte ihn kopfschüttelnd an und fing wieder an zu kichern. Solch ein Vorschlag schien typisch für Joe zu sein… Auf meinem Gesicht wurde das Grinsen breiter. Ich streichelte Maude und sie wedelte glücklich mit dem Schwanz, versuchte meine Hand abzulecken und drückte sich leicht gegen mich.
„Die Idee ist ja ganz nett, Joe, aber Orlando wird sie vermissen wenn sie nicht mehr hier ist.“
„Na komm schon, Sammy, er kann sie doch später abholen.“ Während die beiden diskutierten, streichelte ich Maude und diese schien überglücklich und legte ihren Kopf auf mein Knie. Gott, wie konnten zwei Menschen so über eine Sache diskutieren, die nicht einmal in ihrem Ermessensbereich lag? Schließlich war es allein Orlandos Sache, da Maude auch sein Hund war. Ich schmunzelte und streichelte Maude einfach weiter. Es ging hin und her zwischen Joe und Sam, sie sahen aus wie ein Pärchen. Eines das schon sehr lange zusammen war und Routine in solchen Dingen hatte. Unwillkürlich musste ich grinsen.

Bevor die Beiden zu irgendeiner Entscheidung kommen konnten, stand Orlando wieder im Raum. Er hatte nun eine leichte Stoffhose an und ein schlichtes blaues T-Shirt (es war angenehm warm draußen), seine Haare waren noch nass und kräuselten sich im Nacken. Sofort sah Maude zu ihrem Herrchen auf und ließ sich streicheln.
„Sagt mal, was ist denn hier los?“, fragte er mit einem Grinsen im Gesicht und kniete vor mir nieder. Er streichelte Maude auch, die ihm aufgeregt über die Hand leckte. Er betrachtete die Leine am Boden und wartete auf eine Antwort.
„Jetzt ist es eh egal…“, gab Joe zurück und lehnte sich an den Kühlschrank. Orlando blickte fragend zu ihm rüber.
„Lily muss nach Hause. Und ich dachte ich könnte ihr was Gutes tun, ihr Auto fahren und sie geht mit Maude zu Fuß. So weit ist es zu ihr gar nicht…“ Achselzuckend blieb er lässig an den Kühlschrank gelehnt und Orlando sah zweifelnd zu mir.
„Willst du mit Maude spazieren gehen?“ fragte er dann. Bevor ich etwas sagen konnte, kam Sam mir zuvor:
„Ich glaub sie hat gar keine Wahl. Maude will, dass sie mit ihr geht.“ Bei ihren Worten zeigte sie vielsagend auf die Leine vor meinen Füßen. Lachend griff Orlando nach Maudes Ohren und streichelte sie, nein, er knuddelte sie heftig.

„Na du bist mir vielleicht eine, du kleine Maus.“ Es war süß mitanzusehen, wie sehr er seine Hündin liebte. Allein so etwas, gab mir immer das Gefühl, dass ein Mensch sympathisch war, denn wer sein Tier so liebte, konnte ihm nichts Böses tun. Ich beobachtete die beiden lächelnd.
„Na gut, Maude hat gewonnen. Natürlich nur wenn du willst Lily.“ Ich sah ihn überrascht an und nickte nur, noch immer einen fragenden Blick in den Augen.
„Joe kann wirklich dein Auto fahren und ich komm mit dir und Maude mit. Sam willst du auch?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Ich werde hier noch mal putzen. Damit Mum uns sowas noch öfters erlaubt. Ihr habt ja zum Glück alle brav mit aufgeräumt, da ist das nicht mehr viel.“ Joe warf ihr einen schnellen Blick zu, den er aber hastig wieder abwandte, als er bemerkte, dass ich ihn ansah. Orlando stand auf und gab mir die Leine in die Hand.

„Na dann, machen wir uns doch auf. Also ich hab ja keine Ahnung wo es hingeht, aber das ist ja auch nicht so wichtig… Ich werds schon merken.“ Joe grinste breit und fragte nach meiner Tasche und meinen Autoschlüsseln. Die Schlüssel holte ich ihm und die Tasche stellte ich neben die Tür in den Flur.
„Dass du mir ja gut auf mein Auto aufpasst, Student, ich brauch es noch.“ Er lachte und nahm mich liebevoll in den Arm.
„Klar, Sweetie, ich pass auf. Die Schlüssel werf ich dir in den Briefkasten und wir sehen uns dann morgen.“ Er gab mir einen Kuss auf die Wange und ging zur Tür raus. Mit einem breiten Grinsen sah ich ihm hinterher… er war doch wirklich ein unverbesserlicher Frechdachs. Ich umarmte Sam und wir versprachen zu telefonieren – so wie beste Freundinnen es nun einmal tun. Dann gab Orlando seiner Schwester einen Kuss auf die Wange und wir machten uns auf. Es war zwar nicht sehr weit bis zu mir, doch es war auch nicht gerade um die Ecke…

 

Kapitel 6 – Spaziergang mit Tiefgang oder Eine kleine Gesangseinlage

Maude sprang an unserer Seite entlang, aber ich musste ihr leider die Leine anlegen, denn man durfte in der Stadt einen Hund nicht freilaufen lassen. Maude war aber so eine Liebe, sie war gut erzogen und hörte aufs Wort. Sie zog nicht, sie kläffte nicht viel und sie schien sehr verschmust zu sein. Mein Herz hatte sie schon im Sturm erobert! Orlando und ich liefen schweigend durch die Straßen, ich kannte den Weg, obwohl ich ihn bisher nur einmal gelaufen war. Mit dem Auto war es doch ganz anders, die ganzen Einbahnstraßen machten es manchmal schwer. Während ich noch in Gedanken war, brach Orlando das angenehme Schweigen:

„Also du unterrichtest Geschichte, ja? Hast du ein Spezialgebiet oder so?“ In seiner Stimme klang echtes Interesse mit und ich lächelte, denn das war nicht unbedingt oft so. Die meisten Menschen fanden ein Geschichtsstudium nicht sonderlich spannend und fragten wenig nach.
„Ja, Geschichte. Frag mich nicht wie ich darauf kam, das zu studieren, aber es war einfach da. Ich wollte es studieren. Mein Spezialgebiet sind die Kreuzzüge. Demnach musste ich aber viel über das Mittelalter machen und leider sogar Latein lernen. Das war der Horror und viel hab ich nicht behalten… also unterhalten könnte ich mich nicht auf Latein.“ Mein Lachen klang aufrichtig und hell. Kein Wort davon war gelogen, mit Latein hatte man mich jagen können, doch da ich unbedingt die Epoche des Mittelalters zu meinem Spezialgebiet hatte machen wollen, war ich nicht umhin gekommen Latein lernen zu müssen. Orlando betrachtete mich von der Seite und schnitt eine Grimasse.
„Hast du Kingdom of Heaven gesehen?“ Innerlich lachte ich auf.
„Ja, hab ich.“ Er horchte auf und Maude lief schwanzwedelnd zwischen uns hin und her. Man hatte den Eindruck, dass sie sich nicht entscheiden konnte, wen von uns sie lieber mochte.
„Was denkst du über den Film? Das würde mich echt interessieren… Du solltest ja etwas von der Authentizität des Filmes wissen.“
„Naja, typische Hollywoodromanze.“, sagte ich kopfschüttelnd und lachte, als er mich enttäuscht ansah, „Nein, im Ernst: Der Film ist sehr gut. Er beschreibt besser als die meisten Verfilmungen, was tatsächlich geschehen ist. Natürlich wird stark idealisiert und es geht mehr um Unterhaltung als um Aufklärung, aber die historischen Fakten stimmen und ich begrüße es, dass auch einmal gezeigt wird, dass die Muslime nicht unbedingt die Bösen waren. Beide Seiten haben sich bescheuert verhalten, naja, damals sahen die das natürlich anders…“ Jetzt hellte sich seine Miene auf und er sprach begeistert davon, wieso er das Angebot angenommen hatte. Er habe sich so etwas schon gedacht und hatte bei so einem klasse Film dabei sein wollen. Ich nickte verständnisvoll. Wir waren fast eine halbe Stunde unterwegs, bevor wir vor meinem Wohnblock ankamen. Ich blieb stehen. Orlando sah sich um und pfiff anerkennend durch die Zähne.

„Du wohnst nicht schlecht für eine kleine Dozentin.“ Achselzuckend wandte ich mich zu meinem Briefkasten um und tatsächlich, der Autoschlüssel war schon drin.
„Ich begleite dich noch bis zu deiner Haustür, wenn ich darf.“ Lachend erlaubte ich es ihm und wir gingen erst in die Tiefgarage, damit ich meine Tasche mitnehmen konnte. Orlando war Gentlemen und trug sie mir hoch. Heute arbeitete Kyle nicht und ich war froh darüber, denn er hätte bestimmt ein Riesentrara um meinen Besuch gemacht. Jedweder Männerbesuch bei mir würde bei ihm für Aufsehen sorgen! (Jaja schwule Freunde sind richtig cool ^^ ) Maude lief brav neben mir her und ich bat Orlando noch herein. Er sah sich interessiert um.
„Du wohnst wirklich schön. Hast du das alles eingerichtet?“
„Ja, größtenteils. Aber eigentlich könnte ich mir das nie leisten.“
„Wie hast du es dir dann geleistet?“
„Meine Oma hat einen reichen zweiten Ehemann und sie liebt ihn. Ich bin ihre einzige Enkelin und als sie hörte ich würde alleine nach London ziehen, wollte sie Sorge dafür tragen, dass ich zumindest in einer sicheren Gegend wohne und es mir nicht schlecht geht. Sie hat mit mir Wohnungen gesucht und diese schien ihr am geeignetesten. Sie hat mir Möbel gekauft, alles was ich wollte eben… aber Strom, Telefon, Internet, mein Auto… so etwas zahle ich alles selbst.“ So aufmerksam hatte er mir zugehört, dass kein Laut zu hören gewesen war, nicht einmal ein lautes Ein- oder Ausatmen. Sein Interesse schmeichelte mir sehr. Er setzte sich auf mein Sofa.

„Da hast du eine Menge Glück gehabt. Und es scheint dir gar nicht so wichtig zu sein.“
„Ist das so ungewöhnlich?! Es ist nicht mein Geld, ich sehe es als Eigentum meiner Oma an. Und außerdem bin ich überwiegend froh, dass ich das Glück habe nicht in totaler Armut leben zu müssen. Klar, meine Güte, wer genießt nicht ein bisschen Luxus wenn man es kann, aber nur weil man Geld hat ist man nicht glücklich. Ich war ein bisschen einsam hier, bis ich Freunde gefunden habe.“ In seinen Augen konnte ich lesen, dass er das bewunderte. Doch er selbst schien sich nicht so viel aus den Millionen zu machen, die er haben musste. Ich meine, er saß hier in total normalen Klamotten, die sich jeder Durchschnittsmensch würde leisten können, er lebte wenn er hier war in einem kleinen netten Haus mit seiner Mutter und seiner Schwester, er fuhr ein ganz normales Auto. Nach Luxusleben ohne Grenzen sah das nicht aus. Er zuckte mit den Achseln.
„Eigentlich hast du ja Recht, aber die meisten Menschen sehen das nicht so.“
„Man kann sich an Luxusleben gewöhnen, das gebe ich zu. Aber bis ich hierher gezogen bin, habe ich mir von meiner Oma nicht alles schenken und kaufen lassen. Sie durfte mir auch nur Dinge schenken, die mir jede andere Oma auch hätte kaufen können.“ Ich grinste, als ich an den Gesichtsausdruck meiner Oma dachte, als sie die Diamantohrringe wieder zurückgeben musste, die sie mir hatte schenken wollen. Doch mal ehrlich, was sollte ich mit Diamantohrringen anfangen?! Zu dem Zeitpunkt war ich einfache Studentin gewesen, das hätte lächerlich gewirkt. Außerdem brauchte ich keine Diamanten, um zu wissen, dass meine Oma mich liebte.

„Willst du was trinken?“ Er schüttelte den Kopf.
„Eigentlich will ich dich ja auch nicht von der Arbeit abhalten. Ich geh dann mal lieber.“ Lächelnd setzte ich mich neben ihn auf mein Sofa.
„Ich muss eigentlich nicht arbeiten. Ich hab alles für die Uni schon in den letzten Tagen gemacht. Ich wollte nur nicht euer Haus besetzen.“ Bereitwillig gab ich meine Bedenken zu.
„Was? Hey, du bist die beste Freundin meiner Schwester. Du bist immer willkommen. Da musst du dir echt keine Gedanken machen. Sam meinte auch, dass unsere Mutter dich ins Herz geschlossen hat. Aber…“, er unterbrach sich kurz und fuhr dann fort, „Heißt das ich soll bleiben?“ Ich zuckte lächelnd mit den Schultern.
„Wenn du willst. Nicht dass ich auch sonst keine Beschäftigung für mich finden würde, aber vielleicht willst du ja nicht gleich noch mal durch Halb-London laufen.“ Dann fiel mir was ein und ich suchte eine Schüssel in meinen Küchenschränken und füllte sie mit Wasser.
„Maude.“, rief ich und stellte die Schüssel in der Küche auf den Boden. Orlando beobachtete das mit einem Lächeln, während Maude schwanzwedelnd zu mir gelaufen kam und sich an dem Wasser gütlich tat.

„Du bist echt tierlieb, was?“ Meine Finger klebten schon wieder an Maudes Fell und ich streichelte sie liebevoll. Das Grinsen in meinem Gesicht war nicht zu übersehen.
„Ja, mein Leben lang habe ich davon geträumt ein eigenes Tier besitzen zu dürfen, aber meine Eltern wollten kein Tier. Als ich dann zum Studieren weggezogen bin hatte ich Wüstenrennmäuse, kurz vor meinem Umzug nach England sind sie gestorben. Und hier hab ich bisher noch nicht drüber nachgedacht ob ich ein Haustier möchte.“
„Ich leih dir Maude wann immer du willst… also, solange ich hier bin. Wenn ich für längere Zeit woanders hingehe dann kommt Maude mit.“
„Lieb von dir.“, bemerkte ich und setzte mich wieder zu ihm aufs Sofa.

Meine Wohnung war hell und modisch eingerichtet, mit viel Holz und farbigen Akzenten. So war meine offene Küche zum Beispiel mit knallroten Einsätzen und das passte hervorragend zu den dunklen Holzmöbeln und den weißen Wänden. Mein anschließendes Wohnzimmer war ebenfalls mit dunklen Holzmöbeln bestückt und hatte weiße Wände, aber hier herrschte sonst ein saftiges Grün vor (Zum Beispiel meine große, urgemütliche Couch!). Mein Bad und mein Schlafzimmer waren jedoch vollkommen anders.
Wir schwiegen ein bisschen und es war ein leicht angespanntes Schweigen. Doch ich bereute nicht ihn eingeladen zu haben noch ein wenig zu bleiben.

„Mhm, hast du auch Troja gesehen?“, fragte er dann. Ich grinste und nickte.
„Und?“ Mehr brauchte er nicht zu sagen, ich wusste was er wissen wollte.
„Viel zu wenig, also aus historischer Sicht, obwohl man ja leider nur eine literarische Version des Krieges hat. Eine sehr oberflächliche Darstellung und Brad Pitt war grottenschlecht in dieser Rolle. Vollkommene Fehlbesetzung.“ Orlando fing an zu lachen.
„Ich habe dasselbe gedacht am Set, aber er ist echt ein netter Kerl, war aber wirklich eine Fehlbesetzung. Ich fand Eric, Eric Bana, der der Hector gespielt hat… er war fantastisch als Schauspieler.“ Schon wieder musste ich nicken. Ich teilte seine Ansicht.
„Ja, Hector war klasse. Helena hat mir nicht besonders gefallen, die Frau passte nicht zu den Erzählungen Homers. Aber du hast den Paris, so wie er in Homers Ilias geschildert wird, ziemlich gut dargestellt.“
„Findest du? Ich war im Nachhinein nicht übermäßig begeistert, aber ich war froh mal endlich eine Rolle zu spielen bei der ich nicht unbedingt der strahlende Held war. Kein Mittelerderettender Legolas oder strahlende Gentleman wie in Fluch der Karibik, der die Dame rettet.“
„Müsste man nicht eigentlich froh sein den Helden spielen zu können?“ Theatralisch seufzte er auf und schlug sich die Hände vor den Kopf.
„Das fragen alle. Klar, es ist cool ein Legolas und Elb zu sein, aber ich will als Schauspieler bekannt sein und nicht wegen einer bestimmten Rolle. So denkt auch Elijah und ich befürchte, er hat es noch schlimmer getroffen als Frodo. Die Leute werden ihn noch jahrelang nur mit der Rolle in Verbindung bringen und für ihn ist das schade.“
„Ich glaube ich verstehe das.“ Maude kam zu uns rüber getrottet und legte sich auf den Teppich vor meiner Couch. Ich betrachtete sie und lächelte, sie war ein lieber Hund.

„Hey, mir wurde erzählt du hast ne gute Singstimme, stimmt das?!“ Innerlich stöhnte ich auf und rollte mit den Augen.
„Und, man sagte du hättest auch eine und wärest Eunuch, stimmt das?!“ Er lachte.
„Mhm ich glaube meine Stimme ist mehr fürs Text aufsagen gedacht als fürs Singen. Obwohl ich noch nie probiert habe es einen Profi beurteilen zu lassen…“
„Naja, also bisher haben mich die anderen auch nicht gehört, aber ich hatte 5 Jahre Gesangsunterricht. Daher sollte ich eigentlich einigermaßen singen können.“
„Singst du mir was vor? Ich liebe Musik.“ Überrascht von dieser Frage starrte ich ihn an und schwieg. Sollte ich? Nervös war ich bei so etwas ja immer… Dann fing ich mich wieder.
„Wenn du das wirklich willst und ich mir einen Song aussuchen kann…“ Er lächelte mich betörend an und nickte. Mein Gehirn ratterte und ich ging meine Akkustikgitarre holen, ich sang ungern ohne musikalische Begleitung. Als ich mich ihm gegenüber wieder hinsetzte, hatte ich ein passendes Lied gefunden.
Ich ließ meine Finger und das Plektron über die Saiten tanzen und legte los:

I’ve been tryin’ too hard, I’ve been spinnin’ around
Got people chasin’ me down, I gotta find a way back
To my world somehow, somehow
Right now I wanna get lost inside of a song
Where there’s no right or wrong
In my room all alone’s where I belong
My life is mine once I’m behind the door

Whenever we’re together no one’s a star
I can pour it all out right from the heart
If it’s up to me we’ll never be apart
I’m in love with my guitar

Lange hatte sich meine Stimme danach gesehnt mal wieder für jemanden zu singen, anstatt immer nur für mich. Obwohl der Song für mich so viel bedeutete und ich ihn trotzdem irgendwie immer für mich sang, es war nett mal wieder jemanden vor mir sitzen zu haben, der zuhörte. Meine Stimme klang fröhlich und ich war fast erstaunt wie klar sie war. Es war lange her, dass ich meine Stimmübungen das letzte Mal gemacht hatte.

I grab a handful of strings, I’ve been dying to play
It carries me far away, I don’t need to explain
When I’ve got nothin’ to say, oh yeah
If I break down that’s all the sound I make

Whenever we’re together no one’s a star
I can pour it all out right from the heart
If it’s up to me we’ll never be apart
I’m in love with my guitar

Orlando hörte mir verzaubert zu, sein Blick war abwesend, aber er hatte ein Lächeln im Gesicht. Für mich war das mehr als genug, denn nichts bereitete mir mehr Vergnügen als jemanden durch meinen Gesang zum Lächeln zu bringen. Das war eigentlich das was mir bei allen meinen Sachen, die ich tat, am wichtigsten war, dass es Leute gab, denen das ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Keeper of my secrets, Part of all my dreams
Somehow we’re connected
From a whisper to a scream

Whenever we’re together no one’s a star
I can pour it all out right from the heart
If it’s up to me we’ll never be apart
I’m in love with my guitar
I’m in love with my guitar
I’m in love with my guitar

Die letzten Akkorde ließ ich verklingen und Orlando kam zurück in die Realität. Das Lächeln klebte ihm noch immer im Gesicht und er schwieg. Ich hielt mich an meiner Gitarre fest, nicht die einzige die ich besaß, aber die beste meiner Akkustikgitarren.
„Nicht nur eine tolle Stimme, du kannst auch wunderschön spielen.“, bemerkte er. Ein leichtes Rosa stahl sich auf meine Wangen, wer hörte nicht gerne Komplimente?! Und es war lange her, dass mir jemand ein Kompliment zu meiner Stimme gemacht hatte da ich, wie gesagt, lange nicht mehr vor Publikum gesungen hatte.

„Du solltest Keith und den Jungs als Sängerin und Gitarristin beitreten. Das wär ne Bereicherung für die.“ Grinsend legte ich meine Gitarre neben mich, doch Orlando hielt meine Hand fest.
„Nein, bitte, sing noch mehr.“ Ich schüttelte den Kopf und zeigte auf die Uhr.
„Du bist seit über 3 ½ Stunden bei mir. Sam wird sich fragen wo du so lange bleibst. Ich werd schon wieder singen, aber nicht jetzt. Du und Maude, ihr solltet nach Hause gehen.“ Nicht dass ich ihn unbedingt loswerden wollte, seine Anwesenheit war mir nicht unangenehm – eher das Gegenteil. Er schien etwas enttäuscht, aber er nickte und erhob sich. Mit einer kleinen Handbewegung brachte er Maude dazu ihm zu folgen. Er drehte sich noch einmal zu mir um und lächelte charmant.
„Wir werden uns wieder sehen. Machs gut, Sweetie.“ Seine Anspielung auf Joes Worte machte mich irgendwie hibbelig. Ich hatte kein Problem damit, wenn ich solch einen Spitznamen bekam, aber da war etwas in Orlandos Stimme gewesen, das ich nicht hatte deuten können.

Seufzend strich ich über meine Gitarre und dachte nach. Vielleicht war ja wirklich ein Platz in der Band für mich frei? Ich liebte es zu singen und zu spielen und die Richtung der Jungs, Rock, war mir auch durchaus sehr lieb. Ich nahm mir vor mal mit den Jungs zu reden…
Den Rest des Nachmittags, nun es war eigentlich schon 17.30 Uhr, setzte ich mich vor meinen PC. Naja, wenn man genau war setzte ich mich an meine Nähmaschine und mein PC lief nebenher und ICQ war an.

Ich war happy, auch wenn ich kaum zum Nähen kam, weil so viele meiner deutschen Freunde endlich mal wieder mit mir quatschen wollten. Trotz der ganzen Störungen kam ich dazu mir ein neues Kleid zu nähen. Genau von diesem Kleid hatte ich schon seit Wochen geträumt: gelber Satinstoff, ein schöner tiefer Ausschnitt und ein ausgestellter Rock, unter dem Rock hatte ich einen weißen Volantunterrock genäht, damit der Rock nicht einfach nur gerade herunterfiel. Bei der Anprobe stieß ich einen Jauchzer aus, ich liebte es schon jetzt, es passte wie angegossen. Ich hängte es über einen Bügel und machte mich bettfertig, schließlich musste ich morgen wieder früh raus und unterrichten.

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Wen es interessiert, der Song heißt „I’m in love with my guitar“ und ist von Alexz Johnson. Ich habe ihn weder selbst geschrieben (sowas kann ich nicht) noch kann ich wirklich gut Gitarre spielen oder singen… alles fiktiv und so.
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Kapitel 7 – Der Job und das nette Angebot wider Erwarten

Der Morgen verlief so wie viele Montag es in den letzten Monaten waren: Der Wecker klingelte, ich stand auf, duschte, frühstückte, machte mir Haare und Make-Up, zog mich an und fuhr mit der U-Bahn zur Uni. In meinem Büro checkte ich die Uni-E-Mails und ordnete meine Sachen für die Vorlesungen und Seminare. Und dann stand ich vor meinen Studenten und unterrichtete.
Montagmorgens hatte ich zwei Seminare, ein sechstes Semester und ein viertes und in beiden Gruppen waren klasse Studenten drin. Dann hatte ich eine lange Pause von 4 Stunden, in der ich meistens an der Uni arbeitete, meinen Schreibkram erledigte und meine Sprechstunde hatte.
Ich saß hinter dem Schreibtisch und korrigierte gerade ein paar Zusammenfassungen, als es klopfte und auf meine Bitte ein älterer Mann eintrat.

„Guten Morgen, Sir, setzen sie sich doch. Was kann ich für sie tun?“ Der Dekan ließ sich mir gegenüber nieder und machte ein betroffenes Gesicht.
„Nun, es fällt mir nicht leicht das zu sagen, Miss Keller… aber Mr Warner liegt mit Nierenstein im Krankenhaus. Er wird wohl für die nächsten Wochen ausfallen müssen und mir wäre es lieb wenn er für den Rest des Semesters ein wenig Ruhe genießt.“ Verständnisvoll nickte ich und mein Gesichtsausdruck war nicht weniger traurig. Ich mochte Mr Warner. Er war definitiv der netteste unter meinen ‚Kollegen‘.
Ohne ihn wäre ich in den ersten Wochen sicherlich verloren gewesen… oder hätte mich am laufenden Band in der Uni verlaufen.
„Es tut mir Leid wenn ich ihnen noch mehr Arbeit aufhalse, aber ich denke, nein ich weiß, dass sie die Einzige sind die Mr Warners Zweitsemester-Vorlesung übernehmen kann.“
Ich versuchte ein Grinsen zu unterdrücken, denn ich wusste welchen Kurs er meinte- den von Joe. Schweigend nickte ich.
„Nun für heute fällt er natürlich aus, aber es wäre zu schön wenn sie ab nächste Woche für den Rest des Semesters diesen Kurs übernehmen könnten. Da sie doch in dieser Zeit frei haben und mit dem Thema besser vertraut sind als die meisten anderen Kollegen.“
„Natürlich, Sir, das mache ich doch gerne. Können sie mir sagen wo Mr Warner im Krankenhaus liegt, dann kann ich ihn kurz nach dem Stand der Vorlesung fragen und meine Unterlagen vorbereiten.“ Der Dekan lächelte schon.
„Mr Warner hat mir seinen Schlüssel gegeben. Er sagte, sie würden alle Unterlagen in seinem Büro finden und es mache ihm nichts aus. Sie dürften dort rein.“ Etwas überrascht atmete ich tief ein, so etwas war durchaus unüblich- vor allem da ich Mr Warner noch nicht sehr lang kannte.
Doch es war ein Vertrauensbeweis und machte mich stolz.
„Nun gut, wenn Mr Warner das gesagt hat. Ich werde den Kurs übernehmen.“ Noch einmal nickte und lächelte der Dekan und übergab mir den Schlüssel. Dann verschwand er wieder, ich lächelte.
Mr Warner mochte mich also und er vertraute mir- ein gutes Gefühl. Ein sehr, sehr gutes Gefühl!

Als meine Sprechstunde offiziell vorbei war, beschloss ich einen Abstecher in Mr Warners Büro zu machen, sodass ich so schnell wie möglich beginnen konnte, die Unterlagen für die Vorlesungen zusammenzustellen. Seufzend ließ ich meine Notizen auf meinem Schreibtisch liegen, als ich zu meiner letzten Gruppe heute musste.
Die Tage vergingen wie im Flug, unter der Woche traf ich mich immer dienstags und donnerstags mit Kyle um etwas trinken zu gehen, die anderen sah ich unregelmäßig. Mit Joe traf ich mich häufig auf dem Campus, wann immer wir die Zeit hatten, so wusste er auch schon, dass wir nun im Unterricht das Vergnügen haben würden.
Mit Sam traf ich mich an meinem freien Mittwochnachmittag und wir machten einen Schaufensterbummel und gingen einen Kaffee trinken. Die anderen Jungs hatte ich nicht getroffen. Bis… am Freitag, direkt nachdem ich zu Hause angekommen war, klingelte mein Handy.
Es war Joe, der fragte ob ich heute Abend Lust hätte im Probenraum abzuhängen. Und ob ich die hatte! Ich kochte mir noch schnell etwas und zog mich dann um, wechselte von der zurückhaltenden Businesskleidung der Uni in eine Jeans und ein T-Shirt. So fühlte ich mich wohl und es war genau das Richtige. Kurzerhand nahm ich meine E-Gitarre mit und es dauerte nicht lange, dann stand ich vor dem Probenraum.

Joe, Keith und Orlando waren schon da. Und zu meinem Leidwesen auch Jodie. Mist, fast hätte ich sie vergessen… leider war sie noch immer da und unterhielt sich gerade angeregt mit Joe. Während er mich dann mit einer Umarmung und einem Kuss begrüßte, warf sie mir einen giftigen Blick zu. Großzügigerweise ignorierte ich es.
„Hey, du hast ja deine Gitarre dabei. Wieso denn?“, fragte mich Keith dann und lächelte.
„Ich hab gedacht vielleicht spielen wir mal zusammen… ich vermisse das Spielen mit anderen Menschen ein bisschen.“ Er sah mich fragend an.
„Hast du in Deutschland in einer Band gespielt?“ Kopfschütteln war die Antwort.
„Nein, nicht wirklich, aber ab und zu spielte ich mit ein paar Freunden und deren Band. Bei Pannen bin ich auch schon ein paar mal eingesprungen… Also nur so als Gitarrist. Mehr nicht. Oder als sie im Studio waren…“
„Sie ist wirklich gut, Keith und sie hat so ne schöne Stimme- echt!“, mischte sich nun Orlando ein und in dem Moment traten Tristan, Dave und Darren ein. Nach der Begrüßungsrunde wollten nun alle etwas von mir hören- naja ausgenommen Jodie, die wollte mich am liebsten umbringen glaube ich.

Dank meiner Überredungskünste musste ich nicht alleine spielen und dann legte ich los. Anerkennung las ich in den Gesichtern und es freute mich. Doch da nicht alle mitspielen konnten wollte ich auch nicht übertreiben und wollte es bei dem einen Lied belassen.
„Du bist echt gut.“ Zustimmendes Gemurmel nach Keith Bemerkung. Eine leichte Röte überzog meine Wangen und meine Ohren. Selbst wenn ich das nicht zum ersten Mal hörte, es schmeichelte einfach immer wieder.
Und das fand ich auch gut so. Denn wenn ich es einfach als gegeben hinnehmen würde, wäre ich dann nicht eingebildet?!
„Süß.“, neckte mich Joe dafür und nahm mich in den Arm und zog mich an sich. Blödelnd quatschten wir eine Weile weiter, bis mir etwas auffiel.
„Was ist eigentlich mit Sam?“
„Sie musste leider meine Mutter begleiten. Zu meiner Tante, die ist krank und braucht die Hilfe dringend.“
„Und du hilfst natürlich nicht, du Faulpelz.“, rief Tristan und warf ein Kissen nach dem überraschten Orlando.
Sekunden später war eine wilde Kissenschlacht im Gange, bei der sich Jodie ganz schnell, ganz weit weg in Sicherheit brachte. Alle anderen griffen sich jedes verfügbare Kissen und schlugen aufeinander ein. Keith gegen Dave, Darren gegen Joe und mich und Tristan gegen Orlando, doch das blieb nicht lange so. Lachend war ich mittendrin und Tristan und Orlando hatten sich gegen mich verschworen. Bevor ich wusste wie mir geschah, lag ich mit dem Rücken auf dem Boden und meine Hände wurden von Tristan festgehalten, während sich Orlando frech auf mich setzte.
Dann fingen beide an mich durchzukitzeln und ich schrie wie am Spieß. Irgendwann hatten sie Mitleid, denn die Tränen liefen mir das Gesicht herunter und ich bekam nur noch schwer Luft. Doch Orlando blieb trotzdem auf mir sitzen, bis Joe ihn von mir runterzerrte.
Dankbar schnappte ich nach Luft und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Wir knautschten uns nach dieser Anstrengung ganz eng aneinander auf die beiden Sofas und auch Jodie kam zurück.
Ich lag irgendwo zwischen Orlandos und Tristans Armen und kümmerte mich nicht darum wie blöd das aussehen mochte.
„Also, liebe Lily, magst du in unserer Band mitspielen? Dann werden wir eben unseren Tristan endgültig auf das Schlagzeug umstellen müssen und du kriegst die Gitarre und kannst gerne auch singen.“ Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf als Keith das sagte und alle anderen zustimmend nickten und ‚bitte bitte‘ riefen.
War die Band nicht schon vollständig?! Keith als Leadgitarrist und Sänger, Tristan an den Drums, Dave spielte Bass und Darren Gitarre, Joe spielte nur ab und an mit, er spielte Keyboard oder Piano.

„Ist das euer Ernst?!“, fragte ich fassungslos und sah von einem zum anderen. Alle brachen in Jubel aus und das sagte alles. Von nun an war ich Teil der Band. Noch etwas mehr Freizeit die fest verplant werden wollte!
Wir würden einmal die Woche proben und vor einem Auftritt zweimal die Woche. Ich war begeistert. Orlando streifte kurz meine Hand und drückte sie flüchtig, fast hätte ich es in der Aufregung nicht mitbekommen.
Ein kurzer Blick und Orlando warf sich in ein Gespräch mit Keith, ohne mich weiter zu beachten. Komisch, was sollte denn das gewesen sein?!
Ich zuckte kurz mit den Schultern und kuschelte mich ein wenig an Tristan, der sofort die Arme um mich legte und übers ganze Gesicht strahlte. Joe betrachtete das mit Misstrauen, ebenso wie Jodie. Orlandos Gesichtsausdruck konnte ich nicht sehen, denn so wie ich jetzt lag, saß er hinter mir.
Es wurde langsam spät und gegen 3 Uhr, trennten wir uns alle voneinander und beschlossen morgen Abend ins PQ zu gehen.

Tristan wollte mich zwar nach Hause bringen, aber die anderen überzeugten ihn davon, dass es ein Riesenumweg wäre und Joe das besser machen sollte, denn der musste in dieselbe Richtung.
Joe schien mehr als erleichtert darüber zu sein und er gab mir eines vor meinem Wohnblock zum Nachdenken:
„Tristan baggert ganz schön an dir rum. Ich glaub, du stehst nicht auf ihn, also nicht mehr als auf Keith oder mich, er ist ein guter Freund für dich. Aber ich will dich warnen, er könnte aufdringlich werden. Er flirtet gerne und er ist nicht unbedingt bekannt für ernste Beziehungen, aber versteh mich nicht falsch, ich mag ihn. Er ist einer meiner besten Freunde, aber naja, pass auf dich auf, okay?!“
Ich versprach es ihm und gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange und war froh etwa 20 Minuten später in meinem Bett zu liegen und einschlafen zu können, was auch nicht lange dauerte.
Natürlich nicht ohne nochmal über Joes Worte nachgdeacht zu haben… und mich zu freuen, dass ich nun in einer Band spielte! Aber es wurde ein wenig überschattet, natürlich freute ich mich riesig, denn wir alle verstanden uns prima, aber… Tristans Annäherungsversuche waren schon ab und an etwas unangenehm.
Ich war froh Joe zu haben, der in der Hinsicht auf mich aufpassen wollte.

 
 

Kapitel 8 – Ausflug ins Theater

Mein Samstagmorgen begann mit einem lauten Klingeln, das war ich gar nicht gewohnt. Noch immer gähnend schlurfte ich durch meine Wohnung und an die Tür. Es war der Postbote und nun war ich ganz und gar verwirrt, denn normalerweise wurde hier die Post beim Portier abgegeben.
„Guten Morgen, ein Einschreiben für Miss Keller.“ Ich nickte nur und unterschrieb, dann schloss ich die Tür. Wer schickte mir denn ein Päckchen per Einschreiben?! Ich knautschte mich auf mein Sofa und öffnete das kleine Päckchen. Es war von meiner Oma und unwillkürlich musste ich lächeln.
In dem Karton lag ein langes Seidenkleid und zwei Karten fürs Theater heute Abend. Solche Aktionen brachte meine Großmutter gerne und ich liebte sie dafür.
Sie liebte es mich mit solchen ‚Kleinigkeiten‘ zu überraschen, vor allem wenn sie wusste, dass ich so etwas mochte. Theater war etwas so Schönes und schnell überlegte ich wen ich mitnehmen könnte. Als erstes fiel mir Sam ein, doch die war ja leider übers Wochenende verreist. Ob Joe sich wohl für Theater interessierte? Oder Kyle, oder Keith?
Ich wusste es nicht und nahm mir vor alle später einfach mal anzurufen und schlicht und einfach zu fragen.

Da ich nun schon einmal wach war, beschloss ich es auch zu bleiben und zog mir eine gemütliche Jogginghose und ein Longsleeve an, dabei fiel mir ein, dass ich noch immer Orlandos Trainingshose hatte.
Gott war mir das peinlich. Dann machte ich mir ein leckeres Frühstück, ich hatte Waffeln im Haus und machte mir eine heiße Schokolade. Ein ausgiebiges Frühstück war genau das was ich wollte. (Und glücklicherweise erlaubte meine Figur sowas auch!)
Es war zu früh um irgendwen anzurufen, also setzte ich mich an den Schreibtisch, ließ den PC laufen und arbeitete an den Vorbereitungen für Mr Warners Gruppe. Sein Thema war interessant, aber nicht zu anspruchsvoll, waren es ja auch nur Zweitsemester. ‚Oh mein Gott klinge ich abfällig.‘ Schalt ich mich selbst und bereute den Gedanken sofort.
Man konnte ihnen sowieso keine lateinischen Quellen vorlegen, sie waren Briten, die lernen ja nicht mal Fremdsprachen! ( AN:  *ganz breites grinsen*) So musste ich allerhand Übersetzungen suchen, doch glücklicherweise war der Reader mit allen Texten zu der Vorlesung schon vor Wochen festgelegt worden und die meisten Schriften kannte ich. So war es nicht sehr schwer meine Gedanken einzubringen.
Als ich aufsah und es schon 11.30 Uhr war, hielt ich es für in Ordnung bei jemandem anzurufen. So wählte ich Joes Nummer und wartete auf seine Stimme.
„Hallo?“
„Hey Joe, hier ist Lily. Hast du gut geschlafen?“, fragte ich gutgelaunt.
„Hi, och naja gut bis mich jemand gerade aufgeweckt hat.“
„Oh, tut mir Leid, ich dachte um die Uhrzeit kann man schon bei jemand anderem anrufen.“ Er lachte leise im Hörer und ich musste lächeln.
„Na klar, ich bin nur ein absoluter Langschläfer. Was ist los? Du willst doch bestimmt irgendwas fragen?“
„Ja, also, gehst du gern ins Theater?“ Ein Prusten war zu hören.
„Oje, ich dachte nicht dass mich nochmal jemand ins Theater schleifen will. Orlando hat das früher immer versucht und ich glaub ein oder zweimal hat er es geschafft. Ich bin nicht fürs Theater geeignet.“
„Schade. Da ist nämlich heute Abend…“ Er musste wohl meine Enttäuschung gehört haben, denn sofort fing er an:
„Hey, das tut mir Leid. Es ist einfach nicht mein Ding. Sam wäre bestimmt… ah die ist ja nicht da. Ganz ehrlich, ich glaub die anderen Jungs sind auch keine Theatergänger. Naja, ausser Orlando halt. Berufskrankheit würde ich sagen.“
„Mhm.“
„Hey, wieso fragst du nicht ihn? Er wäre bestimmt begeistert. Und er kann bestimmt tolle Karten besorgen.“
„Das ist ja gar nicht mein Problem, ich hab ja Karten. Meine Oma hat sie mir geschickt und es sind tolle Karten für Romeo und Julia heute Abend.“
„Na dann frag ihn erst Recht. Orlando liebt Theater und Shakespeare muss man als Brite einfach zur Genüge kennen.“
„Aber ich kenn ihn doch noch kaum und wär es nicht irgendwie seltsam wenn ich einen Hollywoodschauspieler frage ob er mit mir ins Theater geht?!“
„Ach quatsch nicht so viel und denk nicht so viel darüber nach. Er ist die perfekte Begleitung fürs Theater. Er langweilt sich dort nicht, er wird den Gentlemen spielen, sich in einen Anzug werfen und er versteht es hier in London nicht allzusehr aufzufallen, glaub mir.“
„Naja, vielleicht, aber…“
„Komm, Lily, kein aber. Ich weiß dass du ihm sympathisch bist und er dir doch auch, was braucht man da mehr?Mit einem Bekannten ins Theater zu gehen und sich besser kennenzulernen.“
„Du hast ja irgendwie recht… aber ich weiß nicht ob ich mich traue ihn einfach so anzurufen.“
„Ah, okay, soll ich ihn irgendwie dazu bringen, dass wir bei dir vorbeikommen? Ich bin nachher mit ihm verabredet.“
„Ähm ich weiß nicht.“
„Du willst doch nicht alleine ins Theater gehen, oder? Ich komm nachher mit ihm vorbei, leg die Karten so hin, dass sie einem ins Auge fallen müssen. Bis dann, Sweetie.“ Und schon hatte er aufgelegt. Was sollte das denn?! Seufzend legte ich den Hörer wieder hin. Oje, jetzt würden sie nachher kommen und ich wusste nicht einmal genau wann.

„Was brockst du dir nur immer wieder ein, Lily?!“, fragte ich mich selbst und legte die Karten auf den Wohnzimmertisch, das Kleid räumte ich in meinem Zimmer auf einen Bügel und beschloss erst einmal joggen zu gehen.
Das Laufen tat mir mehr als gut und ich genoss es an der frischen Luft quer durch den Park zu rennen. Etwa eine Dreiviertelstunde joggte ich und hörte dabei Musik, nichts befreite mehr wenn ich Lust aufs Joggen hatte.
Als ich auf dem Weg nach Hause war, kaufte ich noch schnell ein: beim Italiener um die Ecke kaufte ich mir einen Salat zum Mittagessen und im Supermarkt besorgte ich ein paar andere Dinge ein, die man eben so braucht zum Leben.

Im Foyer meines Hauses saß ausnahmsweise mal nicht Kyle, denn dieses Wochenende war er auf der Hochzeit seiner Schwester und es saß ein älterer Herr dort- die Vertretung.
Mit einem kurzen Gruß verschwand ich aus dem Foyer und stieg die Treppen hoch. Zugegebenermaßen waren es nicht viele Treppen bis in den zweiten Stock, aber ein kleines Training war es doch. Oben angekommen räumte ich meine Einkäufe auf und sprang sofort unter die Dusche um mir den Schweiß des Joggingtrainings abzuwaschen.
Ich war gerade aus der Dusche raus, da klingelte es an meiner Tür.
„Moment!“, rief ich durchs Wohnzimmer und wickelte mich in ein Riesenhandtuch, sodass man nicht mehr viel von mir sah. Schnell öffnete ich die Tür zwei sehr anzüglich grinsenden Kerlen. Sie grinsten und kamen durch die Tür, ich verschwand schnell in meinem Zimmer. Mehr als eine Shorts und ein weites T-Shirt fand ich in dem Moment nicht, so schnell wie möglich war ich wieder draussen bei den beiden.
Orlando grinste nur und Joe stand sofort auf und nahm mich in den Arm.
„War ein schöner Anblick, Sweetie. Solltest öfters so ungestylt rumlaufen, steht dir wahnsinnig gut. Du brauchst das ganze Make-Up nicht mal.“ Mein Kopf wurde rot und ich sah nur zu Boden.
„Stimmt.“, ließ Orlando verlauten und nun traute ich mich gar nicht wieder hochzuschauen.
Joe zog mich zwischen sich und Orlando auf die Couch und legte den Arm um mich. Aus irgendeinem Grund wandte Orlando den Blick von Joe und mir ab und musterte erneut die Wohnung, dabei fiel sein Blick nach einer kurzen Zeit auf die Theaterkarten, die mitten auf dem Wohnzimmertisch lagen.

„Wow, du gehst gern ins Theater?“, fragte er und sah mich an. Scheu nickte ich nur. Er sah sich die Karten genauer an und Joe flüsterte mir ein ‚Ich habs doch gewusst.‘ ins Ohr.
„Hey, das sind ja richtig gute Karten. Und auch noch im alten Shakespearemuseum für Romeo und Julia. Die Schauspieler dort sind wahnsinnig gut. Du wirst sicher einen guten Abend haben.“ Joe stieß mir mit dem Ellbogen in die Seite.
„Ah, ähm naja, es wär bestimmt ein netter Abend, aber ich werd wahrscheinlich nicht gehen. Ich hab leider keine Begleitung und alleine ins Theater ist meistens nicht so spannend.“ Bei meinen Worten sah er auf und seine Miene verriet, dass er mich gerade für verrückt erklärt hatte.
Ich konnte es ihm nicht mal verdenken!
„So Karten kann man doch nicht verfallen lassen! Die sind der Wahnsinn.“
„Sag mal, Kumpel, wenn das so gute Karten sind… und du klingst als würdest du sofort hingehen… wieso gehst du dann nicht mit Lily hin?“ Orlando verstummte und sah von Joe zu mir. Ich erwiderte seinen Blick ruhig und ohne einen Ton zu sagen.
„Ähm, wenn das für dich in Ordnung wäre, Lily, dann könnten wir wirklich zusammen gehen.“ Noch immer wortlos nickte ich.
„Ja klasse, ich kann dich hier um 19.30 Uhr abholen, dann sind wir etwas früher dort und ich kann dir das Theater ein bisschen zeigen wenn du willst.“
„Naja, ich würd gerne dorthin zu Fuß gehen. Es ist von hier ja nicht so weit und ich will davon profitieren, dass das Wetter heute so schön ist.“
„Gut, dann komm ich trotzdem um 19.30 Uhr und wir laufen gemeinsam hin. Wie wär das?“ Ich nickte und lächelte ihn an.
„Das wär nett.“ Er grinste mich an und schien sich tatsächlich drauf zu freuen.
„Muss man sich da nicht fein rausputzen?“, mischte sich nun Joe ein.
„Ja muss man, aber das wird sicher weder mein noch Lilys Problem sein, Joe.“ Zustimmend murmelte Joe und ließ mich dann mit Orlando allein auf dem Sofa sitzen.
Joe wanderte durch die Wohnung. Wir schwiegen einen Moment, bis Joe die Stille störte:
„Oh, ein großer Salat. Ist der dir Lily?“
„Wem denn sonst?! Hier wohnen ja ausser mir nur noch 10 Geister oder wie?“ Orlando grinste und Joe erwiderte nur trocken:
„Mir war nur nicht bewusst, dass du so extrem auf dein Gewicht achtest, Honey. Ich dachte mit dir kann man alles machen.“
Eine Grimasse meinerseits war die Antwort.
„Du weißt genau, dass ich sowohl Burger als auch mal einen Salat gerne esse. Ich hab gar kein Problem mit Burgern aber genauso gerne esse ich auch mal sehr gesund. Was dagegen, großer Aufschneider von Bruder?“

Orlandos Grinsen wurde immer breiter, doch er schwieg beharrlich. Er schien es zu genießen, wie Hoe und ich uns neckten. Joe kam mit großen Schritten auf mich zu und kniete vor mir, seine Hände auf meine nackten Beine gelegt.
„Nicht aufregen, Honey. Du bist und bleibst doch mein Sonnenschein. Mein kleines Schwesterchen und vergiss nicht was ich dir gestern Abend gesagt hab.“ Ich sah ihm in die Augen und nickte.
„Ich habs nicht vergessen und ich werds nicht vergessen.“ Joe lächelte und stand dann wieder auf.
„Ich denk du musst noch arbeiten, jetzt wo du meine Vorlesung übernimmst und am Montag meine Chaotentruppe unterrichten musst. Das wird so lustig dich als Lehrerin zu haben. Wir werden dich dann mal allein lassen… zum Schaffen!“ Orlando erhob sich darauf ebenfalls und verabschiedete sich mit den Worten:
„Wir sehen uns dann heut Abend.“ Joe lächelte mich an und zwinkerte, dann waren sie weg. Seufzend sah ich an mir herunter, dann zuckte ich mit den Schultern und machte mich über meinen Salat her.

Der Nachmittag verging wie im Flug, was vermutlich daran lag, dass ich aufgeregt war mit einem Orlando Bloom ins Theater zu gehen.
Schon Stunden vorher wuselte ich durch mein Bad, bearbeitete meine Haare mit dem Lockenstab und legte ein dezentes Make-Up auf, das meine Haut funkeln ließ und meine Augen zum Strahlen brachte. Oder bildete ich mir das nur ein? So damit war ich nun zufrieden, aber was war mit dem Kleid?
Es sah wunderschön aus, so wie es an dem Bügel an meinem Schrank hin: bodenlang und türkis, mit dreiviertelarm und einem tiefen Rückenausschnitt, dafür vorne sehr hochgeschlossen.
Meine Oma hatte nie den klassischen, konservativen Geschmack gehabt, obwohl sie selbst so ein Kleid wohl nicht tragen würde. Doch es sah ihr ähnlich so ein Kleid für mich zu wollen. Warm lächelte ich und hörte Musik, nur in Unterwäsche lag ich auf dem Bett, wollte ich doch das Kleid erst kurz vorher anziehen, damit es nicht zerknitterte.
Als es dann um 19.30 Uhr klingelte, war ich gerade fertig angezogen und nahm meine Tasche an mich, zog die weiße Wollstola um die Schultern und öffnete die Tür.
Vor mir stand eine gebändigte Lockenmähne, in einen schwarzen Smoking gekleidet und mit einem blütenweißen Hemd, doch er trug weder Krawatte noch Fliege. Ich blieb sprachlos während er mich jungenhaft lächelnd musterte.
„Du siehst klasse aus.“ Meine guten Manieren halfen mir meine Sprachlosigkeit zu überwinden. Artig bedankte ich mich, lächelte und der Abend im Theater konnte beginnen.
Muss ich erwähnen, dass meine Knie zitterten?!

Es war ein wirklich milder, schöner Abend und wir liefen nebeneinander durch Straßen und einen kleinen Park, dann an der Themse entlang und bald waren wir vor den Stufen zum Theater angelangt.
Orlando hielt mir galant den Arm hin und verbeugte sich.
„Darf ich bitten, Mylady?“ Überrascht ließ ich mich auf das Geplänkel ein und knickste.
„Aber mit dem größten Vergnügen, Mylord.“, gab ich zurück und hakte mich ein. Beide breit lächelnd stiegen wir die Stufen hinauf und genossen den Abend im Theater in vollen Zügen.
Selten war ich mit jemandem im Theater gewesen, der soviel über Theatergeschichte und das Ensemble wusste. Ich sog all die Informationen begierig auf und staunte nicht schlecht über die wundervolle Inszenierung von Romeo und Julia.
Und auch Orlando schien darin aufzublühen jemanden zu haben, der zu all dem eine Meinung hatte und mit ihm fachsimpelte. Vereinzelte musternde Blicke trafen uns, was vielleicht daran lag, dass wir die ganze Pause über einander untergehakt durch das Gebäude liefen und über Theatergeschichte dozierten. Orlando geleitete mich den ganzen Abend über wie ein wahrer Gentlemen aus alten Zeiten durch das Gebäude.

Ein Zwischenfall auf der Toilette gab mir jedoch zu denken: Ich wusch mir gerade die Hände und neben mir stand eine etwas ältere Dame, die mich neugierig musterte.
Als ich fragend zu ihr blickte, senkte sie verschwörerisch den Ton.
„Ihr könnt euch glücklich schätzen, junge Dame. Es ist schwer heutzutage einen normalen Mann zu finden, der sich so gewählt benimmt und einer so gewählten Freizeitaktivität nachgeht.“ Mit diesen Worten verschwand sie und ließ mich allein zurück.
Erst als ich darüber nachdachte, fiel mir ihre Betonung des Wortes ‚normal‘ ein und ich kicherte als mir ein Licht aufging. Für sie war ein Mann nur normal wenn er heterosexuell war und scheinbar hatte sie Orlando auf jeden Fall in diese Sparte gesteckt. Schlagartig verging mir das Lachen.
Woran war sie so sicher gewesen zu wissen, dass er heterosexuell orientiert war? Noch immer darüber nachdenkend ging ich zu Orlando zurück, der sich dann daran machte mich sicher nach Hause zu geleiten.
Wir unterhielten uns gut und angeregt, ich war wirklich erleichtert mich so gut mit ihm unterhalten zu können. Hätte ja auch anders laufen können. Vor meiner Wohnungstür wollte er sich verabschieden.
Wir standen stumm voreinander und lächelten.
„Das war ein schöner Abend.“, sagte ich im Versuch irgendetwas zu sagen. Ich hätte mich ohrfeigen können, es war so eine simple Floskel.
„Ja, danke dass ich mitkommen durfte. Und… du siehst immernoch klasse aus in dem Kleid. Du hast Ahnung von Theater.“, ein wenig hibbelig setzte er nach, „Danke für die letzten paar Tage, wir sehen uns.“ Er beugte sich vor, gab mir einen Kuss auf die Wange und verschwand schnell aus meinem Blickfeld.
Höchstgradig verwirrt und staunend hob ich meine Finger an die Stelle, an der seine Lippen meine Haut berührt hatten. Ich konnte es nicht glauben und wusste nicht genau was ich davon halten sollte, stand deshalb ein paar Minuten unbeweglich da.
Danach legte ich mich zu Bett und dachte weiter nach, bis ich irgendwann total erschöpft einschlief.

 

Kapitel 9 – Aufregung, Peinlichkeiten und Auftritt

Mein typischer Sonntagmorgen in London begann… nun gar nicht, denn es gab keine typischen Sonntage bei mir. Nach dem Aufwachen nahm ich mir alle Zeit der Welt um zu frühstücken und dabei blickte ich die meiste Zeit nachdenklich aus dem Fenster.
Wie hatte es passieren können, dass ich mit Orlando Bloom in eine Inszenierung von Romeo und Julia ging?! Schmunzelnd über meine Gedanken schaltete ich den PC ein und durchforstete meine Festplatte nach den FanFictions, die ich über Herr der Ringe besaß.
Es waren unzählige, denn der Film hatte mich dermaßen beeindruckt, dass ich alles rund um Herr der Ringe verehrte. Mittlerweile hatte sich meine Begeisterung etwas gelegt. Ich liebte die Filme zwar immer noch, aber ich dachte nicht 24 Stunden am Tag darüber nach. Und jetzt wo ich einen der Hauptdarsteller kannte… ich fing an über mich selbst zu lachen.
Was war nur mit mir los in letzter Zeit? Als ob ich mir früher Gedanken über so etwas gemacht hätte, nein, ich hätte einfach nur gelebt und die Zeit genossen- ohne lästiges Nachdenken.

In meinem Postfach lagen ewig viele E-Mails, die es nun galt zu lesen, auszusortieren und teilweise zu beantworten. Ich beantwortete die E-Mails meiner Familie und meiner Freunde aus Deutschland, es war der Wahnsinn, was für Neuigkeiten es immer gab. Meine Mutter schrieb, dass sie mich unbedingt mal besuchen kommen wollte.
Innerlich stöhnte ich auf. Ich mochte meine Mutter und ich würde sie gerne ab und zu mal sehen, aber wenn sie jetzt kam und ich am Wochenende immer nur feiern ging… sie würde es missbilligen. Sie würde sagen: ‚Du hast eine Arbeit. Du bist jetzt langsam erwachsen, du solltest nicht die ganze Nacht feiern gehen. Denk an deine Arbeit.‘ Grinsend lehnte ich mich zurück, oh ja die Stimme meiner Mutter… Ein Klingeln, beim Blick auf die Uhr fiel ich aus allen Wolken: es war schon nach 13 Uhr.

„Ja?“
„Hallo Honey, hier ist Joe.“
„Hi Joe, wie geht’s dir?“
„Das sollte ich besser dich fragen, oder?! Wie war der Theaterabend mit meinem besten Freund Mr Bloom?“
„Oh, es war nett.“
„Nett? Erzähl ein bisschen mehr, ich bin neugierig.“
„Na gut, also er hat mich abgeholt, wir sind gemeinsam hingelaufen, haben uns das Stück angesehen, uns unterhalten und dann hat er mich nach Hause gebracht und sich verabschiedet.“ Ich grinste breit, denn ich wusste, das würde ihm nicht reichen.
„Oh Honey, erzähl schon, ich will mehr hören. Das kann nicht alles gewesen sein…“
„Da gab es nicht mehr, das war schließlich kein Date. Das war nur rein freundschaftlich. Platonisch. Und war das alles was du wolltest, Joe?“
„Oh, nein natürlich nicht, sorry, hätte ich fast vergessen: Wir wollen nachher proben, also so um 16 Uhr. Kannst du kommen?“
„Klar, ich bin dabei, werden alle kommen?“
„Naja, die ganze Band eben. Weder Jodie noch Orlando. Wir müssen ja nur proben.“
„Ist okay, ich werde da sein, Joe.“
„Gut bis nachher, Liebes.“ Kopfschüttelnd legte ich auf und grinste vor mich hin. Während ich mir endlich etwas zu Mittag kochte, sang ich mich ein bisschen warm, oder wenn ich ehrlich sein wollte: ich sang einfach nur.

Um halb vier nahm ich meine Gitarre auf und war auf dem Weg zum Probenraum. Es gab ein großes Geschrei, als Joe und Keith verkündeten, dass wir bald einen Auftritt haben würden. Es war für uns als Band, in der Konstellation mit mir, der erste Auftritt und wir würden noch sehr aufgeregt sein. Jeder von uns war früher schon einmal aufgetreten, aber eben nicht in dieser Band. Es würde eine ganz neue Erfahrung sein und ja, ich spürte jetzt schon etwas Aufregung.
Die Probe verlief einwandfrei, wir lachten viel und hatten einfach einen tierischen Spaß. Keith gab uns noch einige Details über den Auftritt, die Location und die Worte des Clubbesitzers. Es hörte sich alles so aufregend an und als ich hörte, in welchem Club wir auftreten würden, musste ich schmunzeln.
Ein typischer Londoner Studentenclub… oje, es würden viele meiner Studenten dort sein. Ach egal, wegen so etwas mussten sie ja nicht aufhören mich zu respektieren, war es doch ein Hobby wie es jeder andere auch haben könnte.
„Hey, lasst uns das heut Abend begießen, also dass wir unseren ersten Auftritt haben.“, schlug Tristan vor. Darren, Joe und ich stöhnten. Wir drei würden morgen früh rausmüssen. Die anderen hatten da weniger Stress.
„Ach kommt schon, ihr müsst euch ja nicht betrinken.“, legte jetzt auch Keith nach. Besonders lange dauerte es nicht, um uns zu überreden, wir feierten einfach zu gerne zusammen. Doch ich nahm mir vor mit dem Alkohol wirklich aufzupassen, ich würde morgen unterrichten müssen und nicht nur dasitzen und zuhören, so wie während meines eigenen Studiums.
„Ich ruf noch Orlando und Sam an und Jodie, die kommen bestimmt auch gerne.“ Nun stöhnte ich auf: Jodie- musste das sein? Ich konnte es mir nicht unbedingt erklären, aber ich konnte sie einfach nicht ausstehen. Sie war eine Plage.
„Wo wollen wir hin?“, fragte ich daher nur.
„Das PQ würde ich nicht vorschlagen, nicht sonntags. Lasst uns einfach ins Thanner’s gehen, da waren wir schon ein bisschen länger nicht mehr.“ Mit länger meinte er ca zwei Wochen, ich grinste nur und verabschiedete mich. Mit dem Gitarrenbag auf dem Rücken machte ich mich auf in die U-Bahn, drängte mich unter die wenigen Menschen, die dort waren und hörte gemütlich Musik- so wie immer.

Gedanklich war ich bei meinen Vorlesungen und Seminaren morgen, als ich mir zu Hause ein Sandwich belegte und mich dann vorbereitete um die anderen im Thanners zu treffen. Ich trug eine enge, gemütliche Jeans und ein enganliegendes Longsleeve, darüber meinen schwarzen Cordblazer und so saß ich dann eine halbe Stunde später mit den anderen zusammen im Thanners und es wurde zum Teil kräftig getrunken.
Darren und ich hielten uns ein wenig zurück, Joe schaffte es trotz gutem Vorsatz nicht und kippte ein Glas nach dem anderen mit Keith und Orlando. Sie tranken Bier, Gin und kippten einige Gläser Rum hinterher- es war nicht mehr nur feierlich, es war fast ein bisschen lächerlich.

Es dauerte nicht lange und die drei lallten was das Zeug hielt, überboten sich in schlechten Witzen und Sprüchen und brachten das ganze Lokal zum Lachen. Niemand schien sich in dem Lokal daran zu stören und niemand schien Orlando als den zu erkennen, der er war. Ich saß nur grinsend neben Joe und strich ihm ab und zu über den Kopf, versuchte ihm die Haare aus dem Gesicht zu halten.
Tristan schielte von Gegenüber zu mir und versteckte seinen sehnsüchtigen Blick nur unmerklich, denn auch er hatte einiges getrunken.
Jodie schlürfte seit 2 ½ Stunden an einem Cocktail und warf mir immer wieder giftige Blicke zu. Was zur Hölle hatte ich ihr denn getan? War sie sauer weil ich mich so gut mit ‚ihrer‘ Clique verstand? Oder dachte sie ich würde ihr einen der Jungs wegnehmen? Vielleicht stand sie ja auf einen von ihnen und fühlte sich herausgefordert? Ich wusste es wirklich nicht.
Irgendwann wurde es spät und ich verabschiedete mich, schließlich würde ich morgen noch früher als die zwei Studenten Joe und Darren in der Uni sein müssen. Auf meinem Heimweg dachte ich grinsend darüber nach, dass der Heimweg für die Betrunkenen wahrscheinlich gar nicht mehr so einfach sein würde.
„Na nicht mein Problem.“, sagte ich mir selber und ahnte nicht, dass es in den nächsten Stunden doch leider noch mein Problem werden würde.

In Ruhe begann mein Montagmorgen an der Uni, mein Büro war aufgeräumt (wie immer! Aber ich musste mich dazu zwingen…) und es gab kaum Nachrichten oder Post. Erleichterung durchflutete mich und ich bereitete mich mental auf eine Chaosstunde im Seminar vor, so wie ich während meines Studiums reagiert hatte, als ich ebendiesen Text hatte lesen und bearbeiten müssen den ich meinen Studenten für heute gegeben hatte. Und es ging schon los als ich den Raum betrat:
„Miss Keller, die Aufgabe…“
„Das kann doch nicht ihr Ernst gewesen sein.“
„Das war einfach unmöglich zu verstehen.“ Ich hob beschwichtigend die Hände und sofort verstummten alle und Stille kehrte ein.
„Ich verstehe ihre Bedenken sehr gut, der Text ist nicht leicht, ich weiß das. Aber es ist eine überaus wichtige Quelle, die, wenn man sie vollends versteht, sehr viele aufschlussreiche Details über die Situation im Königreich Jerusalem preisgibt.“ Als manche ansetzten noch mal zu widersprechen, fuhr ich fort:
„Sie sagt ihnen etwas über persönliche Streitigkeiten unter den hochrangigen Rittern, den Orden und über politische Bedenken, die aus Europa herüber drangen. Glauben sie mir, ich werde nicht mit mir verhandeln lassen über die Relevanz dieser Quelle für ihre Klausur.“ Allgemeines Stöhnen war die Antwort und ich schmunzelte.
Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte ich genauso geschrieen bei dieser Textquelle, daher konnte ich meine Schützlinge gut verstehen, die Quelle war schwer zu durchschauen und schwer zu verstehen – noch dazu in einem wundervoll verqueren Latein geschrieben. So nahm ich mir die gesamte Stunde Zeit, den Studenten Hilfestellungen zu geben. Keinesfalls erklärte ich ihnen die Quelle in allen Einzelheiten, ich gab ihnen nur die richtigen Tipps, um an den richtigen Stellen mit der Untersuchung des Textes anzusetzen.
Nach eineinhalb Stunden war das Seminar dann vorbei und einige sahen zumindest etwas glücklicher aus, als zu Beginn. Kurz nahm ich mir die Zeit zurück zu meinem Büro zu gehen, dann musste ich los und meinen neuen Kurs einweihen. Den Kurs, indem auch Joe sitzen sollte.

Der ganze Saal war voll, es mussten etwa 170 Menschen sein, und ich legte einfach los. Man hörte mir mehr oder weniger aufmerksam zu und ab und an kamen auch Fragen, doch gegen Ende der Sitzung wurde ich jäh unterbrochen und sah schockiert auf.
„Honey, heeey Honey, erzähl unsch wasch über Baaaalin von Iiiibelin.“ Meine Augen suchten den Saal nach dem Ursprung des Sprechers auf und ich lief rot an, als ich einen betrunkenen Orlando Bloom dort sitzen sah und neben ihm – wie konnte es anders sein – Joe. Die Mehrzahl der Studenten kicherte, die anderen sahen entsetzt zu den zweien, die da saßen und lallten. Doch es überwiegte deutlich der Teil, der über den Spitznamen an mich lachte. Ich spürte die Wut in mir aufkochen und funkelte zu den beiden hoch. Mühsam unterdrückte ich das Bedürfnis zu schreien und sprach ruhig:
„In einem solchen Zustand sollten Sie besser nicht in meine Vorlesung kommen, denn ich dulde es nicht, dass man meinen Unterricht stört. Verlassen Sie sofort den Saal.“ Joe sah mich bestürzt an und machte es nur noch schlimmer.
„Aber, Honey, du kannsch doch nisch einfach… ich mein, wir siiin uns doch sooo nah.“ Orlando neben ihm kicherte wie ein kleines Kind und obwohl dass alle lachten, sah ich immer mehr Gesichter, die mit mir Sympathie zu fühlen schienen.
„Raus und zwar sofort, melden Sie sich beim Dekan der Fakultät, Mr Dayton und Mr ähm… wer auch immer Sie sind.“ Man murmelte und Joe sah mich noch immer entgeistert an, dann griff er nach Orlandos Ärmel und die beiden verschwanden schwankend aus dem Saal.

So gut wie möglich, brachte ich die Vorlesung zu Ende, obwohl ich mich ständig über Joe ärgerte und gleichzeitig um die beiden sorgte. Schnell packte ich meine Unterlagen ein und beeilte mich zu meinem Büro zu kommen und vor meinem Büro standen sie.
Orlando schien kaum etwas mitzubekommen und Joe sah aus wie ein begossener Pudel. Schweigend schloss ich mein Büro auf, schob die beiden hindurch und verschloss die Tür hinter uns. Joe ließ Orlando auf einen der Stühle fallen, sah mich mit einem Dackelblick an und öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ich kam ihm zuvor.
„Komm jetzt bloß nicht auf die Idee bloß Entschuldigung zu sagen, Joe. Das wird nämlich nicht ausreichen!“ Er klappte den Mund wieder zu und schwieg. Ich war wirklich sauer.
„Wir sind zwar Freunde, aber hier bin ich deine Dozentin und du solltest dich dementsprechend verhalten. Wieso seid ihr überhaupt so betrunken hier?“ Orlando kippte auf dem Stuhl zur Seite und konnte sich gerade noch selbst an meinem Schreibtisch festhalten. Ich traute meinen Augen kaum.
„Naja, wir Jungsch ham… als su weg warscht… äh n Männerabend gmacht. Sind erst vor zwei Stunden oder so… äh ausm Thanner rausch.“ Ich hob die Hand, um ihn verstummen zu lassen. Das war ja nicht Mitahnzusehen.
„Joe, du weißt dass ich als deine Dozentin leider jetzt etwas fies sein muss. Du musst trotzdem zum Dekan gehen, das ist dir doch wohl klar?“ Er nickte und sah zu Orlando.
„Aber Orl.. Orla… Orli muss gschützt werden. Un er is ja nisch mal hier Studi…“ Mir entwich ein lautes Seufzen.
„Ja ich weiß und deshalb bleibt er hier. Ich habe jetzt mehr als zwei Stunden frei und eine Kaffeemaschine hier. Ich werde dafür sorgen, dass er wieder nüchtern wird.“ Joe nickte, fügte sich in sein Schicksal und ließ uns alleine. Orlando hing an meinem Schreibtisch und sah aus als wäre ihm unheimlich schlecht. Neben ihm niederkniend streichelte ich ihm über den Rücken und versuchte ein paar Worte aus ihm herauszubekommen.
„Hey Orlando, kannst du mich hören?“ Schwach nickte er darauf.
„Geht’s dir halbwegs gut?“ Wieder ein Nicken, na immerhin.

Meine Kaffeemaschine war das Herzstück meines Büros und ich war gerade jetzt unglaublich froh sie zu haben. Zum Glück war sie auch recht leise, denn ich glaube Orlando war gerade ziemlich empfindlich. Während die Maschine den Kaffee machte, näherte ich mich wieder Orlando, dessen Kopf auf meinem Schreibtisch lag.
Ich konnte nicht widerstehen und strich ihm sanft über den Hinterkopf, seine dunklen Locken fühlten sich so weich an. Er blinzelte und sah zu mir hoch, seine braunen Augen funkelten mich an und zauberten ein Lächeln auf mein Gesicht.
„Lehn dich nur zurück, schlaf mir hier bitte nicht ein. Ich geb dir gleich einen Kaffee.“ Schon wieder bekam ich ein stummes Nicken. ‚Besser als gar keine Reaktion‘, dachte ich. Zwei Minuten später war die Maschine durchgelaufen und ich schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein und gab sie ihm in die Hand.
Er wirkte müde, verkatert und absolut noch nicht nüchtern. Als er gerade die Tasse an die Lippen setzte, ging meine Tür auf und ein Student kam hereingestolpert. Er starrte auf Orlando und setzte an sich zu entschuldigen, aber wieder einmal war ich schneller.
„Es tut mir Leid, aber meine Sprechstunde ist für heute vorbei. Schreib mir bitte eine E-Mail oder komm morgen wieder.“ Der Student drehte sich wortlos um und ein paar Sekunden nachdem er verschwunden war, schloss ich meine Tür ab.
Orlando blickte über den Rand seiner Tasse zu mir und sein Gesicht verzog sich zu einem schwer zu deutenden Lächeln. Ich versuchte nicht darüber nachzudenken und kam zu ihm zurück, die massive Holztür meines Büros verschlossen im Rücken.
Orlando trank seine Tasse aus und urplötzlich war sein Blick klarer als vorher. Stirnrunzelnd blieb ich einen halben Meter vor ihm stehen und erwiderte seinen Blick stumm. Langsam, wie in Zeitlupe, stand er auf und war so nah vor mir, dass ich seinen Arm berühren konnte wenn ich nur den Finger ausstreckte. Seine Hand hob sich und er strich mir eine meiner dunkelroten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ich bewegte mich nicht einen Millimeter und vergaß für einen Moment sogar fast das Atmen.
Seine Hand streifte mein Ohr und dann ließ er sie an meinem Hals hinabgleiten, strich meinen Arm entlang bis zu meiner Hand. Irgendetwas in seinem Blick ließ mich noch immer stillstehen als sei ich fest mit dem Erdboden verwurzelt. Nun kam er mit seinem Kopf näher an mich heran und rieb mit der Nase über meinen Hals, seine Hand noch immer an meinem Arm auf- und abstreifend.

(Orlandos Sichtweise)

Orlando wusste nicht wirklich wie es dazu gekommen war, aber er saß nun in diesem Büro und hörte zu, wie Lily Joe scharf zurechtwies, dann war Joe auf einmal weg. Worum genau war es gerade gegangen? Er schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren, aber es klappte nicht so ganz. In seinem Kopf drehte sich alles und Orlando legte den Kopf auf den Schreibtisch, so hörte wenigstens dieses leichte Schwindelgefühl auf. Worte, Lily sprach mit ihm, fragte ihn etwas, er nickte nur. Dann ein Geräusch, mehrere, es klang wie eine Maschine.
Und kurz darauf spürte er eine zarte Berührung an seinem Kopf. Leise stöhnend hob er den Kopf, blinzelte in das helle Licht und versuchte Lily anzusehen. Sie lächelte und ihr Lächeln war bezaubernd schön. Ihre Augen verrieten, dass sie in Sorge war und das brachte ihm ein warmes Gefühl im Körper. Lily bot ihm einen Kaffee an, zumindest sagte sie, sie würde ihm gleich einen Kaffee bringen. Mehr als ein Nicken brachte er nicht zustande. Sein Kopf wehrte sich gegen jede Bewegung. Er wartete stumm ab und hoffte, dass der Schwindel bald von alleine vergehen würde.
Lily kam zu ihm rüber und drückte ihm eine heiße Kaffeetasse in die Hand. Gerade wollte er einen großen Schluck trinken, da ging die Bürotür auf und ein gehetzt wirkender, nerdie Student kam herein. Orlando hoffte zumindest, dass der Junge Student war, denn sollte er hier arbeiten, wäre er doch echt ein Loser. Lily trat mehr als selbstbewusst auf, schickte den Studenten locker weg und einen Moment lang konnte man dem Studenten ansehen, wie scharf er seine Dozentin fand. Dann war der Kerl weg und Lily, noch immer diese selbstbewusste Ausstrahlung an sich, verschloss die massive Holztür mit dem Schlüssel.
Ihr Verhalten löste ein anzügliches Lächeln bei Orlando aus und er nahm schnellstens einen großen Schluck Kaffee um das zu verbergen. Lily kam auf ihn zu, ihre Hüften bewegten sich sanft hin und her, Orlandos Blick blieb an ihrer Figur kleben und er musste zugeben, sie war sehr hübsch. In diesem Moment war sie nur allzu verführerisch.
In einem Anflug von Panik stürzte er den Kaffee herunter und stellte die Tasse auf dem Tisch ab. Sie aber stand stirnrunzelnd vor ihm und wartete ab, irgendwie schien sie verwirrt. Er war es ganz und gar nicht!
Mit aller Ruhe, die er aufbringen konnte, erhob er sich von dem Stuhl und richtete es so ein, dass er ganz nah vor ihr stand und sie noch mehr verwirrte. Wie er es sich gedacht hatte, blieb sie wie angewurzelt stehen und versuchte seinen Blick festzuhalten. Ihre dunkelroten Locken zogen ihn wie magisch an, er wusste, dass ihre Haare weich waren und wollte sie berühren.
Er sah seine Gelegenheit in der Strähne, die ihr ins Gesicht gefallen war und schob sie sachte hinter ihr Ohr. Ihr Duft stieg ihm in die Nase und er ließ sich dadurch führen, streifte ihr Ohr und strich erst ihren Hals und dann ihren Arm entlang. Die Farbe ihres Haares war einzigartig, er hatte so etwas noch nie gesehen. Sowieso war sie eine Frau, wie er sie schon lange nicht mehr getroffen hatte, fast noch nie sogar… sie war selbstbewusst, verstand Humor und war talentiert. Und zur Krönung war sie auch noch wunderschön.
Seine Hand verselbstständigte sich und streifte leicht weiter an ihrem Arm entlang und er beugte sich nah zu ihr vor. Er wollte ihren Duft in sich aufnehmen und einfach alles andere vergessen. Seine Nase berührte die zarte Haut ihres Halses und er stöhnte innerlich auf.
Seit langem hatte er sich nicht mehr so an eine Frau herangewagt, nunja abgesehen von der Nacht bei Joes Geburtstag, wo Lily neben ihm gelegen hatte. Plötzlich kamen alle Erinnerungen an sein nächtliches Erwachen zurück und er musste grinsen. Sie hatte sich an ihn gedrückt, mit ihren nackten Beinen über seine gestrichen, jede Berührung von ihm genossen- und dabei sanft geschlummert wie ein Engel. Orlando fühlte sich verzaubert von den Erinnerungen und ließ seine Hand von ihrem Arm zu ihrem Rücken gleiten.
Dabei musste er etwas ungeschickt gewesen sein, denn auf einmal quietschte sie auf und entfernte sich schnell von ihm. Mitten in der Bewegung erstarrt sah er sie fragend an. Lily errötete und schaute auf ihre Hände.
„Was war denn das?“, kam es überraschend ohne Lallen von Orlando und einen Moment konnte Lily es gewiss nicht fassen, dass er das auch noch fragte.
„Du, du kannst so was nicht einfach machen. Und überhaupt du bist betrunken. Trink den Kaffee und versuch einfach nüchtern zu werden.“ Orlandos Augen weiteten sich und er sah sie stumm an. Er schien nicht zu verstehen was sie meinte. Lily wurde nervös und ging an ihm vorbei, schenkte eine neue Tasse Kaffee ein und hielt sie ihm wortlos hin. Fassungslos nahm er die Tasse und setzte sich wieder.
Er hatte ihr nicht zu nahe treten wollen, aber er hatte sie berühren wollen… dass sie ihn ablehnte, damit hatte er nicht gerechnet. Das war er nicht gewohnt. Es verwirrte ihn ein wenig und er wollte es jetzt einfach dabei belassen und den Kaffee trinken.

(Ende des Zwischenspiels)

Sie war echt durch den Wind. Was hatte Orlando geritten ihr so nahe zu kommen? ‚Wahrscheinlich nur der Alkohol… er ist bestimmt einfach nur von dem Alkohol benebelt. Jede andere Frau hätte er jetzt auch angemacht…‘ Ihre Gedanken überschlugen sich und sie wollte einfach nur schweigen, er trank seinen Kaffee und sie dachte nach.
Es vergingen etliche Minuten und es herrschte nur Stille zwischen den beiden. Lily ließ sich hinter ihrem Schreibtisch nieder und schaute durch ihre Unterlagen, allein um sich irgendwie zu beschäftigen und nicht über ihn nachdenken zu müssen. Über ihn und das, was gerade im Begriff gewesen war zu geschehen.

Der Rest der Woche war ruhig, verging wie im Flug. Den Zwischenfall von Montag hatte ich recht schnell vergessen, hatte mich jeden Abend mindestens eine Stunde zu Kyle gesetzt und mit ihm gequatscht. Mein Gefühl ihn ein bisschen vernachlässigt zu haben, seit ich die anderen kannte, wies er entschieden zurück.
„Hey, ist doch kein Thema. Du bist ne klasse Frau und dass da auch andere Menschen sind wundert mich gar nicht. Außerdem bist du mir absolut nichts schuldig.“ Aber egal was er sagte, es gab mir nicht das Gefühl, dass alles in Ordnung war.
Am Freitagabend sollte aber nun der Auftritt stattfinden und ich war wirklich nervös mittlerweile. Kyle hatte sich frei genommen, damit er auch kommen konnte, um mich zu unterstützen. Ich war echt froh darüber und er half mir auch beim Stylen.
Die Einweihung meines gelben Satinkleides stand kurz bevor, doch ich würde es mit einer schwarzen Röhrenjeans kombinieren, denn auf der Bühne zu stehen in einem kurzen Rock, das war nicht so ganz mein Favorit. Kyle bewunderte mein Outfit angemessen ausgiebig und schaute mir aufgeregt beim Schminken zu. Er war hellauf begeistert und fand das alles mehr als nur aufregend, man merkte ihm so was von an, dass er schwul war!

Wir lachten und alberten herum, er sprach die ganze Zeit davon, dass ich sicherlich von der Bühne fallen, meine Gitarre kaputtmachen oder die Töne nicht treffen würde. Gemeinsam fuhren wir dann zu dem Club (mit der U-Bahn, sonst wäre ich ja gezwungen nüchtern zu bleiben um mein Auto wieder mitzunehmen) und er wollte mir unbedingt die Gitarre reintragen, doch er durfte nicht in den Backstageraum, weil er nicht zur Band gehörte. Ich verabschiedete mich also mit einem Kuss von ihm (ja, ein Kuss auf den Mund war bei uns normal geworden!) und suchte meine Band.
Es gab ein großes Geschrei als ich ankam, denn ich war die letzte die gefehlt hatte. Wir lachten und legten die Reihenfolge der Songs fest. Dass die Aufregung stieg, merkte man uns deutlich an. Wir waren froh über die kleine Flasche Sekt, die Sam uns mitgebracht hatte: so konnte jeder von uns einen kleinen Schluck nehmen, um die Schmetterlinge der Aufregung zu besänftigen. Kurz bevor wir rauf auf die Bühne sollten, stellten wir uns im Kreis auf und sahen uns ernst an.

„Gruppenkuscheln!“, rief Joe und sofort kicherten wir alle und erdrückten uns halb. Das hatte uns allen ein großes Grinsen ins Gesicht gezaubert und wir atmeten tief durch, betraten die Bühne und legten los. Da waren wir nun also bei unserem ersten Auftritt: Tristan am Schlagzeug, Dave am Bass und Darren, Keith und ich mit Gitarre, für Joe gab’s natürlich auch ein E-Piano, doch er selbst wartete hinter der Bühne. Wir spielten sicher, denn wir hatten mit viel Spaß gearbeitet und Keith und ich wechselten uns mit Gesang ab, bei den Refrains oder herausragenden Stellen setzten auch die anderen mit ein.
Unser Stil schien anzukommen, denn die Anwesenden (es waren zwar nicht wahnsinnig viele, aber immerhin an die 50 Personen!) tanzten, feierten und schienen glücklich.
Ich war froh die meisten Menschen vor der Bühne nicht zu sehen, denn dann wäre ich ganz nervös geworden. Aber das Licht blendete und es war gut so. Nach etwa einer Stunde waren wir vollkommen fertig und konnten nicht mehr, so hörten wir auf und verabschiedeten uns. Müde schleppten wir unsere Instrumente hinter die Bühne und uns danach wieder raus, damit wir die anderen treffen und der nachfolgenden Band zuhören konnten. Sam flog mir förmlich um den Hals und Kyle kam auch grinsend auf mich zugeschlichen und als er vor mir stand ließ ich Sam los und sank in seine Arme. Rings um uns wurde blöd geglotzt und Kyle küsste mich noch einmal auf den Mund und fragte mich dann nach meinem Getränkewunsch.
„Ein Sex on the beach wär jetzt toll, Schatzi.“ Er zwinkerte mir nur zu und schlenderte zur Bar. Sam sah mich mit offenem Mund an und wirkte ungläubig, ebenso die anderen.
„Was habt ihr denn alle? Ist mein Kleid gerissen?!“ Ich sah an mir herunter und alles war ok, also zuckte ich nur mit den Achseln und lauschte aufmerksamer unseren Nachfolgern auf der Bühne. Kyle kam zurück, hielt mir einen Cocktail hin und schlang den Arm um meine Hüfte- Berührungsängst hatte ich sowieso selten, vor allem nicht bei guten Freunden.

Orlando nahm seine Schwester beiseite und zischte ihr aufgebracht ins Ohr:
„Du hast doch gesagt sie hat keinen Freund, wo kommt dann dieser Kerl auf einmal her?“ Hilflos sah Sam zu ihrem Bruder auf.
„Ich weiß es ehrlich nicht. Als ich mit ihr über Männer geredet habe meinte sie auch sie sei seit Monaten Single, schon mehr als 7 Monate bevor sie hierher kam war sie Single.“
„Vielleicht ist der Typ ja nur ne Bettgeschichte.“, mischte sich nun Joe ein, der als einziger von den anderen Jungs eingeweiht war. Orlando hatte seinem besten Freund nach diesem peinlichen Montag endlich alle Einzelheiten erzählt, die mittlerweile zwischen ihm und Lily vorgefallen waren. Und dabei seine Vermutung geäußert, dass er etwas mehr für sie empfand.
Joe war erst empört gewesen, der Beschützerinstinkt hatte sich augenblicklich gemeldet, doch dann war er über die Ehrlichkeit seines Freundes erfreut gewesen. Tristan gab schließlich kein bisschen zu, dass er Lily gerne vernaschen würde, dabei tat er das ganz bestimmt so wie er sie ansah, anfasste und anbaggerte. Sam schüttelte den Kopf.
„Nein, das sieht ihr nicht ähnlich. Gar nicht.“ Die Jungs blickten sich an und zuckten nur mit den Schultern. In dem Moment hörten sie jemanden schreien:
„Was soll das? Hast du sie noch alle du Schwuchtel?!“ Ein Mann schrie gerade Kyle Beleidigungen entgegen und Lily stand hilflos neben dran und zog Kyle erschreckt aus der Reichweite des erbosten Mannes.
Kurz darauf stand sie bei Sam, Joe und Orlando und zog einen verwirrten Kyle an der Hand mit sich.
„Ist alles okay, Schatzi?“, fragte sie ihn besorgt. Kyle sah verwirrt aus.
„Man, wieso denken die gleich man steckt sie mit einer Krankheit an nur weil man ihnen sagt sie haben einen geilen Arsch.“, beklagte der sich bei Lily, die plötzlich traurig lächelte.
„Hey, viele haben halt immer noch Angst vor Schwulen. Aber ist doch egal, lass sie sagen was sie wollen. Du weißt es gibt auch Gleichgesinnte und du bist ein toller Kerl.“
Die drei hörten aufmerksam zu und tauschten erleichterte und verstehende Blicke. Jetzt war das Geheimnis gelüftet und Orlando fühlte sich besser.
„Ah bevor ich es vergesse, Leute das ist Kyle, ein sehr guter Freund von mir und Kyle das sind Sam, Joe und Orlando.“ Alle gaben sich die Hand und lächelten, wenigstens die drei schienen tolerant genug zu sein einen Homosexuellen in ihrer Runde zu dulden. Ich nippte genüsslich an meinem Sex on the beach, als Kyle auf einmal anfing:
„Sag mal, der Sänger in deiner Band, der ist nicht zufällig…“ Joe und Orlando fingen an zu lachen, Sam und ich grinsten.
„Naja, also bisher ist er glaube ich hetero.“ Kyle bekam große Augen bei meiner Formulierung und musterte Keith in der anderen Ecke erneut. Ich grinste in meinen Cocktail und hatte ihn geleert. In dieser kleinen Runde unterhielten wir uns eine ganze Weile, bis Kyle sich umdrehte.
„Lily, es tut mir Leid, aber ich hab Ryan versprochen heute Abend noch mit ihm um die Häuser zu ziehen. Wir sehen uns Baby, okay?“ Mein Lächeln sagte alles und Kyle gab mir einen erneuten Kuss auf den Mund und ging dann, Joe legte mir stattdessen den Arm um die Schultern.
„Aha, von dem wussten wir ja gar nichts, Baby.“ Ich verdrehte nur die Augen.
„Kyle war der erste hier in London, der mit mir mal abends rumgezogen ist und er ist ein superlieber Kerl.“ Sam lachte und zog Joe von mir weg.
„Na komm, ist doch nix schlimmes, Joe. Der ist schwul und hat sie gern, na und? Lass uns tanzen.“ Und schon war sie weg und ließ Orlando und mich dort alleine stehen. Etwas verlegen schwieg er und ich schaute traurig auf mein leeres Cocktailglas.
„Ich hol mir noch mal was zu trinken.“, sagte ich in seine Richtung und wollte los, da griff er nach meiner Hand.
„Wollen wir nicht lieber auch ein bisschen tanzen?“ Die zweite Band hatte gerade zu Ende gespielt und nun legte ein DJ auf. Die Musik wurde nun mehr clubmäßig und ich nickte begeistert.

„Klar ich liebe tanzen! Super Idee, ab ab.“ Ich war wirklich nicht mehr zu halten und zog ihn hinter mir her auf die Tanzfläche, wobei ich auf dem Weg einem total verdutzten Keith mein leeres Glas in die Hand drückte. Gerade legte der DJ Rhiannas Pon de Replay auf und ich war in meinem Element, es machte total Spaß und ich war erstaunt, dass Orlando sich dazu so gut zu bewegen wusste.
Mein Rockteil schwang wann immer ich mich drehte und das Kleid war einfach wahnsinnig bequem und trotz des gewagten Ausschnitts, sah man nicht zuviel. Ich fühlte mich pudelwohl und das merkte man an meinen schwungvollen und selbstsicheren Bewegungen, die durchaus auch lasziv waren. Wenn ich irgendjemanden erstaunte, dann merkte ich es nicht. Nur die Bewegung, der Rhythmus und das Gefühl zählten. So blind war ich in dem Moment für alles andere als den Tanz und die Musik, dass ich nicht einmal mitbekam, dass am Rande der Tanzfläche einige meiner Studenten standen und sich über mich unterhielten.
Hätte ich es bemerkt, wäre ich vielleicht durchaus etwas nervös geworden, aber groß gestört hätte es mich vermutlich nicht. Ein Hobby wie andere eben auch…
Orlandos und mein Körper harmonierten beim Tanzen sehr gut, irgendwie war er immer da, immer nah genug, aber momentan nicht auf Körperkontakt aus. Es war mir angenehm zu wissen und zu merken, dass mein Tanzpartner nicht auf Teufel komm raus Bekanntschaft mit einigen meiner Körperteilen machen wollte. Ich tanzte und tanzte und es war einfach ein toller Abend, jetzt wo die Anspannung von mir abgefallen war. Die Musik blieb gut und tatsächlich war einfach alles tanzbar.
Es war unser Abend, denn die ganze Bande und ich tranken, lachten und tanzten. Sam wollte schon etwas früher gehen und verabschiedete sich besonders von Orlando und mir.
Bei Jodie, Dave und Keith war irgendwann der Alkoholpegel so hoch, dass Darren beschloss sie nach Hause zu bringen. Orlando und ich tanzten wieder einmal und auch wir hatten schon recht viel getrunken, waren aber noch nicht so richtig betrunken.
Joe flirtete gerade tierisch mit einer hübschen Brünetten und ich beobachtete das aus den Augenwinkeln. Sie war mir auch schon aufgefallen, denn sie hatte eine warmherzige Ausstrahlung und sie war hübsch. Ich gähnte und Orlando beugte sich zu mir.
„Bist du müde?“ Ein Nicken von mir. „Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Ach quatsch, das musst du nicht. Ich komm auch gut alleine nach Hause.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich eigentlich deine Hilfe brauche?“ Verständnislos sah ich ihn an und bat ihn stumm weiterzusprechen.
„Naja, bei mir zu Hause ist heute voll, weil mein Onkel ausnahmsweise da ist und eigentlich sollte ich bei Joe schlafen. Bei dem sieht’s aber so aus als würde ich da eventuell heute Nacht stören…“ Seinen Dackelblick hätte es gar nicht gebraucht.
„Klar, kein Problem, bei mir ist genug Platz.“ Sanft lächelte er.
„Dann lass uns gehen, du bist müde und ich auch ein bisschen. Sagen wir nur noch schnell Joe Bescheid und dann gehen wir.“ Ich hielt ihn zurück.
„Moment, wenn wir da jetzt einfach so hingehen… ach egal, komm.“ Meine Hand griff nach seiner und ich zog ihn hinter mir her zu Joe und der Dame rüber. Joes Gesicht verriet, dass er unsere Ankunft tatsächlich als kleine Störung empfand, doch als er hörte weshalb wir hier waren, lächelte er.
„Na alles klar, ihr zwei, macht euch noch eine schöne Nacht.“ Bevor Orlando etwas erwidern konnte, hatte ich ihn schon aus Hörweite gezogen.
„Wir müssen noch meine Gitarre mitnehmen.“, war alles was ich noch sagte und zog ihn in den Backstagebereich- ohnehin achtete da nun kaum jemand drauf wer genau es war, der reinging. Im Normalfall gingen dort nur Befugte rein und außerdem waren die Instrumente sowieso bewacht worden, weil sie direkt im Büro des Chefs standen, der den ganzen Abend bis Ladenschluß dort drin saß. Als ich anklopfte kam sofort eine Antwort und wir betraten den Raum und holten meine Gitarre, dann machten wir uns endlich auf den Weg zu mir nach Hause.

Orlando wollte sich nicht davon abbringen lassen, meine Gitarre für mich zu tragen. Obwohl ich mehrere Minuten auf ihn einredete, lächelte er nur und schulterte sie. Dann griff er nach meiner Hand.
„Na, komm lass uns zu dir gehen.“ Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte gedacht er wolle anzüglich sein. Sein freches Grinsen und das Funkeln seiner Augen, ich seufzte und ließ seine Hand los. Händchen halten mit einem Hollywoodschauspieler, der auch noch die Nacht bei mir verbringen sollte war nun wirklich zu viel.
Schweigend liefen wir eine Weile durch die Straßen Londons (die U-Bahn fuhr um die Uhrzeit nicht mehr und der Nachtbus verkehrte zu unregelmäßig…), bis Orlando das Schweigen brach:
„Ihr wart echt gut heute Abend, du hast toll gespielt und gesungen.“ Mit einem strahlenden Lächeln bedankte ich mich bei ihm und er fuhr fort:
„Und du siehst toll aus. Sam meinte, du hättest das Kleid vermutlich selbst genäht. Sie meinte, du könntest das.“
„Ja, ich kann das tatsächlich und Sam hat auch Recht. Das Kleid hier ist eine Eigenkreation, mir war langweilig und da hab ich mich an die Nähmaschine gesetzt. Nichts Besonderes eigentlich.“ Schnell widersprach er mir.
„Doch das ist doch klasse. So was kann nicht jeder, das ist Talent und Können. Du solltest stolz darauf sein. Du kannst so viel, das ist Wahnsinn.“ Meine Wangen und Ohren zierte eine leichte Röte. Ich freute mich über Komplimente – wer tat das nicht – aber ich wollte sie mir auch nicht zu Kopf steigen lassen.
Sicher ich konnte ein paar Dinge, aber andere Menschen doch auch. Musste man mich deswegen so hervorheben? Ich war nicht mehr etwas Besonderes als andere Menschen auch, es variiert immer nur für wen man etwas Besonderes ist. Nun, nach solchen Gedanken war ich sogar knallrot im Gesicht.

Zufrieden über den heutigen Abend war ich definitiv, ich hatte zwar später einige meiner Studenten getroffen, aber mich vorerst erfolgreich darum gedrückt, ihre Kommentare hören zu müssen. Die Nacht war etwas unangenehm, zwar nicht kalt, aber dafür eher feucht. Es nieselte und weder ich, noch Orlando hatten eine richtige Jacke dabei, die uns vor der Nässe schützte.
Trotzdem lachten wir auf dem Heimweg und beeilten uns nicht übermäßig zu mir zu kommen. Nachteile hatte das natürlich auch, denn als wir endlich bei mir angekommen waren, waren wir pitschnass. Er stellte meine Gitarre in die Ecke und schüttelte seine nassen Haare wie ein Hund sein nasses Fell.
„Hallo Spike, du nasses Hündchen.“, war mein einziger Kommentar dazu und Orlando sah mich erst gespielt böse, dann grinsend an. Doch auch ich zerrte an meinen nassen Klamotten und sah ein bisschen aus wie ein begossener Pudel. Schnell zog ich mir die Socken von den Füßen und warf sie im Bad in den Wäschekorb. Als ich Orlando den Rücken zudrehte, näherte der sich mir leise und vorsichtig. Bevor ich ihn entdeckt hatte, schlang er die Arme um mich und säuselte mir leicht ins Ohr:
„Du wirst dich noch erkälten, Honey.“ Ich erstarrte in seinen Armen und mein Herz schlug schneller. Was machte Orlando da? Noch leiser flüsterte ich zurück:
„Und wie soll ich das ändern deiner Meinung nach?“ Ein leichtes Glucksen drang an mein Ohr und sein warmer Atem streifte über mein Ohr und verpasste mir eine Gänsehaut.
„Die nassen Klamotten sind das Problem, die kühlen dich aus.“ Scheinbar wollte er dann doch nicht zu dreist werden, denn mir zu sagen mich auszuziehen, vermied er dann doch lieber. Ein amüsiertes Grinsen spielte um meine Lippen.
Irgendetwas passierte in diesem Moment zwischen Orlando und mir und ich könnte es nicht genau beschreiben. Er ließ mich los, blieb aber dicht hinter mir stehen. Ich selbst drehte mich um und wich keinen Millimeter von der Stelle. Unsere Körper waren nur wenige Zentimeter voneinander getrennt. Ich wurde mutig.
„Aber bei dir ist das auch nicht besser, weißt du?!“ Mit langsamen Bewegungen hob ich die Hand und knöpfte sein Hemd auf, die Jacke hatte er schon bei der Ankunft abgeworfen. Er blieb stehen und sah nur stumm auf mich herunter, doch ich konnte spüren wie sich seine Muskeln unter meinen zaghaften Berührungen anspannten. Ich hatte den letzten Knopf geöffnet und streifte das Hemd über seine Schultern. Es fiel auf den Boden und entblößte seinen durchtrainierten Oberkörper.
Ab jetzt überschlugen sich meine Gedanken. Was tat ich hier? Vor mir stand ein begehrter Jungschauspieler, nur mit einer nassen Hose bekleidet und… und ich konnte scheinbar mit ihm machen was ich wollte.
Doch genau das war mein Problem! Ich dachte an Sam und wie froh ich darüber war, sie als neue beste Freundin gewonnen zu haben. Es war etwas seltenes zu wissen, dass man einer Person einfach alles anvertrauen konnte. Sam wäre vermutlich nicht begeistert wenn sie wüsste, dass ihr Bruder und ich hier anbandelten.
Erschrocken ließ ich von Orlando ab und drehte mich weg. Ich zitterte und das war auch kein Wunder, denn in den nassen Klamotten wurde es schnell kalt und klamm. Den bohrenden Blick Orlandos konnte ich im Rücken spüren, doch ich konnte es ihm nicht sagen. Meine Güte, ich sah seinen nackten Oberkörper wieder vor meinen Augen und dachte daran, wie gut ich in seiner Nähe geschlafen hatte. ‚Oh hör auf daran zu denken, Lily‘, sagte ich mir selber und blickte zu Boden.
„Was hast du denn, Lily? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“ Seine sanfte Stimme klang besorgt und seine Sorge galt mir!
„Ich werd mich umziehen.“, sagte ich schroffer als ich wollte und verschwand in meinem Schlafzimmer.

Den verdutzten Orlando ließ ich einfach stehen wie er war- tropfnass.
Meine Gedanken purzelten durcheinander und zitternd streifte ich meine Kleider ab und zog einen trockenen, langen Pyjama an. Mein Gesichtsausdruck musste meine Gedanken zeigen, denn sie brachten mich schier um den Verstand. Alle Momente mit Orlando bisher waren sehr schön gewesen. Es hatte sich so gut angefühlt in seinen Armen zu liegen, einzuschlafen und aufzuwachen, seinen Duft zu riechen.
Mit einem Kopfschütteln versuchte ich mich davon zu lösen und da fiel mir auf, wie kalt mir immer noch war. Orlando stand noch immer wo ich ihn zurückgelassen hatte und ich sah ihn entsetzt an.
„Oh, ähm entschuldige. Willst du…?“ Ich verstummte, denn was sollte ich ihm anbieten? Er blickte mich schweigend an und sah dann vielsagend an sich runter.
„Du hast nicht zufällig irgendwas in meiner Größe, oder?!“
„Naja, deine Jogginghose ist noch hier. Ich hatte noch keine Gelegenheit sie dir zurückzugeben. Und ich glaub ich habe ein T-Shirt, das dir passen könnte. Es ist mir viel zu groß.“ Er nickte ergeben und folgte mir in mein Zimmer.
Seine Jogginghose lag auf meinem Stuhl und das T-Shirt hatte ich auch schnell gefunden, es war ein Funshirt auf dem in deutsch stand: ‚Ich würde mich ja gerne geistig mit dir duellieren, aber ich sehe du bist unbewaffnet.‘ Das Shirt zog er sofort über und ich verkniff mir das Grinsen. So viele Erinnerungen hingen an diesem Shirt, das mir einmal ein guter Freund geschenkt hatte. Er hatte es als Anspielung auf mein loses Mundwerk für mich als passend empfunden und mir gefiel der Spruch, es war nur ein bisschen groß. Orlando sah zu mir und ich wusste, er wollte sich gerne ganz umziehen, hatte es mir doch auch so gut getan.
„Ich mach uns eine heiße Schokolade.“, presste ich hervor und verließ mein Zimmer um Milch warmzumachen. Ich zitterte immer noch ein bisschen als ich am Herd stand und ich bemerkte kaum, dass Orlando wieder ins Zimmer kam und sich an mich ranschlich.

„Ist dir kalt, Honey?“, flüsterte er sanft in mein Ohr, unterließ es aber seine Arme um mich zu schlingen, so wie er es vorhin gemacht hatte.
„Ein bisschen.“, antwortete ich ausweichend und nahm die Milch vom Herd. Ich goss sie in zwei Tassen und schüttete den Kakao dazu. Orlando nahm sich die Tassen und lächelte mich warmherzig an.
„Na komm, du solltest ab unter die Decke, damit dir warm wird.“ Mit großen Augen folgte ich ihm, wir durchquerten mein Wohnzimmer, betraten das Schlafzimmer erneut und er stellte die Tassen neben meinem Bett auf den Nachttisch und schob mich aufs Bett. Sehr fürsorglich deckte er mich zu und gab mir dann eine der Tassen in die Hand. Sein Lächeln gab mir das Gefühl gut aufgehoben zu sein.
Scheu schlug ich die Augen nieder und trank einen Schluck. Sofort wurde mir warm und ich seufzte behaglich. Orlandos Lächeln wurde breiter und er setzte sich neben mich aufs Bett und lehnte sich gegen die Wand.
Ein paar Minuten saßen wir stillschweigend so da und tranken unseren Kakao. Es war schon spät in der Nacht, als ich auf die Uhr sah, erschrak ich trotzdem ein wenig: schon 4.30 Uhr! Dabei war ich gar nicht so müde wie ich sein sollte.
„Darf ich dir eine Frage stellen, Lily?“ Ich sah auf und nickte.
„Wieso bist du auf einmal weggelaufen vorhin? Und bitte sag mir die Wahrheit.“
„Ähm, also… ich… nein warte, äh…“, verlegen stotterte ich und fand erst die richtigen Worte, als ich in seine braunen Augen sah, „Deine Schwester.“ Fragend erwiderte er meinen Blick.
„Naja, Sam ist meine beste Freundin und… schon nach Joes Geburtstag hat sie mir diese Frage gestellt… Sie fragte mich, ob ich nur mit ihr befreundet wäre wegen dir. Weil ich mich an dich ranmachen wollte. Ich will sie nicht enttäuschen, denn sie ist so klasse und ich bin mit ihr befreundet, weil sie sie ist.“ Sein Gesichtsausdruck hätte nicht erstaunter sein können. Dann fing er an zu lachen.
„Oje, meine Schwester… oh ich liebe Sam.“ Jetzt war ich so verwirrt, dass ich nicht wusste was ich sagen sollte und vermutlich sah man es in meinen Augen. Orlando legte den Arm um meine Schulter und hielt meinen Blick fest.
„Sam ist klasse, ich liebe und verstehe sie. Gott, sie hat es nicht leicht mit mir als Bruder. Jeder weiß das.“, er unterbrach sich selbst und sammelte scheinbar seine Worte, „Aber da ist doch was zwischen uns. Ich will doch nur eine schöne Zeit mit dir haben, herausfinden ob wir nur gute Freunde sind oder ob da vielleicht doch mehr ist…“ Seine letzten Worte waren kaum noch zu hören gewesen, so leise hatte er sie geflüstert. Doch mir waren sie nicht entgangen und ich fand es süß.
Er hatte ja recht, wieso sollten er und ich nur wegen Sam nicht die Gelegenheit bekommen uns besser kennenzulernen? Schließlich gäbe es keine Probleme wenn ich immer für sie da war. Das war es doch was sie fürchtete zu verlieren…oder nicht? Mit einem leisen Seufzer ließ ich mich an seine Schulter sinken und schloss die Augen.
Mir konnte es gerade nicht besser gehen: schön warm eingepackt unter einer Decke und dann auch noch eine starke, schöne Schulter an meiner Seite, an die ich mich anlehnen konnte. Auch Orlando trank seine Tasse aus und lächelte breit. Er stellte die Tasse zurück und legte seinen Kopf auf meinen.
„Orlando, darf ich dir auch eine Frage stellen?“ Er brummte leise etwas, das wie eine Bestätigung klang und ich holte Luft.
„Wie ist das, all diese Leute zu treffen, Johnny Depp, Brad Pitt oder was weiß ich wen noch? Und wieso hast du diese bisherigen Rollen angenommen?“
„Ganz schön viele Fragen auf einmal, nicht?!“, er lachte kurz, „Naja, da gibt es echt ne Menge zu erzählen… aber wenn du es gerne hören willst…“ Und dann redete er und er redete viel und ließ kaum etwas aus seiner Karriere aus. Er sprach davon, wie nett manche Kollegen waren oder wie merkwürdig, er beschrieb mir Drehorte und Filmcrews, seine Arbeit mit den Regisseuren, sprach von der Faszination, die er beim Lesen der Drehbücher für manche Rollen entwickelt hatte.
Als er leiser wurde und irgendwann verstummte, wurde es draußen schon hell und ich lag ruhig in seinen Armen. Ich hatte mir alles angehört und freute mich über all das, was er mir erzählt hatte. Doch nun war ich müde und er schien es auch zu sein, denn er gähnte. Ich kuschelte mich eng an ihn und schloss mit einem tiefen Seufzer die Augen. Sekunden später war ich eingeschlafen.

 

Kapitel 10 –  Ein Spaziergang und ein Restaurant

Ich weiß nicht, wie lange ich so dagelegen hatte, an Orlando angekuschelt und träumend. Meine Erinnerung setzt mit dem Klingeln meines Telefons ein. Verschlafen griff ich nach dem tragbaren Telefon auf meinem Nachttisch und wunderte mich, dass Orlando noch immer schlief – das Klingeln meines Telefons war irrsinnig laut. (Schließlich sollte es mich ja wecken wenn es echt wichtig war!)
„Hallo?“
„Hey Lily, hier ist Sam. Wie geht’s dir? Sorry, dass ich gestern so früh gehen musste.“
„Ist schon okay, Süße. Sei froh, dass du nicht so lange geblieben bist wie ich… ich bin jetzt erst aufgestanden.“
„Du meinst ich habe dich aufgeweckt, nochmal es tut mir Leid.“, lachte Sam.
„Schon okay, bin auch ziemlich ausgeschlafen und schon wach.“
„Dann bist du ja wie mein Bruder, der pennt sicher immer noch. Meine Güte muss der spät heimgekommen sein. Normalerweise wenn er bei Joe pennt ist er sehr früh wieder da, aber heute…“ Ich hörte ihr schweigend zu, ich wusste ja nicht wie sie reagieren würde. Orlando hatte zwar einfach nur bei mir geschlafen statt bei Joe, aber da waren immer noch Zweifel tief in mir.
„Du sagst ja gar nichts, Lily, ist wirklich alles okay?“
„Jaja klar, bin nur noch etwas langsam, so direkt nach dem Aufstehen. Und die Nacht war lang und aufregend.“
„Hast du etwa jemanden kennengelernt, Süße? Ein netter, gutaussehender Brite für dich?“
„Ach, so meinte ich das gar nicht. Ich mein, der erste Auftritt und dann war es ein Erfolg und naja… ich hab mit den Jungs ein bisschen was getrunken…“
„Ich versteh schon.“ Leise lachte sie und es war auch wirklich nicht schwer mein Stottern zu deuten, zum Glück wusste sie nicht von wem ich sprach.
„Naja, gab es was Besonderes wieso du anrufst oder einfach nur so?“
„Lily, es gab nichts Außergewöhnliches, mich würde nur interessieren ob du nicht Lust hast mit mir ins Café zu gehen? Ich will nämlich meinen Onkel nicht länger ertragen heute.“
„Ähm klar, Sam. Wann willst du denn gehen?“
„Naja wenn du gerade erst aufgestanden bist, dann könnten wir ja einen Brunch draus machen. Wie wärs mit in einer halben Stunde am Destination?“ Eine halbe Stunde um
Mister – Ich – schlaf – viel – zu – fest aufzuwecken und mich mit Sam am 15 Minuten entfernten Destination zu treffen?!
„Das klingt gut. So machen wirs. Bis gleich also.“
„Super, ich hab dich lieb, Lily. Bis gleich.“ Seufzend legte ich auf und sah auf Orlandos Gesicht herunter. Er sah so süß und jungenhaft aus im Schlaf, ich musste lächeln. Ich streckte meine Hand aus und strich ihm eine Locke aus der Stirn.
Nun regte er sich und drehte sich brummend mehr in meine Richtung. Ein leichtes Grinsen spielte um seine Lippen und er schlug langsam die Augen auf. Gott, so braune sanfte Augen und schon direkt nach dem Aufwachen blickten sie so verführerisch!
„Guten Morgen, Schlafmütze.“, war der Satz, der mir half meine Gedanken zu überspielen. Seine Augen funkelten.
„Guten Morgen, Honey.“, erwiderte er und grinste mich an. Kopfschüttelnd verdrehte ich die Augen und stand auf, Orlando hinter mir lassend, allein im Bett. Ich verschwendete nicht viel Zeit daran, dass Orlando hinter mir saß und mich beobachtete, ich nahm eine Jeans und ein Longsleeve aus dem Schrank.
„Willst du dich wirklich vor mir umziehen, Honey?“ Erschrocken drehte ich mich um und errötete ein bisschen. Grinsend stand er auf und zwinkerte mir zu.
„Ich mach mal Kaffee.“ Meine Augen verfolgten ihn, wie er mein Schlafzimmer verließ und dann beeilte ich mich. Nur zwei Minuten später stand ich in der Küche und Orlando setzte gerade den Kaffee auf.

„Deine Schwester hat angerufen.“, plauderte ich los und packte meinen Kleinkram in eine kleine Umhängetasche.
„Wegen mir?“
„Nein, sie will mit mir brunchen, im Destination. Sie weiß ja nicht dass du hier bist, sie denkt du bist bei Joe.“
„Wann geht ihr denn?“ Er sah mich an und lehnte lässig an meiner Küchentheke. Ich sah auf meine Armbanduhr und schnitt eine Grimasse.
„In genau 20 Minuten mittlerweile.“ Jetzt runzelte er die Stirn und sah auf seine eigene Uhr, 11.40 Uhr. Er schien erstaunt zu sein.
„Wow, dann musst du dich ja beeilen. Kann ich mit oder stör ich euch nur bei irgendwelchen Frauengesprächen?“ Zugegeben, mit dieser Frage war ich ein wenig überfragt. So zuckte ich nur nichtssagend mit den Schultern und lächelte.
„Natürlich sagen wir erstmal, Joe hätte zufällig bei dir angerufen, mich über euren Plan informiert und ich wäre dann einfach auch gekommen. Nichts sagen was irgendwie Misstrauen erwecken könnte…“ Das brachte mich zum Lachen.
„Na gut, von mir aus. Komm halt mit.“ Während er nach seinen eigenen Klamotten sah, füllte ich den Kaffee in zwei Thermosbecher und schulterte meine Tasche. Orlando kam wieder, gekleidet wie vorher.
„Meine Jeans ist noch pitschnass und ein Hemd zu der Jogginghose sähe echt blöd aus.“ Grinsend hielt ich ihm die Tür auf und wir waren auf dem Weg zum Destination Café. Insgeheim fragte ich mich, wieso Orlando den ganzen Weg über so breit grinste. Im Café saß schon Sam und wartete, bei einem Kaffee, auf mich – von ihrem Bruder wusste sie ja noch nichts. Demnach zeigte sie sich sehr erstaunt, als er auf einmal auch am Tisch stand.
„Hey, Bruderherz, was machst du denn hier? Ach komm, Lily, lass dich mal schnell drücken.“ Sie umarmte mich und dann ihren Bruder und wir setzten uns alle an den Tisch.
„Naja, Joe rief bei Lily an und die erzählte ihr würdet euch treffen. Da dachte ich, ich komm auch. Wer hat schon Lust auf unseren Onkel?“ Sam musterte Orlando und ich staunte, wie er so glatt lügen konnte. Aber eigentlich sollte das nicht verwundern, er war schließlich Schauspieler. Dass seine Ohrenspitzen knallrot dabei wurden, übersah ich. Und offenbar tat das auch Sam, denn sie nickte nur und ließ das Thema sein.
Nun, es war nichts wirklich schlimmes, aber trotzdem eine Lüge. Zwar schwieg Sam zu der Erklärung, aber ihr Blick huschte doch erstaunlich oft zu dem T-Shirt, dass ihr Bruder trug – mit dem großen deutschen Aufdruck. Ich selbst schwieg mich dazu aus. Wir bestellten uns ein Riesenfrühstück/Mittagessen mit ein wenig von allem und genossen es. Plaudern, Essen und Lachen war alles was wir für über 2 ½ Stunden machten. Sam und Orlando plapperten so viel aus dem Nähkästchen, sie zogen sich gegenseitig auf und erzählten von ihren vielen, kleinen Streichen, die sie als Kinder in der Nachbarschaft gespielt hatten. Ich grinste die meiste Zeit darüber und hörte schweigend zu.
Die beiden waren klasse zusammen, so eine Geschwisterbeziehung musste einfach unbezahlbar sein. Sam musste noch ihrer Mum helfen, zumindest hatte sie das vor und Orlando sollte mit ihr nach Hause gehen und sich ein bisschen um Maude kümmern. Ich verabschiedete mich von beiden mit einer herzlichen Umarmung und kehrte in meine Wohnung zurück. Nachdenklich streifte ich durch meine Zimmer, arbeitete an Hausaufgaben meiner Studenten und chattete mit ein paar Freunden aus Deutschland. Doch ständig ließen mich Orlandos Worte von vergangener Nacht nicht los… er wollte herausfinden, ob er und ich Freunde waren oder vielleicht mehr. Wenn ich daran dachte wurde mir heiß. Hatte er das wirklich so gemeint wie ich es nun auslegte? Oder bildete ich mir einfach etwas ein? Nein, seine Worte waren eindeutig gewesen. Sehr eindeutig. Ich grinste und warf mich in die Arbeit, mit guter Laune.

Der nächste Tag kam gemütlich, meine Studenten schwiegen sich über meinen Auftritt aus, grinsten aber nur immer wieder. Scheinbar störte sich keiner größer daran, was ich in meiner Freizeit tat. Gut, zugegeben, ich war etwa in ihren Alter und es war normal seinen Spaß zu haben, aber trotzdem war ich auch ihre Dozentin. Doch auch das trug nur dazu bei, meine gute Laune zu fördern, die seit dem Auftritt nicht abbrechen wollte und das gefiel mir. Meiner Arbeit in meinem Büro ging ich mit einem Lied auf den Lippen nach und sang. Heute brachte ich einfach alles hinter mich, ohne irgendetwas als störend zu empfinden.
Als ich auf dem Heimweg, mitten in der mal wieder überfüllten U-Bahn, war, klingelte mein Handy. Alle drehten sich nach mir um. Es schien die Leute zu erstaunen, dass eine Frau im Hosenanzug, die scheinbar erfolgreich war im Job, mit solch einem Klingelton durch die Welt ging: Green Day – When I come around. Mich brachte dieses Verhalten der Leute nur zum Grinsen und ich ging ran und versuchte dann mich zu beherrschen nicht zu laut zu sprechen (meistens gelang mir das auch). Es war Orlando.
„Hi Honey, hast du heute Abend Zeit?“
„Ähm, ja, also es kommt drauf an wieviel Zeit. Ich muss morgen früh raus.“ Er lachte.
„Das glaube ich nicht. Denk nochmal nach, Honey. Morgen wird niemand arbeiten, es ist der 7.Mai. – Feiertag.“ Stirnrunzelnd dachte ich über seine Worte nach und ging den Kalender durch. Ach, richtig, ich lebte ja jetzt in Grossbritannien und nicht in Deutschland. Er hatte Recht, morgen war frei.
„Oh, ja also dann habe ich sehr viel Zeit. Wofür?“
„Ich dachte einfach ich lad dich zum Gassi gehen mit Maude ein. Nachher, so um 19.30 Uhr hole ich dich ab, okay?“ Völlig überrumpelt hatte ich nur noch die Zeit ‚Ja‘ zu sagen, dann legte er auf. Mein Grinsen wurde noch breiter – wenn das überhaupt noch möglich war. Ich drehte die Musik meines Ipods wieder auf und versank in der Musik. Mal wieder wäre ich fast nicht rechtzeitig aus der U-Bahn herausgekommen. Kopfschüttelnd wühlte ich mich durch die Station: Es war immer so voll in dieser Stadt und besonders in den U-Bahnen. Doch heute konnte mich wirklich nichts aus der Ruhe bringen und ich lief grinsend durch den lauen Abend. Es war kurz vor sieben und ich ahnte, ich würde nicht mehr genug Zeit zum Abendessen haben. Nun, nicht so schlimm, in London gab es schließlich an jeder Straßenecke etwas zu kaufen… Ich würde mir einfach während des Spaziergangs oder danach noch etwas holen. In der Lobby wartete wie immer Kyle auf mich und ich gab ihm einen Kuss.
„Na du kleine Sängerin, geht’s dir gut?“Ich hatte auf dem Thresen vor ihm Platz genommen, grinste nur und nickte. Ein spitzbübisches Funkeln trat in seine Augen.
„Wie war denn die Nacht nach dem Auftritt so? Ich habe gehört du hast jemanden abgeschleppt…“ Nun konnte ich es nicht fassen, hatte dieser ältere Herr, der am Wochenende in der Lobby saß, etwa mit Kyle geredet? Ich war fassungslos. Hier wurde nur getratscht.
„Oje, ihr Tratschtanten. Es war nur ein Freund, der irgendwo unterkommen musste. Wirklich da war nichts.“ Sein Blick sagte mir, dass er mir gar nichts glaubte. Doch er schwieg und grinste nur anzüglich.
„Boah Kyle, echt. Dann glaub mir halt nicht, ich muss hoch und mich umziehen.“ Mit einem breiten Grinsen sprang ich vom Thresen und war auf dem Weg die Treppe hoch, da rief mir Kyle hinterher:
„Aha, also schon wieder ein Date… uiuiui.“ Ich drehte mich kurz um, streckte ihm die Zunge raus und war verschwunden. Mein Ipod lief noch immer auf vollen Touren und schmetterte mir ein Gute-Laune-Lied ins Ohr: Smells like Funk von den Black Eyed Peas.
Ich sang und tanzte durch mein Zimmer während ich mich umzog. Ein Spaziergang mit Orlando und Maude? Die Wahl der Klamotten fiel mir nicht schwer. Eine graue Röhrenjeans (ich liebte diese Hosen!), die ich mit einem weißen Top und einer schweren braunen Strickjacke kombinierte. Dazu fehlten nur noch meine flachen, braunen Ankle Boots und ich war ausgehfertig. Gemütlich aber doch stylish, so liebte ich mich selbst und hatte einmalig gute Laune. Einige Minuten später klingelte es schon und ich packte noch schnell meine kleine Umhängetasche fertig und sprintete zur Tür.
Maude war die erste, die mich begrüßte. Schwanzwedelnd sprang sie mir entgegen und bellte einmal kurz. Orlando konnte diese Begrüßung gar nicht mehr toppen – oder doch?!
„Guten Abend, Schönheit. Uh du siehst echt gut aus, lass uns gehen, Honey.“ Ein schneller Kuss auf meine Wange und er bot mir galanterweise seinen Arm an. Völlig überrascht, hakte ich mich bei ihm unter und wir verließen meine Wohnung. Kyle grinste breit hinter dem Thresen in der Lobby und als ich mich nochmal kurz umdrehte, hielt er ein Kondom hoch. Oh wie ich ihn manchmal hassen konnte für seine Gedanken und Anspielungen!

Maude war lebhaft, so wie ich sie bisher immer kennengelernt hatte, und Orlando unterhielt sich angeregt mit mir, sodass ich nicht wirklich darauf achtete wo wir hingingen. Plötzlich hielt Orlando an. Ich sah mich um und wir standen vor einem kleinen Restaurant: ‚The Golden Bridge‘ und bevor ich fragen konnte, eskortierte er mich hinein und nahm mir die Jacke ab. Ein Kellner nahm ihm dann beide Jacken ab und geleitete uns an einen kleinen Tisch, versteckt in einer Ecke und lauschig abgeschieden vom Rest des Restaurants hinter Pflanzen. Ich beschloss nichts zu sagen, solange der Kellner da war.
„Darf ich ihnen die Karte reichen?“, mit einer Verbeugung entfernte er sich dann und ließ uns erstmal die Karte studieren.
„Orlando was machen wir hier?“, ich lehnte mich vertrauensvoll zu ihm rüber und hatte die Karte beiseitegelegt, doch Orlando hatte sich zurückgelehnt und las aufmerksam die Karte während er mir antwortete.
„Du hast doch sicher auch noch nicht gegessen? Das ist die Gelegenheit und die haben hier eine wirklich tolle Küche.“ Maude hatte sich zu unseren Füßen niedergelassen und ruhte sich aus. Sie verhielt sich so schön vorbildlich, ich hätte es kaum für möglich gehalten. Noch immer sprachlos sah ich Orlando an, der sich wieder in die Speisekarte vertiefte und keinen Mucks von sich gab. Es dauerte eine Weile, aber langsam realisierte ich was hier passierte und schaute auch in die Speisekarte.
„Haben sie sich entschieden?“, fragte der Kellner und nach meinem Geschmack war er viel zu schnell wiedergekommen. Ich hatte keine Ahnung was ich wollte oder nicht. Orlando suchte meinen Blick.
„Ist ein Rotwein für dich in Ordnung?“ Wortlos nickte ich, so hatte er mir wenigstens die Entscheidung des Getränks abgenommen. Hastig überflog ich die Speisen, während er einen Wein bestellte.
„Was darf ich ihnen zu essen bringen, Miss?“ Jetzt ruhten die Blicke der beiden Männer wieder auf mir und ich errötete, noch immer keine Entscheidung… doch da kam mir das Schicksal zu Hilfe.
„Ich nehme die Nummer 43, das Filet Mignon mit Steinpilz an Rosmarinkartoffeln.“ Der Kellner notierte sich alles und nahm Orlandos Bestellung auf, dann war er wieder weg. Der stützte nun das Gesicht auf die Hände und sah mich an. Sein Blick ließ den meinen nicht los und er schwieg einfach, was mich nervös machte. Ich versuchte dem solange standzuhalten wie es mir eben möglich war, aber irgendwann platzte es aus mir heraus.
„Was ist denn? Habe ich irgendwas Komisches im Gesicht?!“ Nun grinste er.
„Nein, keineswegs.“
„Wieso zur Hölle starrst du mich dann so an? Und wieso gehst du mit mir in so ein teures Lokal?“ Noch immer grinsend legte er den Kopf schief.
„So viele Fragen, aber ich will sie dir gern beantworten und zwar der Reihe nach. Ich schaue dich an, weil du ein hübscher Anblick bist, denn du siehst sehr gut aus heute Abend. Und ich gehe mit dir hier essen, weil das Essen gut ist.“
„Aber es ist nicht gerade billig…“, wandte ich ein und er lachte.
„Na und? Ich kann es mir leisten und dann kann ich das auch mit netten Menschen teilen.“ Schon wieder errötete ich leicht und sah auf den Teller herunter. Orlando war im Gegensatz zu mir vollkommen ruhig und lächelte nur. Er beobachtete mich die ganze Zeit und das war mir durchaus bewusst. Der Kellner kam zurück und brachte uns den Wein. In alter Manier hielt er Orlando die Flasche hin, öffnete sie auf dessen Nicken hin und goß ihm einen Probeschluck ein. Orlando machte mit, als hätte er im Leben nie etwas Anderes getan. Ich beobachtete ihn dabei und lächelte scheu, als mein Blick dem seinen begegnete. Bevor der Kellner wieder verschwand, fiel mir etwas ein.
„Entschuldigung? Könnten sie vielleicht eine Schale mit Wasser für den Hund bringen?“ Kurz hielt der Mann inne, sah mich an und kurz zu Maude, in seine Augen trat ein abwertender Ausdruck, dann nickte er.
„Sehr wohl, Miss.“ Vollkommen entrüstet sah ich dem Mann hinterher.
„Unfreundlicher Dackel.“ Orlando prustete los. Ich sah ihn verständnislos an.
„Was ist jetzt wieder?“ Er versuchte sein Lachen zu kontrollieren und reduzierte es auf ein mehr als breites Grinsen.
„Unfreundlicher Dackel? Meine Güte bist du gemein.“ Um seine Mundwinkel zuckte es wieder verdächtig und er sah aus als würde er gleich in schallendes Gelächter ausbrechen. Ich kicherte leise und zuckte mit den Schultern.
„Mir ist nichts anderes eingefallen und es schien mir zu passen.“ Nach ein paar Minuten hatten wir uns wieder gefangen und stießen an ‚Auf einen netten Abend‘. Der Rotwein schmeckte wirklich gut (was sicherlich daran lag, dass es ein französischer Rotwein aus der Nähe von Bordeaux war!) und wir plauderten viel. Dann als das Essen kam, machten wir eine kleine Gesprächspause und aßen mit großem Hunger. Er hatte wirklich nicht zu viel versprochen, es schmeckte gut, aber seit diesem Blick des Kellners war mir der Laden trotzdem eine Note unsympathischer geworden.

„So, was hälst du davon, wenn wir nach dem Nachtisch doch noch eine Runde mit Maude spazieren gehen?“ Ich nickte und sofort verschwamm Orlandos Gesicht ein wenig. Dem Wein hatte ich wohl doch ein wenig zu heftig zugesprochen. Das ging sowieso bei mir sehr schnell, da ich fast nichts vertrug. Ich lallte nicht und konnte sicherlich auch noch gerade laufen, aber ich spürte ihn recht deutlich. Zum Nachtisch gab es Mousse au chocolat und zwar eine ziemlich gute. Der kleine Spaziergang würde dringend notwendig sein – zur Verdauung. Als Orlando bezahlt hatte, standen Maude und ich schon zusammen vor dem Restaurant und warteten. Die Hündin leckte meine Hand und ließ sich von mir kraulen, sie hatte mich wirklich lieb gewonnen.
„Lasst uns gehen, Ladys. Die Nacht ist so schön klar und gar nicht so kalt.“ Er ließ mir die Leine und wir liefen los, kamen bald am Hyde Park an und beschlossen den Spaziergang dort weiterzuführen. Ich sah auf die Uhr, schon kurz vor zehn, die Türen des Parks würden um 00.30 Uhr geschlossen werden.
Also noch einiges an Zeit für einen Spaziergang, doch es waren kaum andere Menschen zu sehen oder zu hören. Mir war es gleich, den Rotwein spürte ich deutlich und ich redete viel mehr, als ich es normalerweise tat. Ob Orlando das bemerkte weiß ich nicht. Er hörte mir zu, widersprach mir nicht und Maude sprang um uns herum und rannte soviel sie wollte. Irgendwann stolperte ich, die klare Luft trug leider nicht dazu bei, meinen Rausch zu beruhigen. Orlando fing mich auf und ich lag an seiner Brust, auf einmal wurde ich sehr müde, es fiel mir schwer die Augen offenzuhalten. Und so schloss ich die Augen und blieb gegen ihn gelehnt.
„Whoa, hey, Honey, jetzt bitte nicht einschlafen. Nicht hier, okay? Lily!“ Er versuchte mich wieder auf die Beine zu bekommen und nach ein paar Sekunden stand ich zwar wieder auf meinen eigenen Beinen, war aber sichtlich wackelig. Er schob seinen Arm um meinen Rücken und lachte.
„Na komm, ich bringe dich nach Hause, Honey.“ Er pfiff und Maude kehrte folgsam an seine Seite zurück. Ich hing wie ein nasser Sack an seinem Arm und hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt.
„Wieso nennst du mich Honey?“, nuschelte ich und sah zu ihm hoch. Kurz blieb er überrascht stehen und bevor er antwortete, lief er weiter.
„Nun, weil dich die Band auch so nennt. Ist doch dein Spitzname, oder?!“ Ich blieb abrupt stehen und das brachte auch ihn aus dem Gleichgewicht. Mühsam mich selbst aufrecht haltend, blickte ich zu ihm hoch.
„Du kennst meine Band? Wie geht’s meinen Freunden?“ Irritiert erwiderte er meinen Blick.
„Natürlich kenn ich Keith, Dave und die anderen…“
„Die meine ich doch gar nicht.“, unterbrach ich ihn, „Wie geht es Dennis, Manu, Domi?“ Er sah mich verständnislos an und weil ich nun bedenklich schwankte, griff er wieder nach mir.
„Die kenne ich nicht, sind das Freunde aus Deutschland?“ Ich nickte schwach und jetzt wurde mir schlecht. Das Essen war etwas viel gewesen und dann der viele, schwere Wein, den ich nun wirklich nicht gewohnt war. Es musste sich in meinem Gesicht zeigen, denn er zog mich schnell weiter und sprach erst nach ein paar Metern weiter.

„Ich werde dich nach Hause bringen, du siehst ein bisschen blass aus.“ Ohne Widerrede ließ ich mich von ihm führen und merkte kaum, wie wir bei mir ankamen und er mich in die Lobby schleppte, aber die Stimme von Kyle war dann nicht zu überhören.
„Hey, was hast du mit ihr gemacht, du… du…“ Bevor Orlando irgendetwas erwidern konnte:
„Boah geht das auch leiser du unsensibler Schwuler?!“, keifte ich schwach und drehte mein Gesicht in Orlandos Jacke. Sofort war es ruhig und Kyle eilte nur auf uns zu und blickte ‚meinen Kavalier‘ fragend an.
„Ich glaube der Wein war ein bisschen zuviel für sie. Wir waren eigentlich nur gemütlich essen und dann mit Maude spazieren.“ Kyle runzelte die Stirn, so kannte er mich gar nicht.
„Ich werde mich schon um sie kümmern, äh Orlando.“, sagte nun Kyle und wollte mich an sich ziehen, doch ich machte ihm einen Strich durch die Rechnung!
„Aber Kyle, du darfst doch deinen Posten hier gar nicht verlassen. Und Orlando hat frei und alle Zeit der Welt.“, Kyle sah mich ernst an (ich bekam es nicht richtig mit ^^), „Außerdem ist das doch das was er schon den ganzen Abend will, Kyle. Zu mir ins Bett kommen…“ Kyle sah mich aus erschreckend weit geöffneten Augen an und auch Orlando schien zu erstaunt um etwas zu sagen. Ein drohendes Funkeln trat in Kyles Augen, er wollte mich beschützen. Das war irgendwie süß, aber ich war nicht in der Lage das zu bemerken.
„Wehe ich höre irgendwelche Klagen von ihr, du… dann wirst du es mit mir zu tun bekommen!“ Kyle war zwar normalerweise nicht der Furchteinflößendste, aber so wie er Orlando jetzt ansah, nahm dieser ihn durchaus ernst. Er nickte und stellte dann eine kurze Frage:
„Leider weiß ich nicht, welcher Schlüssel zu ihrer Wohnung gehört, kannst du mir helfen? Dann muss ich nicht solange suchen.“ Schweigend nickte Kyle und kramte in meiner Tasche, zog mein Schlüsselbund raus und hatte innerhalb von Sekunden den richtigen Schlüssel in der Hand.
„Hier und vergiss meine Worte nicht.“
„Ach, Kyle, schweig. Er ist doch ein Brite, ein Gentleman.“, schnurrte ich und ließ mich schwerer in Orlandos Arme sinken. Ohne ein weiteres Wort drehte sich Orlando zum Fahrstuhl und brachte mich in meine Wohnung. Maude trottete hinter ihm her. Leise schloss er meine Tür auf und ließ sie hinter mir wieder ins Schloss fallen. Maude schickte er auf den Teppich und sagte ihr sie solle da bleiben. Noch rechnete er damit, dass er in einigen Minuten wieder auf dem Heimweg sein würde. Sanft bugsierte er mich in mein Schlafzimmer und setzte mich aufs Bett.
„So jetzt bist du wieder zu Hause, Lily. Kann ich noch etwas für dich tun? Willst du Zähne putzen?“ Während er redete, hatte ich mit dem Kopf geschüttelt. Jetzt wollte er sich zurückziehen und mich alleine lassen, aber wieder einmal hatte man(n) nicht mit mir gerechnet. Ich schlang schnell einen Arm um seinen Nacken und hielt ihn fest, sodass sein Gesicht direkt vor meinem war.
„Nicht gehen.“, nuschelte ich und legte meinen zweiten Arm noch dazu. Orlando seufzte und löste vorsichtig meine Arme von seinem Hals.
„Hey, Honey, du willst doch nicht dass ich irgendwie die Situation ausnutze, das wäre nicht sehr gentlemenlike.“, sagte er leise, grinste und ich brummte.
„Bleib hier.“, wiederholte ich meine Bitte und er setzte sich neben mich aufs Bett.
„Was willst du denn genau, Lily? Sags mir.“ Meine eine Hand lag auf seinem Knie, was er nicht einmal zu bemerken schien oder wenn dann kümmerte es ihn nur wenig in dem Moment.
„Ich will dass du… also hier bleibst, bei mir schläfst, mich festhälst.“ Stumm blickte er mich an, ich weiß noch dass eine Ewigkeit verging, bevor er nachgab.
„Na gut, Kleine, ich bleib bei dir. Aber so wirst du nicht schlafen wollen, oder? Bestimmt unbequem.“, bemerkte er und wie ein kleines Lämmchen streckte ich die Arme hoch und sah ihn an. Hätte er nicht gewusst, dass mir der Wein zu Kopf gestiegen war, er würde denken ich wollte ihn verführen. Grinsend griff er nach meiner Strickjacke und zog sie mir aus, dann langte er nach meinem Top und zog es mir über den Kopf.
Ich half ihm nicht viel, denn ich fing an zu kichern. Das entlockte ihm ein Lächeln und bevor er mir die Hose ausziehen konnte, drückte er mich sanft zurück und ich ließ mich auf das Bett fallen. Er zog an meiner Hose, die Schuhe hatte er mir schon ausgezogen, und ließ sie wie alles andere neben das Bett fallen.
„Ich glaube den Rest solltest du dir besser ausziehen und deine Schlafsachen an.“ Zustimmung murmelnd setzte ich mich wieder auf und Orlando drehte sich um. Meine Finger brauchten etwas länger um meinen BH auszuziehen, aber nach ein paar Minuten hatte ich es geschafft meinen BH aus und ein T-Shirt anzuziehen.
„Kommst du jetzt auch schlafen, Orlando?“, fragte ich und er drehte sich langsam um. Als er mich in Slip und T-Shirt auf dem Bett liegen sah, grinste er unwillkürlich und zog sein T-Shirt über den Kopf und legte seine Hose ab. Ich kicherte schon wieder los und er lächelte nur kopfschüttelnd. Er strich mir langsam über die Haare.
„Na komm, du solltest jetzt besser schlafen, Honey.“ Ich kuschelte mich in seine Arme und ließ zu, dass er uns in die Decke wickelte und das Licht ausschaltete. Meine Hände lagen auf seinem Brustkorb und ich kuschelte mich ganz eng an ihn, was er unterstützte, indem er mich mit seinen Armen umschlang und sanft an sich zog. Ich spürte seinen Atem in meinen Haaren und seine eine Hand an meiner Hüfte. Mit einem leisen Seufzer schlief ich ein.

Kapitel 11 – Restaurantbesuch und Cluberöffnung

Rasende Kopfschmerzen weckten mich am nächsten Morgen, doch ich war vorerst nicht in der Lage die Augen zu öffnen. Viel zu anstrengend und das Licht wäre mir definitiv zu hell gewesen. Doch trotz der Kopfschmerzen, fühlte ich mich angenehm geborgen und behaglich. Eine Bewegung neben mir ließ mich misstrauisch die Augen öffnen. Ich sah in zwei große, treue, braune Hundeaugen und lächelte. Maude saß neben meinem Bett und hechelte erwartungsvoll. Hinter ihr ging die Tür auf und Orlando kam herein, was mich dazu brachte ein wenig die Stirn zu runzeln.
„Nein, jetzt sag nicht du erinnerst dich nicht daran, dass du mich nicht gehen lassen wolltest.“, sagte er leise und trug die zwei dampfenden Tassen Kaffee ins Zimmer. Gähnend setzte ich mich auf.
„Doch, dunkel erinner ich mich irgendwie. Müsste Maude nicht mal raus?“ Dankbar nahm ich eine der Tassen entgegen. Er nippte an der anderen, setzte sich an die Bettkante und streichelte Maude, die fröhlich mit dem Schwanz wedelte.
„Ich war gerade mit ihr draussen. Und nachdem ich wiedergekommen bin hab ich mir gedacht, du könntest einen Kaffee vertragen.“
„Hm, fleißig, was?!“, brachte ich nur hervor und grinste schief. Er lächelte.
„Naja, nicht immer. Aber ich wollte dich nicht wecken, du hast so friedlich geschlafen.“ Jetzt lächelte ich und trank die Tasse leer. Meine Kopfschmerzen ließen langsam nach und irgendwie erinnerte ich mich an alles, was am vergangenen Abend passiert war. Manches sollte mich zum Erröten bringen, aber insgeheim freute ich mich darüber. Wenn ich etwas angetrunken war, dann entschärfte ich manche Situationen und bei dem was Orlando und ich uns vorgenommen hatten, hatte es mich ein ganzes Stück weitergebracht: die Berührungsängste waren weg, auf beiden Seiten. Er saß still neben mir und trank seinen Kaffee, Maude hatte sich inzwischen hingelegt.
„Orlando?“, er sah auf und wartete, dass ich weitersprach, „Wieso bist du wirklich geblieben? Ich meine, heute Nacht, gestern Abend…“ Seine Lippen verzogen sich wieder zu einem Lächeln und seine Augen funkelten.
„Weil ich ein Gentleman bin.“ Nun musste ich lachen. So eine einfache und dabei so wenig aussagende Antwort hatte ich nicht erwartet.
„Nein, ehrlich…“, Setzte er zu einer genaueren Antwort an, „Ich mag dich, Lily. Und netten Leuten ist man meistens doch bereit zu helfen wenn sie es wünschen. Du wolltest nicht allein sein und bleiben…“ Ich nickte, er musste nicht weitersprechen. Ich wusste was gewesen war.
„Ich bin gerne in deiner Nähe.“, gab er dann leise zu und ich schwieg, wusste nicht was ich dazu sagen sollte. Natürlich hätte ich ihm dasselbe von ihm sagen können, aber das wäre jetzt einfach zu platt. Ich war nicht wahnsinnig gut in solchen Gesprächen, sie machten mich nervös, und deswegen handelte ich einfach – ohne groß nachzudenken in dem Moment. Langsam beugte ich mich vor und stellte die Tasse auf meinen Nachttisch, wobei ich mich über seinen Schoß beugen musste. Auf dem ‚Rückweg‘ drehte ich den Kopf und sah ihm tief in die Augen, nur wenige Zentimeter trennten uns. Seine braunen Augen trafen auf meine grünen und etwas war da zwischen uns. Etwas dass wir beide schon seit längerer Zeit gespürt hatten. Er kam mir etwas entgegen und Sekunden später fühlte ich seine Lippen auf den meinen. Seine Lippen waren weich und der Kuss war sanft und leicht. Er war mehr eine flüchtige Berührung und er dauerte nicht lange, aber es war schön. Wir trennten uns nur ungern und sahen uns erneut tief in die Augen. Plötzlich war, was immer uns vorher gehalten hatte, weg und wir küssten uns wieder. Diesmal leidenschaftlicher, wilder und er schlang die Arme um mich und zog mich näher an sich. Meine Hände lagen in seinem Nacken und ich drückte mich an ihn. Seine Küsse waren das wonach ich mich seit langem gesehnt hatte. Es fühlte sich so gut und richtig an, ich genoss es in vollen Zügen. Nach einigen Minuten trennten wir uns voneinander und sahen uns lange an. Wir dachten wohl beide dasselbe, denn er senkte schuldbewusst den Blick und ich fühlte mich genauso.
„Denkst du auch gerade an Sam?“, fragte ich leise und er nickte. Mehr brauchten wir wohl nicht zu sagen. Schweigen. Keiner von uns rührte sich.
„Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen…“, war alles was er rausbrachte und erhob sich. Maude blieb liegen und hob nur den Kopf. Ich war nicht stark genug seinen Worten irgendetwas entgegenzusetzen und so blieb ich stumm und er ging, Maude an seiner Seite.
Als ich die Tür gehen hörte, seufzte ich auf. Erst war es so schön gewesen, doch dann… wir hatten beide ein schlechtes Gewissen gehabt und wir würden es wohl auch immer haben.
„Vielleicht ist es ja auch besser so… da wär doch eh nie was Ernstes draus geworden… er ein Hollywoodschauspieler und ich ne kleine Dozentin in London…“ murmelte ich leise vor mich hin und als das Telefon klingelte war ich erleichtert. Ein kurzer Blick auf das Display sagte mir, dass es ein Anruf von meinem besten Kumpel war: Dennis, aus Deutschland.

„Hi Dennis.“
„Hallo Kleines, wie geht’s dir da im großen, verregneten London?“
„Ich kann eigentlich nicht wirklich klagen, Schatz, und wie geht’s dir?“
„Ach, viel Stress auf der Arbeit, deswegen konnte ich mich so lang nicht melden und deine Anrufe beantworten. Sorry. Ich musste mir auch echt was von meiner Freundin anhören deswegen!“ Ich kicherte, das konnte ich mir lebhaft vorstellen.
„Ist schon okay, ich war ja auch trotz der Anrufe ziemlich beschäftigt.“
„Ach ja? Erzähl mal, Kleine, ich hab so in etwa 3 Stunden mindestens Zeit zum Telefonieren…“ Und weil er mein bester Kumpel war, erzählte ich ihm alles. Wirklich alles!

Orlando kam zur Tür herein, er trug noch immer die Klamotten in denen er gestern Abend aus dem Haus gegangen war. Maude trottete müde hinter ihm ins Haus und legte sich in ihren Hundekorb. Sam und seine Mutter schauten aus der Küche in den Flur und erschraken.
„Gott, mein Junge, wo warst du denn so lange?“, fragte seine Mutter ganz besorgt und instinktiv hob er abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf.
„Ich bin nur müde, mir geht’s gut.“ Die beiden Frauen ignorierten seine Worte und zogen ihn in die Küche.
„Komm schon, erzähl uns wo du warst, Bruderherz. Du siehst nämlich nicht so aus als hättest du die Nacht draussen verbracht. Wo warst du?“ Seine Mutter schaute noch ungnädiger als seine Schwester und er seufzte. Anlügen konnte er sie nicht, aber einen Teil verschweigen vielleicht.
„Ist ja gut, ich erzähls euch. Ich war gestern Abend mit Lily und Maude spazieren und dann essen – in einem Restaurant.“
„Ja, und? Orlando… ihr wart ja wohl nicht bis eben essen und spazieren.“
„Meine Güte, natürlich nicht. Lily hatte etwas viel Wein und war nicht ganz nüchtern, also habe ich sie nach Hause gebracht.“ Seine Schwester sah ihn durchdringend an.
„Wehe du sagst mir jetzt du hast mit dieser jungen, hübschen Frau geschlafen und sie dann allein gelassen, mein Sohn. Man nutzt einen solchen Moment nicht aus!“ Orlando war tief enttäuscht, dass seine Mutter dachte, er wäre zu so etwas fähig.
„Mum, das habe ich nicht. Sie war betrunken und ich wollte sie nur heimbringen. Dann bat sie mich zu bleiben, denn auf einmal war sie traurig und brauchte Gesellschaft. Also blieb ich bei ihr und gab ihr Gesellschaft.“
„Wieso war sie traurig?“, fragte Sam und sie sah besorgt aus. Orlando schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht genau, sie hat nichts gesagt… obwohl es kann sein, dass es an ihren Freunden aus Deutschland lag. Sie murmelte irgendwelche Namen…“ Seine Mutter sah erleichtert aus, sie mochte Lily und noch mehr wollte sie nicht dass ihr Sohn etwas so Schändliches tat. Sam jedoch war jetzt besorgt, besorgt um Lily.
„Geh schlafen, mein Sohn. Du siehst müde aus.“ Er gehorchte seiner Mutter und ging schlafen, er brauchte das jetzt um nicht nachdenken zu müssen.

Die nächsten Tage vergingen und jeden Tag sah Orlando sehr müde aus. Egal wie lang er schlief, er sah immer so aus, als hätte er höchstens zwei oder drei Stunden pro Nacht geschlafen. Er aß wenig und sprach noch viel seltener. Sam und seine Mutter konnten sich keinen Reim darauf machen. Sie hatten ihn bisher noch nie so erlebt. Nach einem Gespräch mit Lily wusste Sam, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Doch Lily sagte auch, sie sei gar nicht traurig.
„Aber es kann natürlich am Alkohol gelegen haben, da werde ich manchmal melancholisch…“, hatte Lily noch gesagt und sich dann wieder voll in die Arbeit geworfen. Doch seit diesem Tag, an dem Orlando erst frühmorgens zurückgekommen war, lief er mit abwesendem Blick durch die Gegend, grübelte scheinbar die ganze Zeit und lachte kaum noch. Sam hatte alles versucht, sogar die Jungs dazu geholt, doch keiner hatte daran etwas ändern können. Lily hatte überhaupt keine Zeit mehr, sie steckte bis zum Hals in Arbeit, war von morgens bis spätabends und sogar samstags und sonntags in der Universität. Ihre Untersuchung war angelaufen und es schien mehr Arbeit zu geben, als Leute die die Arbeit machten. Aus einem Gespräch mit Joe hatte Sam herausgefunden, dass mittlerweile sogar 6 Studenten unter Lilys Befehl standen und daran arbeiteten. Natürlich freute sich Sam, denn sie wusste, dass Lily sich so etwas gewünscht hatte, doch ihr fehlte ihre beste Freundin auch. Deshalb war sie mehr als erstaunt, als diese sich einen Freitag freinahm und sie einlud endlich mal wieder einen Tag zusammen zu verbringen. Sie wollten erstmal in ein Café und später vielleicht noch shoppen gehen.

Sam wartete ungeduldig auf ihre Freundin und nippte an ihrem Latte Macchiatto. Als Lily endlich bei ihr saß und beide eine Tasse vor sich stehen hatten, ging es endlich los mit den Frauengesprächen. Im Hintergrund lief das Lied ‚Ironic‘ von Alanis Morissette – passend wie sich herausstellen sollte.
„Wie läuft die Arbeit?“, fragte Sam und ich seufzte nur.
„Es ist echt viel und der Dekan hat festgestellt, dass wir wohl viel länger arbeiten werden müssen. Es gibt einfach zu viel Material und die Interviews müssen lange vorher geplant und vorbereitet werden. Keiner der Regisseure oder Darsteller hat immer Zeit. Deshalb wird es wohl noch über mindestens ein Semester gehen, vielleicht sogar mehr. Nachdem ich das weiß, ist mir aufgegangen, dass ich mir auch Zeit für mich nehmen muss. Und da dachte ich an dich.“
„Klar, denn die Band kann dich ja trotzdem noch einmal die Woche sehen.“ Ich nickte und blickte meine Freundin entschuldigend an.
„Ach, ist doch okay. Du warst einfach so aufgeregt wegen dieser Arbeit… ist doch nicht schlimm. Aber ich freu mich dich wiederzuhaben.“
„Und was ist bei dir so los, Sam? Neuigkeiten?“ Mit einem Mal wurde Sams Gesicht etwas traurig, doch sie wollte es mir erzählen.
„Bei mir ist alles gut, auch bei meiner Mum, aber Orlando… er… er zieht seit einer kleinen Ewigkeit so ein Gesicht, weißt du? Ständig ist er müde, rennt nur mit Maude durch halb London und macht sonst kaum noch etwas. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich ja sagen, dass er Liebeskummer hat. Aber er hat von keiner Frau erzählt.“ Sam achtete nicht darauf, wie sich auf Lilys Gesicht auf einmal ein warmes Lächeln ausbreitete. Sie starrte in ihren Latte Macchiatto und seufzte, erst dann sah sie wieder auf.
„Lily, ist das nicht komisch? Er ist so seit… ich weiß gar nicht, etwa seit dem Tag wo er von dir zurückkam, du weißt schon, dem Morgen nach dem Spaziergang und so. Wo er bei dir geblieben ist…“ Ihre Worte waren Balsam für meine Seele, denn ich hatte mich in die Arbeit gestürzt, um nicht zu sehr an Orlando zu denken… die meiste Zeit hatte es sogar funktioniert, aber immer abends wenn ich im Bett lag, waren die Gedanken gekommen. Doch meistens war zum Glück die Müdigkeit riesengroß und die Traurigkeit dem nicht gewachsen gewesen. Ich räusperte mich laut und sah Sam dann fest in die Augen.
„Ich muss dir was sagen, Sam.“ Sie sah mich an und ihr Blick wurde fragend, ich klang so ernst und das war recht selten so. Ich wusste, sie wollte es hören. Und ich wusste sie sollte es hören. Sie musste es wissen, denn nur dann würde sie aufhören sich Gedanken zu machen.
„Also, ich glaube ich weiß was Orlando hat. Zumindest besteht eine gewisse Möglichkeit, dass es das ist was ich denke.“
„Jetzt sag schon was du denkst… red schon, Lily!“ Grinsend über ihre Ungeduld rollte ich mit den Augen und fing an. Ich wollte es ihr gestehen, denn wäre meine Arbeit nicht gewesen…
„Naja, an dem Abend als Orlando mit mir spazieren ging und essen… da ist was passiert.“ Ja meine Worte waren nicht sehr glücklich gewählt, aber Sam schien nicht verstehen zu wollen.
„Er blieb bei mir, weil ich ihn darum gebeten hatte. Soviel weißt du, richtig?! Naja, aber du weißt nicht, was am nächsten Morgen war. Er hatte Kaffee gemacht und wir haben ein bisschen geplaudert… und dann… wir haben uns geküsst.“ Sam starrte mich einfach nur an. Entweder wusste sie nicht was sie sagen sollte, oder sie war echt sprachlos. Nach einigen Augenblicken brachte sie ein tonloses ‚Und?‘ raus. Meine Ohren nahmen ein zartes rosa an.
„Es war schön. Für mich fühlte es sich in dem Moment richtig an. Bitte sei mir nicht böse… es, es geschah einfach so.“ Noch einen Moment schwieg Sam, dann stellte sie mir die entscheidende Frage:
„Und wieso läuft er dann deswegen so geknickt rum?“ Ein Seufzen entwich mir.
„Naja, wir… wir mussten beide an dich denken und wie… wie blöd das dir gegenüber wäre. Du willst das ja nicht, was ich auch verstehen kann. Ich hab ihn seitdem nicht mehr gesprochen und nicht mehr gesehen.“, gestand ich ihr den Rest. Nun vergrub sie den Kopf in den Händen und raufte sich die Haare.
„Es tut mir Leid, Sam.“, brachte ich leise raus, erschrocken von ihrem scheinbaren Schock über die Situation, doch sie schüttelte nur den Kopf und lachte plötzlich lauthals. Sie lachte bis ihr die Tränen kamen und einen Moment lang zweifelte ich an ihrem Verstand.

„Oh ihr seid mir ja welche… meine Güte… ist das alles? Ihr seid ja so süß.“, lachte sie und ich war verwirrt.
„Kannst du mir mal sagen, was jetzt los ist? Ich verstehs nämlich nicht.“ Sie riss sich zusammen und beruhigte sich bevor sie antwortete.
„Ihr seid so süß. Ja ich wollte am Anfang nichts davon hören, dass du ihm verfallen könntest so wie alle anderen Frauen auf dieser Welt, die ihn anhimmeln. Aber du hast so oft jetzt schon unter Beweis gestellt, dass du in unsere Clique gehörst und wir dich brauchen… wenn ihr ineinander verliebt seid, dann werde ich euch nicht im Weg stehen wollen. Denn ich denke, du wirst trotzdem für mich da sein wenn ich dich brauche.“ Unglaube zeichnete sich auf meinen Zügen ab. Mit so einer Antwort hatte ich nicht gerechnet. Ganz und gar nicht.
„So wie er rumläuft, liegt ihm wirklich viel an dir. Er ist verknallt und das gönne ich meinem Bruder sehr nach all den missglückten Versuchen seit er berühmt geworden ist.“ Jetzt wurde ich neugierig, von Freundinnen hatte er mir nichts erzählt, als er über sein Leben als Schauspieler gesprochen hatte.
„Erzähl mir davon.“, bat ich und sie lächelte. Wir saßen noch zwei Stunden in dem Café und tratschten und lachten. Sie erzählte an sich nichts Böses über Orlandos Exfreundinnen, sondern betonte nur dass er immer wieder enttäuscht wurde, weil es irgendwann immer auseinander gegangen war und selten war es von ihm aus kaputtgegangen. Die Situation war einfach unglaublich schwierig wenn man berühmt war. Es tat gut wieder mit Sam zu lachen und nichts zwischen uns stehen zu haben. Ich wollte nichts davon hören, dass wir lieber nach Hause gehen sollten, ich wollte unbedingt shoppen gehen! Und so zogen wir los, kein Geschäft war vor uns sicher. Sam und ich erstanden ein paar Teile, besorgten uns aber auch den richtigen Stoff für den Rock, den sie schon so lange wollte.
„Lass uns heute Abend mal zusammen was machen, nur du und ich. Wir können bei mir DVD schauen, irgendeinen Frauenfilm und ich schneidere dabei deinen Rock.“ Mit einem großen Grinsen im Gesicht stimmte Sam mir zu. Es sollte ein schöner Abend werden und wir hatten viel Spaß, plauderten ohne Ende und lachten viel. Wie auch nicht anders zu erwarten, wenn man einen Film wie ‚Bridget Jones‘ schaute und haufenweise Eiskrem aß. Noch ahnte ich nichts davon, dass sie als sie kurz zu Hause gewesen war um ihre Sachen zu holen, alle angerufen hatte. Sie hatte für den nächsten Abend einen Diskobesuch geplant, in dem Club der neu eröffnen sollte: Credo.

Mir wurde das Ganze erst am Samstagnachmittag erzählt, von Joe, der mich anrief um mir zu sagen, dass er mich abholen würde. Lachend sagte ich zu. Orlando wurde das ganze wohl auch erst Samstags gesagt, als Sam von mir heimkam – jedenfalls erfuhr ich das später so.
Ich tat mich wieder mal schwer ein passendes Outfit zu suchen, trotz Sams Aufforderung, das neue Kleid zu tragen, das ich gestern gekauft hatte. ‚Wieso eigentlich nicht?‘, dachte ich mir und verschwand unter der Dusche.
Pünktlich um zehn stand Joe vor meiner Tür und er hatte Kyle im Schlepptau. Als ich die Tür öffnete, pfiffen beide anerkennend.
„Sehr hübsch, Lady.“, sagte Kyle und legte den Arm um mich. Joe stand nur da und starrte mich an. Ich grinste nur, denn solche Reaktionen hatte ich zwar nicht erwartet, fand sie aber sehr schmeichelhaft. Von den beiden Männern flankiert machte ich mich also auf den Weg. Entgegen meiner Erwartungen fuhr Kyle und nicht Joe. Das würde den Heimweg erschweren, denn Kyle wohnte etwas weiter weg. Wir kamen um halb elf vor dem Club an und fanden erstaunlicherweise sofort einen Parkplatz. Die beiden quatschten mich zu und ich grinste nur. Als wir vor den Türstehern standen, winkten die uns sofort durch. Ich meinte den einen als den zu erkennen, der bisher immer vor dem PQ gestanden hatte. Mir sollte es recht sein. Kaum waren wir eingetreten, sah man nur noch Schemen vor sich, denn es war gerade sehr dunkel in dem Club. Plötzlich flammten die wenigen Lichter wieder auf (im Takt zur Musik) und schlagartig erkannte man auch wem man gegenüberstand. Kyle hatte sofort einen Freund getroffen und zog mit ihm los an die Bar, also hakte ich mich bei Joe unter und ließ mich von ihm führen, er schien die anderen schon gesehen zu haben. Sie waren auf der unteren Ebene und hatten sich einen großen Tisch mit gemütlichen Sofas erobert. Joe geleitete mich die Stufen herunter und alle starrten uns mit offenem Mund an, nur Sam grinste breit.

Orlando hatte gerade noch mit Keith geplaudert, da wurde der abgelenkt und starrte auf die Treppe. Neugierig geworden drehte auch Orlando den Kopf und war sprachlos. Lily kam gerade die Stufen herunter, am Arm von Joe, und sie sah atemberaubend schön aus. Sie trug ihre Haare offen und in wilden Locken, die verführerisch ihr Gesicht umrahmten. Das Kleid, das sie trug, ging ihr bis zu den Knien, war blutrot und der Rock ausgestellt. Es wirkte wie das Kleid einer Flamencotänzerin, ebenso feurig und ebenso verführerisch geschlitzt und ausgeschnitten. Keiner sagte ein Wort, denn alle waren gebannt von dem Anblick. Tristan atmete sehr hörbar laut ein.
Als Joe und Lily endlich am Tisch waren, war Sam die Einzige, die sich bewegen konnte. Sie fiel Lily um den Hals und fing sofort an sie zuzutexten. Lily grinste und setzte sich neben Sam, auf der anderen Seite saß Orlando und musterte die beiden Frauen. Er konnte sie nicht mehr aus den Augen lassen, er hatte sie so lange nicht gesehen. Eigentlich war er heute Abend auch nur durch etwas Zwang hergekommen, Sam und Keith hatten ihn so lange genervt bis er völlig entgeistert zugesagt hatte. Jetzt war er mehr als froh darüber, denn er konnte sie wiedersehen!
Keith und Dave standen auf und zappelten ein wenig um die Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Also Leute, was wollt ihr trinken?“, fragte Keith und nahm die Bestellungen entgegen. Lily und Sam hatten mit einem breiten Grinsen im Gesicht je einen Sex on the beach bestellt. Jetzt machten sie den Männern in der Runde Angst, nur Jodie spielte mal wieder die Beleidigte und hängte sich aus Frust an Darrens Arm. Es wurde haufenweise getrunken, Lily hatte bestimmt drei Sex on the beach und zwei Long Island Ice Tea. Ausser ihr hatten nur Orlando und Keith so viel getrunken, auch wenn es bei ihnen mehr Whiskey-Colas waren als Cocktails. (Cocktails sind doch was für Frauen! *Männerbehauptung*) Die drei waren jetzt auch der Mittelpunkt des Geschehens an dem Tisch, denn sie redeten viel und laut. Lily war begeistert von dem Club, denn es war der erste in dem hauptsächlich Rockmusik gespielt wurde, klar zwar gemixt, aber einfach gut. Sie wippte die ganze Zeit im Takt mit der Musik und grinste den ganzen Abend. Sie fühlte sich hier wirklich sehr wohl und so ein Club hatte ihr bisher hier gefehlt, war sie doch in genau solchen Läden (zumindest der Musik nach) aufgewachsen bei sich in Deutschland. So viele Clubs, die Rockmusik spielten gab es zwar insgesamt nicht, aber sie hatte alle die in ihrer Reichweite lagen ausfindig gemacht und erobert. Als auf einmal ein neues Lied kam, war sie nicht mehr zu halten.

Der Abend war lustig und die Cocktails sehr lecker, deswegen hatte ich wohl auch den einen oder anderen zu schnell getrunken. Ich war ziemlich redselig und kicherte fast die ganze Zeit, aber andere machten mit und so rechtfertigte ich später das Ganze vor mir selbst. Stunden vergingen und wir saßen plaudernd da, ab und an verschwanden Jodie und Darren auf die Tanzfläche, oder Sam zog Keith oder Joe hinter sich dorthin… Doch den ganzen Abend hatte es mich noch nicht so richtig auf die Tanzfläche gezogen, doch das sollte sich ändern… Auf einmal hörte ich ein paar mir sehr vertraute Töne und ich konnte es nicht fassen. Ich saß in England in einem neuen Club, der viel Rockmusik spielte und da lief doch tatsächlich Itchy Poopzkid mit Lyrically Happy! Eine gute deutsche Band, die leider noch viel zu unbekannt war und auf Englisch sang. Im ersten Augenblick war ich wie versteinert, dann sprang ich jubelnd auf und kreischte was das Zeug hielt. Alle sahen mich entgeistert an, doch ich griff nur zur Seite und zog Orlando hinter mir her, (den erstbesten Mann zum Tanzen!) die Treppen wieder hoch zur Tanzfläche. Er war völlig erstaunt, ließ sich aber nicht lange bitten und rannte hinter mir her. Als ich endlich mitten auf der Tanzfläche stand gab es kein Halten mehr. Ich wand mich, warf meine Locken um meinen Kopf und tanzte einfach nur. Orlando grinste und tat es mir nach. Er wusste zwar nicht, wieso ich auf einmal so aufgedreht war, aber er mochte es. Seine Augen glänzten als er mich beobachtete und sein Herz schlug schneller. Doch leider war das Lied auch irgendwann zu Ende und ich spürte den Alkohol auf einmal ziemlich. Mit einem Mal war alles wieder da und alles drehte sich um mich. Hatte ich es wohl mal wieder geschafft und schneller gedacht und reagiert als mein Körper es verkraftete… Abrupt hielt ich auf der Tanzfläche inne und versuchte Orlando zu fixieren, der mich mit sorgenvollem Blick ansah. Ich hörte seine Stimme, wie durch einen Filter, ganz ganz leise:
„Honey, ist alles ok mit dir?“ Die Antwort bekam er sofort, ich taumelte ein bisschen und bevor ich fallen konnte, fing er mich auf. Er war urplötzlich wieder ziemlich nüchtern, denn er sorgte sich um mich. Ich lag mit dem Gesicht an seiner Brust und krallte mich an ihm fest, zerknitterte sein Shirt. Er schaffte mich von der Tanzfläche und jetzt kamen auch die anderen an, sahen uns mit großen Augen an.
„Was hat sie, Orlando?“, fragte Sam besorgt und alle anderen nickten, sie wollten auch wissen was mit mir war.
„Ich weiß es nicht, ein bisschen schwindelig scheint mir. Vielleicht sollte sie besser nach Hause.“, antwortete er und ich wollte mich wehren, doch keiner schien zu verstehen, was ich sagen wollte.
„Schon gut, ich bring sie Heim.“, meinte Joe, „Ich wohne ja nicht weit von ihr…“ Doch Sam schüttelte energisch den Kopf.
„Lass mal, du musst noch hierbleiben und mit mir tanzen! Orlando kann sie bringen.“ Alle starrten Sam fragend an, sie lächelte nur unschuldig und keiner dachte sich mehr dabei. Die Unschuldsmiene hatte sie echt gut drauf! Orlando hatte genickt und sich bereit erklärt. Joe holte meine Jacke und Sam begleitete ihren Bruder und ihre beste Freundin vor die Tür. Ein Taxi war schnell gefunden und bevor auch Orlando einsteigen konnte, zog Sam ihn nochmal in ihre Arme und flüsterte ihm grinsend ins Ohr:
„Ergreif endlich die Gelegenheit du Trauerkloß! Danach hast du dich doch so lang gesehnt. Ich erwarte dich heut Nacht nicht zurück und ich werds Mum schon irgendwie erklären. Ich werde euch nicht im Weg stehen, mein Bruderherz!“ Dann ließ sie ihn los und kehrte in den Club zurück. Orlando ließ sie verwirrt zurück, doch schnell besann er sich wieder und stieg ein. Er nannte dem Fahrer meine Adresse und legte den Arm um mich. Mir war noch immer schwindelig und ich lehnte mich dankbar in seine Arme und an seine Schulter. Noch vor der Ankunft vor meinem Haus, war ich eingenickt und Orlando bezahlte den Fahrer und trug mich dann die Treppen hoch in meine Wohnung. Der Portier war stumm geblieben. Mit einigen Schwierigkeiten hatte es Orlando geschafft die Tür aufzuschließen ohne mich abzusetzen und trug mich ins Schlafzimmer. Sanft legte er mich auf meinem Bett ab und dachte nach. Sein erster Gedanke galt der noch offenen Wohnungstür, dann kam er zu mir zurück und setzte sich neben mich aufs Bett. Das weckte mich. Schwerfällig hob ich die Augenlider und blinzelte ihn an.
„Hey.“, lallte ich ein bisschen schwerfällig.
„Hey Honey, ist alles okay bei dir?“ Ich versuchte zu nicken, aber so ganz gelang es mir nicht. Langsam setzte ich mich auf und lehnte mit dem Kopf kurz an seiner Schulter.
„Es tut mir Leid.“, flüsterte ich.
„Was sollte dir denn Leid tun?“
„Dass du dich schon wieder um mich kümmern musst…“ Er legte den Arm um mich und setzte einen Kuss auf mein Haar.
„Mach dir mal keine Sorgen, ich mach das gerne, Honey.“ Zweifelnd sah ich ihn an, immer noch Probleme ihn klar zu fixieren.
„Nein wirklich. Und ich hab da mal ne Frage…“ Fragend erwiderte ich seinen Blick und er lächelte mich warm an.
„Hast du meiner Schwester erzählt, was zwischen uns passiert ist?“ Verlegen senkte ich den Blick und nickte, mein Gesicht rot. Was ich nicht sehen konnte war, dass er breit grinste. Er zog mich an sich und drückte mich ganz fest an seine Brust.
„Ich danke dir, was immer du auch gesagt hast!“ Und bevor ich reagieren konnte, küsste er mich leidenschaftlich. Es war ein schönes Gefühl seine weichen Lippen auf den meinen zu spüren, endlich nach all den Tagen, in denen ich an unseren ersten Kuss gedacht hatte. Außerdem ließ es mich den Alkoholpegel vergessen! Orlando war zärtlich und doch dabei so fordernd, dass mir fast schwindelig wurde (okay vielleicht lags doch auch am Alkohol!). Seine Zunge an meiner zu spüren, dann seine Hände auf meinem Rücken, ich war begeistert. Lange Zeit hatte ich keine Romanze mehr gehabt und fast hatte ich vergessen, wie schön es ist. Er wurde noch fordernder und ich ließ mich ein wenig zurücksinken, sodass es nur noch seine Hände waren, die mich hielten. Sanft ließ er mich ganz aufs Bett sinken und folgte mir. Lange küssten wir uns und ich strich zärtlich über seine Schultern und seinen Bauch, spielte mit dem Kragen seines T-Shirts. Ich erinnere mich noch daran, dass wir uns küssten und Orlando mich in den Arm nahm, doch dann war alles weg. Ich war eingeschlafen.

Kapitel 12 – Erwachen

Ich erwachte irgendwann spät am nächsten Tag, doch ich hatte ein Lächeln im Gesicht. Wieso war ich so fröhlich? Spontan kam mir das Lied der Kinderserie mit der Ente wieder ein, die Ente mit dem Schal. (Ja ihr habt es sicherlich erkannt: Alfred Jodokus Kwak…. „Warum bin ich so fröhlich, so unbeschreiblich fröhlich?“)
Ich spürte weder Sonnenschein, noch ließ das Licht hinter meinen geschlossenen Lidern darauf schließen, dass die Sonne schien. Was auch sonst? In London, England… hieß es nicht hier regnet es ununterbrochen? Natürlich war es nicht wirklich so, ich hatte schon viele schöne Tage hier gesehen. Viel Sonnenschein, aber auch Regen und viel Wind- war es so wichtig, wie das Wetter war? Meine Gedanken drifteten ab und ich konzentrierte mich auf meine ursprüngliche Frage. Angestrengt versuchte ich den gestrigen Abend wiederherzustellen, doch irgendwie fehlten mir ein paar Minuten, oder waren es gar Stunden? Nicht auszudenken! Wann hörte meine Erinnerung auf? Ein Sex on the beach mit Sam, dann noch einer und ein Long Island Ice Tea… war das alles gewesen? Meine Kopfschmerzen erklärte das noch lange nicht und auch nicht wieso ich so strahlte. Obwohl…? (Jaja das Strahlen könnte es vielleicht schon erklären *hust*…)
„Seltsam…“, murmelte ich vor mich hin und streckte mich langsam.
„Was ist seltsam?“, erklang eine Stimme neben mir und ich erschreckte sehr heftig. Ruckartig drehte ich den Kopf zur Seite und erstarrte als ich Orlando erkannte. Was machte er denn hier? In meinem Bett und… halbnackt? Er sah vollkommen verschlafen aus, die Haare standen in alle Richtungen ab und er richtete sich gähnend auf und blickte mich an. Oh er war ein himmlischer Anblick so am Morgen – da konnte man sich doch glatt dran gewöhnen. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr und so rührte ich mich nicht einen Millimeter und sah ihn einfach nur entgeistert an. Mein Gesichtsausdruck müsste andere zum Lachen bringen, aber Orlando war eher besorgt.
„Was hast du, Honey?“, fragte er mich leise und rieb sich die wunderschönen braunen Augen. Sie waren so schön, tiefe Gefühle zeigten sich in ihnen und ich konnte den Blick kaum abwenden. Es war wie ein Sternenhimmel, denn auch den konnte ich, wenn ich ihn einmal erblickt hatte, nur noch schwer wieder loslassen. Mühsam räusperte ich mich und schaffte es meine Stimme wieder unter meine Kontrolle zu bringen und antwortete leise:
„Ähm… was machst du hier? Also, ich meine… ich… also du bist es ja vielleicht gewöhnt ständig bei irgendwelchen Frauen aufzuwachen, aber… ich also ich kenne das nicht.“ Er hielt in seiner Bewegung inne, die Augen weit aufgerissen und sah mich etwas verwirrt an. Das führte allerdings dazu, dass meine Verwirrung nur noch größer wurde.
„Du erinnerst dich nicht mehr, oder?“
„Woran soll ich mich denn erinnern?“ Er seufzte, ich konnte sehen wie er lange überlegte und verschiedene Argumente gegeneinander abwägte.
„Du bist gestern auf der Tanzfläche fast zusammengeklappt, da haben die anderen, vielmehr Sam, beschlossen ich solle dich heimbringen… was ich ja offensichtlich gemacht habe.“ Zögerlich nickte ich, das erschien mir plausibel. Aber fast zusammengeklappt? Dann hatte ich wohl wirklich noch mehr getrunken… So etwas war mir schon länger nicht mehr passiert, also das auf der Tanzfläche mein Kreislauf schlappmachte meine ich, nicht das mit dem zu viel Alkohol. Das passierte leider schon häufiger… Ich sollte mich ja schämen, eigentlich. Noch war ich zwar jung, aber man musste es mit dem Alkohol doch trotzdem nicht übertreiben! Entschlossen nahm ich mir vor, in nächster Zeit etwas darauf zu achten wieviel ich trank. Man konnte schließlich auch ohne Alkohol Spaß haben.
Doch irgendwie wollte mir das auch nicht so richtig gelingen… Nun also, das erklärte wieso ich zu Hause war und vielleicht auch wieso er hier war… aber es erklärte nicht unbedingt wieso er halbnackt neben mir lag.
„Ähm…“, mehr brachte ich dazu als Kommentar nicht raus und runzelte die Stirn. Orlando sah mich nachdenklich an und seufzte dann. Als ich ihn fragend ansah, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht:
„Darf ich versuchen deine Erinnerung aufzufrischen?“, fragte er und ein schelmisches Funkeln trat in seine braunen Augen und ich nickte zaghaft, obwohl ich ahnte, dass er einen Scherz mit mir vorhatte. Das Lächeln wuchs sich zu einem Grinsen aus und er beugte sich vor und küsste mich lang und sanft. Überrascht davon, schloss ich nur die Augen und reagierte kaum auf seinen Kuss. Er löste seine Lippen von meinen und kicherte.

„Na, kommt die Erinnerung zurück?“, brachte er hervor, nachdem er das Kichern unterdrückt hatte. Ich sah ihn an und scheinbar war mein Blick fragend, denn er nickte und strich mir dann eine Strähne aus dem Gesicht und hinters Ohr.
„Ja, wir zwei haben uns geküsst. Und wir haben dazu auch eine Erlaubnis… obwohl, also ich habe von Sam sogar die ausdrückliche Aufforderung gehabt ja bei dir zu bleiben heute Nacht.“ Ich sah ihn entgeistert an, das war nun wirklich erstaunlich von Sam. Dann erst begriff ich langsam was das bedeuten konnte und senkte den Blick. Sollte es doch noch möglich sein, dass ich und Orlando… Als ich scheu wieder aufblickte, sah mich Orlando mit einem verträumten Lächeln an. Seine Augen leuchteten und sie ruhten auf mir, er blickte mir tief in die Augen und ich sah so viel Wärme und Geborgenheit darin, ebenso wie ein Versprechen von Zuneigung und Hingabe. Es war als würde die Zeit stillstehen in diesem Moment und fast wünschte ich mir, es würde für immer so sein. Doch das ging natürlich nicht. Ich unterbrach den Blick und sah runter, auf meine Hände… so als wären sie viel interessanter. (Wie kann sie nur, muss man sich da fragen…. *seufz*) Sein leises Seufzen drang an meine Ohren und ich wusste, er ahnte was in mir vorging. Er bestätigte mir dieses Gefühl:

„Du weißt nicht was das für dich bedeuten soll mit mir so als… Berühmtheit, oder?“ Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit, wahrscheinlich hatte er das schon mehr als einmal gehört oder zumindest darüber nachgedacht. Für ihn musste das wirklich schwierig sein, konnte man das überhaupt aushalten? Überall diese Paparazzi, all die Gerüchte… In mir stieg das Gefühl auf, dass ich ihn besser ansah wenn wir darüber redeten, also hob ich den Blick und fixierte Orlando. Doch mehr als ein Nicken brachte ich nicht zustande…
„Aber… willst du es nicht zumindest versuchen? Ich meine, ich… also da ist doch was zwischen uns und solange wir es so wollen… Aber ich will dir ja nicht wehtun…“, kam es leise von ihm. Hatte er mir zuerst fest in die Augen gesehen, senkte er nun seinerseits den Blick und starrte auf die Bettdecke. Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Seine Worte waren süß und sie berührten mich, aber sie konnten nicht die ganze Angst vertreiben. Nicht dass ich es nicht versuchen wollte, nein, ich hatte doch nur Angst, dass es nicht funktionieren würde.
Und ich würde ihn dann trotzdem ständig sehen müssen, weil er berühmt war, mal hier mal da auftauchte, im Fernsehen, im Kino, in Zeitschriften, auf Plakaten… ich würde ihn immer wieder sehen müssen. Konnte ich das, gesetzt dem Fall es kam so, dann aushalten? Wenn ich daran nicht den geringsten Zweifel hätte, würde ich wohl kaum über die Frage nachdenken. Ein Seufzen meinerseits und Orlando rührte sich nicht. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken und ich drehte und wendete alles so oft es mir möglich war… Orlando saß lange Minuten einfach nur still neben mir. Er wusste wohl, dass ich etwas Ruhe brauchte um nachzudenken, um abzuwägen. Aber würden mir dafür ein paar Minuten reichen?! Ich griff mir mit den Händen in die Haare und seufzte.
„Ich… ich weiß nicht Orlando… Ich hab keine Ahnung, ob ich damit zurechtkommen werde.“ Ich sah seinen traurigen Gesichtsausdruck, noch war bei ihm nicht angekommen, was genau ich gesagt hatte. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Sein Kopf schnellte hoch und er sah mich ungläubig an.
„Heißt das… heißt… dass du… und ich…?“ Er schlang die Arme um mich und zog mich fest in seine Arme. Ich lachte und drückte mich fest an ihn, legte meinen Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen. ‚Dies könnte der Anfang von einer schönen Beziehung sein‘, ging es mir in dem Augenblick durch den Kopf. Er dachte vermutlich genauso…

Etwa eine Stunde später saßen wir an meinem Tisch und frühstückten gemütlich. Viel war es nicht, was ich im Haus hatte, doch für Orangensaft, Kaffee und ein paar Bagels war immer Platz in meinen Schränken! Orlando saß mir mit einer Tasse Kaffee gegenüber und lächelte mich an. Wir hatten noch viel zu diskutieren, wie wir das Ganze handhaben wollten, wie wir mit der Öffentlichkeit umgehen sollten… doch das war erst einmal nebensächlich. Jetzt und Hier ging es nur um uns. Um einen Mann und eine Frau.
Es schien als wolle er seinen Blick nie wieder von mir nehmen und seine Augen leuchteten so intensiv, ich würde den Anblick wohl nie wieder in meinem Leben vergessen. Noch nie hatte ich so ein Gefühl gehabt bei einem Mann… nicht einmal bei meiner ersten großen Liebe. Nachdem ich mich für ihn entschieden hatte, hatten wir eine halbe Ewigkeit einander in den Armen gelegen und uns dann lange und innig geküsst.

„Danke.“, sagte er leise und ich sah von meinem Teller auf. Ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen schoss und zaghaft versuchte ich es mit einem Lächeln. Die Befürchtungen und die Zweifel waren noch da, aber ich hatte mich entschlossen einen Versuch zu wagen. Denn wie kann man etwas verurteilen, das man nicht einmal ausprobiert hat?!
Unter dem Tisch spürte ich seine Beine, ganz dicht an meinen und bei Freunden in Deutschland hätte ich wohl sofort einen Witz gerissen, aber in diesem Moment traute ich mich nicht. Ich nippte an meinem Orangensaft und beobachtete meine überaus interessante Wand. So bemerkte ich nicht, dass Orlando aufgestanden und zu mir getreten war. Erst als ich seine Hand auf meiner Schulter spürte, sah ich auf. Er lächelte auf mich hinab und küsste mich dann ganz, ganz sanft.
Dies sollte der Beginn einer überaus interessanten Beziehung werden…

– Ende –

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