Joni (Bobby Long Oneshot)

Diese Geschichte beginnt, ganz langweilig, mit einem Mädchen, welches an dem Abend, um den es geht, eigentlich gar nicht hatte ausgehen wollen…

„Joni!“, rief mir meine Freundin Emma zu und ich seufzte. Ich wollte heute Abend wirklich nicht ausgehen. Morgen würde mein Bruder und gleichzeitig Mitbewohner wiederkommen und mir war definitiv mehr nach gemütlich auf dem Sofa sitzen und fernsehen. Auch wenn nur Schrott lief, wen interessierte das schon?
„Beeil dich mal. Die Band ist bestimmt schon bald dran.“ Das hielt ich für ein Gerücht, es war gerade einmal halb neun und die Band würde sicher nicht vor neun auf der Bühne stehen.
Was mit meinem Plan vom gemütlichen Abend passiert war? Emma war passiert. Sie war meinem Plan dazwischengekommen.
Als ich am Telefon erklärt hatte, ich würde heute aussetzen mit dem Feiern, da hatte meine Freundin sich aufgemacht und war zu meiner Wohnung gefahren, um mir in den Arsch zu treten.
Seit einer Dreiviertelstunde war sie nun hier, kommandierte mich, von der Couch aus, herum, die Fernbedienung lässig in der rechten Hand.
Ihren Anweisungen folgend war ich erst unter die Dusche gestiegen – scheinbar gefiel ihr nicht wie meine Haare natürlich fielen – hatte dann eine schwarze Jeans und ein weit ausgeschnittendes, altes Ramones-Shirt angezogen und stand jetzt vor dem Spiegel, um mich zu schminken.
So viel zu dem gemütlichen Abend alleine vor dem Fernseher.
„Hier sind deine Schuhe, du bist jetzt hübsch genug.“ Ihr aschblonder Kopf spähte um den Türrahmen des Badezimmers und sie hielt mir die Schuhe unter die Nase. Ihr Blick glitt über meine Erscheinung, dann pfiff sie anerkennend.
„In diesem Shirt siehst du einfach nur heiß aus“, sagte sie grinsend und setzte noch einen nach: „Sag mal, liegt das eigentlich an deinem musikalischen Bruder, dass du dieses Rock’n’Roll-Chick-Outfit so gut tragen kannst?“
„Nein, eher an meinen endlos langen Beinen und der ‚Leck-mich-doch-am-Arsch-Einstellung’ mein Schatz.“ Sie kicherte bei meiner Bemerkung und streckte mir die Zunge raus.
Mit unseren knapp zwanzig Jahren waren wir eben noch ab und zu ein wenig kindisch. Meiner Meinung nach sowieso mit gutem Recht. Zu erwachsen sein tat einem Menschen nicht gut.
„Na dass du mir aber ja allein nach Hause gehst heute Abend, du Schlampe.“ Wortlos die Augen verdrehend, nahm ich ihr meine Schuhe ab und schob Emma wieder in Richtung Sofa. Noch während ich mich setzte, zog ich den linken Schuh über meinen Fuß und band ihn langsam zu.
Ich wusste, Emma hatte es eilig auf die Piste und somit auf die Straßen Londons zu kommen, was mir normalerweise sehr vertraut und recht war, aber heute…
„Kannst du eigentlich noch langsamer sein?“ Sie warf die Hände theatralisch über den Kopf und seufzte tief. Ich lachte.
„Na komm, bleib locker. Die Stadt läuft dir schon nicht weg.“ Emma hielt inne und betrachtete mich mit einem zuckenden Mundwinkel. Das Funkeln in ihren abenteuerlustigen Augen war kaum zu übersehen.
„Die Stadt vielleicht nicht, aber was ist mit den Männern?“
Wir waren seit guten vier Stunden unterwegs, hatten zahlreiche Bekannte getroffen und schon das eine oder andere Glas getrunken, als wir auf dem Weg zurück in unser Wohnviertel waren.
Der Club, in den Emma hatte gehen wollen, war schon lange bevor wir dort ankamen ausverkauft und heillos überfüllt gewesen, also hatten wir uns entschlossen, eine kleine Tour durch alle uns bekannten Locations in der Nähe zu machen.
Darunter waren zwei kleinere Clubs gewesen, in denen auch Livemusik gespielt hatte, die uns allerdings weniger zugesagt hatte, weshalb wir nicht sehr lange geblieben waren.
„Gehen wir ins Library?“, fragte Emma mich als wir gerade die Stufen zur U-Bahn runterstiegen und ich nickte.
„Woanders wirst du sicher keine besonders gute Musik mehr finden um die Uhrzeit.“ Wir liefen untergehakt nebeneinander her und achteten nicht darauf welche Blicke uns die Leute zuwarfen.
In London musste man immer und zu jeder Tageszeit damit rechnen, Menschen zu begegnen und angesehen zu werden. Und mit Emma an meiner Seite war es schwer nicht aufzufallen. Sie gönnte mir zwar meinen etwas lockereren Rock’n’Roll-Stil, sie selbst aber schillerte immer in allen Farben des Regenbogens.
Heute trug sie ein royalblaues Paillettenkleid, das sich vorteilhaft um ihre Kurven legte und ihr Dekollettee betonte. Sie sah scharf aus, einen anderen Ausdruck gab es dafür nicht.
Dazu die dünne schwarze Strumpfhose und die schwarzen, schlichten Pumps… also, wenn ich ein Mann gewesen wäre, hätte  ich sie auch angeschaut.
Die Bahn fuhr ein, gerade als wir die Treppen hinter uns hatten und wir stiegen sofort ein. Ich folgte Emma zu einem Sitzplatz neben der Tür und sah auf die Anzeige. Nur ein paar Haltestellen und wir waren zurück in Islington, wo wir beide wohnten.
Das Library, der Pub in den wir wollten, lag keine fünf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt und war somit immer ideal als Versacker.
Egal wie viel man trank, man kam immer noch nach Hause, ohne Gefahr zu laufen, sich in London zu verirren.
Allerdings wäre es nicht fair, das Library als einen Ort hinzustellen, der zu sonst weiter nichts nütze wäre. Der Laden war genial und ein Magnet für alle Musiker Londons.
Es war bekannt, dass fast jeden Dienstag und Mittwoch – wenn Open Mic Night war – Talentsucher und Vertreter von den Plattenfirmen im Haus waren, außerdem war der Laden eigentlich immer voll und bestens mit Musikinstrumenten ausgestattet. Es gab ein Schlagzeug zur freien Disposition, ebenso wie ein Klavier und mehrere Mikrofone.
Als kleine Band oder Musiker konnte man sich nun wirklich nicht beschweren.
„Aussteigen, Mylady.“ Ich verbeugte mich vor Emma, die wie immer vor sich hingeträumt hatte und beinahe vergessen hätte, dass wir aussteigen mussten.
Mit einem schiefen Grinsen folgte sie mir durch die Tür, sprang auf den Bahnsteig und drehte dann eine Pirouette bevor sie mich mit sich zur Treppe zog.
„Du hast wirklich gute Laune heute, hat das einen besonderen Grund?“ Ich schnaufte ein wenig, weil sie ein Tempo an den Tag legte, das mir nach zwei Cocktails und einem Bier ein wenig zu hastig war.
„Nein, ich will nur den Rest meiner Ferien genießen“, antwortete Emma und blieb erst stehen, als wir aus der U-Bahn-Station raustraten und wieder unter freiem Sternenhimmel standen.
Okay, zugegeben: Wenn wir nicht in London wären, einer Millionenstadt mit mindestens dreimal so viel Lampen wie Menschen, dann würden wir wohl den Sternenhimmel sehen.
Momentan sah ich über unseren Köpfen nicht viel mehr als Dunkelheit.
„Du hast noch gute sechs Wochen!“, stöhnte ich und sie lachte nur.
Ihre Hand legte sich in meine und wieder fing sie an mich hinter sich herzuzerren.
Das Library war zwar voll, aber wir fanden trotzdem noch ein Stehplätzchen unweit der Theke.
Im Vorbeigehen hatten wir dem Barkeeper, der uns schon kannte, begrüßt und sofort zwei Bier bekommen. Es hatte schon gewisse Vorteile, wenn man a) Leute kannte, die dann irgendwo in den Bars arbeiteten, die man mochte und häufig aufsuchte oder b) eine so gut aussehende, heiße Freundin hatte, dass alle Barkeeper und Türsteher automatisch ‚ja’ sagten wenn sie etwas wollte.
Mir war beides vergönnt und wir nutzten das immer aus wenn wir ausgingen.

Ich nippte an meinem Bier und versuchte der Livemusik zuzuhören, aber es war so laut, dass ich kaum etwas von den Texten verstand. Das Schlagzeug, das die Band sicher selbst mitgebracht hatte, schepperte und ich verzog leicht die Mundwinkel.
 Wenn es etwas gab, was ich wirklich gar nicht leiden konnte, dann waren es falsch gestimmte oder falsch gespielte Musikinstrumente.
Ich selbst konnte zwar nur Klavier und ein kleines bisschen Gitarre spielen, aber ich hörte wenn ein Instrument falsch gespielt wurde. Und die Band, die gerade auf der Bühne war, war wirklich grausam. Das war eine einzige Vergewaltigung der Instrumente und ich drehte mich demonstrativ weg, während Emma auf einen Bekannten von uns zuging und mit ihm tanzte.
Ihr war das alles egal, hauptsache die Stimmung war gut. Sie hatte ja auch keinen Bruder, der seit über zehn Jahren Gitarre spielte und vorhatte ernsthafter Musiker zu werden, noch dazu meine klassische Klavierausbildung.
Die Ellbogen auf den Tresen gestützt starrte ich zu meiner Rechten in die Menge, beobachtete die anderen Besucher und dachte nach.
Alles in allem hatte ich immer noch keine große Lust aufs Feiern bekommen und blieb lieber ruhig in meiner Ecke und wartete darauf, dass sich Emma ausgetobt hatte.
„Hey Joni.“ Ich schrak auf als ich meinen Namen hörte und drehte den Kopf, genau in dem Moment als mir Thomas einen Kuss auf die Wange hatte drücken wollen.
Wir lachten beide, nachdem wir unsere Lippen voneinander getrennt hatten.
„Das war so nicht beabsichtigt, entschuldige.“ Er sah verlegen aus, was mich zum Schmunzeln brachte.
Thomas war groß, sehr schlaksig und dunkelhaarig. Nicht nur dass er auch so aussah, er war auch unheimlich schüchtern und zurückhaltend.
Ein wahrer Gentleman und mir war einmal der Gedanke gekommen, dass er besser in die Fünfziger oder Sechziger Jahre gepasst hätte als in die heutige Zeit.
„Keine Sorge, das ist mir durchaus bewusst.“ Er lächelte und stellte sein Bier neben meinem auf der Theke ab.
„Du bist doch nicht allein hier, oder?“ Thomas drehte den Kopf und suchte die nähere Umgebung ab.
 Ich wusste, er würde weder Emma – die gerade in der Menge unterging – sehen, noch meinen Bruder, der noch in der Nähe von Manchester war.
„Emma tanzt gerade irgendwo da drüben mit Daniel.“ Er nickte gedankenverloren. Wir standen ein paar Minuten schweigend nebeneinander, hörten der Band zu und verzogen fast simultan den Mund, weil wir Anstoß an dem Umgang des Gitarristen mit seinem Instrument nahmen.
Thomas war ein guter Freund und wir kannten uns schon seit Jahren, weil wir beide in der selben Musikschule gelernt hatten.
Er war nur ein Jahr älter als ich und fand meinen Bruder musikalisch gesehen genauso talentiert wie ich.
„Ist dein Bruder noch in Manchester?“ Ich nickte während ich mein Bier leerte und mich weiterhin umsah.
Meine Augen glitten über einige mir bekannte und sehr viele unbekannte Gesichter, bis mir in einer Ecke, ganz hinten, eine Reisetasche ins Auge fiel. Direkt daneben stand eine Gitarre, die schon deutlich bessere Tage gesehen hatte.
Automatisch schaute ich genauer hin und studierte das Profil des Mannes, der an dem kleinen, schummerigen Tisch saß und mehrere leere Bierflaschen vor sich stehen hatte. Im Profil war leider nicht allzu viel von ihm zu sehen, außer dass seine Haare etwas länger und glatt waren und ihm in die Stirn fielen.
In den wenigen Minuten, die ich ihn beobachtete, strich er sie sich mehrmals aus dem Gesicht, was jedoch rein gar nichts nutzte, denn sie fielen fast augenblicklich wieder zurück.
Es erinnerte mich an die Zeit, in der ich kurze Haare gehabt hatte und ich grinste.
„Wie lang bist du schon hier?“, fragte ich dann Thomas, der noch immer schweigend neben mir an der Theke lehnte und sein Bier trank.
Er schrak hoch, hatte er doch gerade eine junge Frau beobachtet, die ein paar Tische weiter saß.
Mein Blick glitt über ihr Gesicht und ich erkannte an den hübschen Grübchen und den langen karamellfarbenen Haaren, dass sie total Thomas Typ war.
„So ziemlich seit sie auf haben. Ich hab heut hier gespielt, als Support sozusagen.“ Verlegen – so wie Thomas immer war, wenn es um seine selbstgeschriebenen Songs ging – nestelte er an dem Etikett seiner Flasche rum.
Keine Ahnung, wie man so ein geringes Selbstvertrauen haben konnte. Bei den Songs war das wirklich erstaunlich, denn er war gut. Mehr als gut. Aber nicht besser als mein Bruder.
Was vermutlich aber auch Ansichtssache war. Ich war parteiisch, schließlich ging es hier auch um meinen Bruder.
„Hat der da auch gespielt oder wieso schleppt der eine Gitarre mit sich herum?“ Bei meinen Worten blickte Thomas wieder auf und folgte meinem Blick zu dem kleinen schummerigen Tisch ganz hinten in der Ecke.
Es wunderte mich fast, dass der Mann nicht den Kopf hob, denn er musste unsere Blicke doch spüren.
Hätte er nur ein kleines bisschen den Kopf gehoben und zur Seite gedreht, er hätte uns genau in die Augen gesehen und mir wurde vage bewusst, dass ich unhöflich war ihn so zu mustern.
„Nein, der hat nicht gespielt, das hätte ich mitbekommen. Keine Ahnung wer das ist. Den hab ich hier in der Gegend aber auch noch nie gesehen.“ Mein Freund drehte sich um und beobachtete wieder das Mädchen an dem Tisch.
Ich stützte gedankenverloren mein Kinn in meine Hand, die mich dank meines Ellbogens, der auf dem Tresen ruhte, oben und aufrecht hielt.
Es war nicht ungewöhnlich, dass man im Library mit einer Gitarre rumsaß, zumindest Dienstags und Mittwochs, aber heute war Freitag und nicht einmal eine außerplanmäßige Open Mic Night.
Dazu hatte er noch diese Reisetasche, die in mir den Eindruck erweckte, dass dieser Mann – der wahrscheinlich nicht viel älter war als ich – nicht ganz dort war, wo er sein sollte.
„Denkst du, dass-“, ich brach ab als ich zur Seite sah und merkte, dass Thomas nicht mehr da war.
Leise seufzte ich und verdrehte die Augen. Wozu hatte man eigentlich Freunde, wenn die einen dauernd irgendwo stehenließen?
„Hey Joni, alles klar bei dir?“ Grinsend nickte ich, als mir klar wurde wer da mit mir sprach.
Henry war groß, schlank und hatte wirre schwarze Locken, die ihm teilweise in die Stirn hingen. Er arbeitete seit drei Jahren im Library – länger als ich hier her kam. Henry kannte mich und meinen Bruder sehr gut.
„Klar, mir geht’s doch immer gut.“ Er lachte und ich sprach schnell weiter. „Kennst du den Kerl da hinten mit der Gitarre?“ Meine Frage ließ Henry aufschauen von den Flaschen, die er gerade öffnete. Sein Blick suchte den Tisch von dem ich sprach und er schüttelte den Kopf.
Mit einer kurzen Entschuldigung servierte er die Flaschen, kassierte ab und kehrte dann zu mir zurück.
„Ist mir vollkommen unbekannt. Wieso? Hast du ein Auge auf ihn geworfen?“ Das verschmitzte Grinsen, das Funkeln in den Augen und der anzügliche Tonfall waren alles andere als unüblich bei Henry, so sprach er fast mit allen Frauen, die er kannte und doch konnte ich nicht verhindern, dass ich rot wurde.
„Nein, eher auf die Gitarre. Das ist eine schöne Gibson, aber ich wunder mich wirklich über die Behandlung. So eine Gitarre muss man doch in einem Koffer aufbewahren, die ist zu schade um sie in Gefahr zu bringen.“ Nicht nur Henry musste jetzt lachen, Thomas war wieder neben mir erschienen.
„Hat dein Bruder nicht genau so eine?“, fragte er interessiert und musterte den Fremden genauso neugierig wie ich.
„Ich glaube trotzdem noch, dass sie eher an dem Mann als an der Gitarre interessiert ist. Sie spielt doch kaum.“ Ich warf Henry einen bösen Blick zu und der verzog sich mit einem lauten Lachen zu ein paar Kunden.
„Tue ich gar nicht“, murmelte ich Henry nach und brachte Thomas wieder zum Grinsen.
„Dürfte aber genau deinem Alter entsprechen.“ Er duckte sich unter meinem freundschaftlichen Schlag hinweg und lachte. „Ganz ruhig, ich erzähl deinem Bruder schon nichts, Süße. Geh ruhig flirten.“ Vollkommen überrascht von diesen Worten sah ich meinem Freund verblüfft hinterher, wie er Richtung Bühne zu Emma verschwand.
Seit wann gab es irgendetwas, das ich meinem Bruder nicht erzählte?
Selbst wenn ich flirtete… das störte meinen Bruder doch nicht. Er war schließlich auch nur zwei Jahre älter als ich.
Okay, zwei Jahre und ein paar Monate. Meinen zwanzigsten musste ich ja erst noch erleben.
„Irgendwie sieht der Kerl einsam aus“, ich hatte einmal mehr laut gedacht, wurde mir bewusst, als sich zwei Bierflaschen vor mich schoben und dahinter Henrys grinsendes Gesicht auftauchte.
„Hier, sein Bier ist eh leer, bring ihm doch einfach eins mit.“ Wortlos verdrehte ich die Augen, nahm aber die zwei Flaschen und setzte mich in Bewegung.
Ich war nur noch einen Meter vom Tisch entfernt, da hob der Mann den Kopf und sah mich an. Schweigend und ruhig, aber mir fiel sofort auf, dass er müde wirkte.
Ohne etwas zu sagen, stellte ich die Flasche vor ihm ab und deutete dann auf den Stuhl neben ihm.
„Bitte.“ Er machte eine Handbewegung und deutete mir, mich zu setzen.
Mit einer Hand hielt ich meine Flasche fest, mit der anderen rückte ich den Stuhl etwas zur Seite, so dass ich meinen Gegenüber besser anschauen konnte.
„Was schulde ich Ihnen?“ Perplex sah ich ihn an.
Hatte er gerade ‚ihnen’ gesagt? Ich war garantiert etwas jünger als er und er siezte mich trotzdem!
„Du ist vollkommen okay“, sagte ich also und lächelte ihn an. Zaghaft erwiderte er die Geste, wobei er leicht verunsichert wirkte. „Und ich hab selbst nichts bezahlt, also ist das kein Thema.“ Seine Augenbrauen gingen fragend in die Höhe und ich deutete mit dem Daumen über die Schulter.
„Ich kenne den Barkeeper.“ Mehr Erklärung brauchte es nicht.
Mein Gegenüber hob seine Flasche und hielt sie mir entgegen, ich stieß an.
„Na dann, cheers.“ Ich wiederholte das ‚cheers’ und trank, ebenso wie er, einen Schluck. „Und danke“, fügte er hinzu.
Wir tranken ein paar Minuten schweigend unser Bier, während ich immer wieder nach Thomas und Emma sah, die sich nahe der Bühne miteinander unterhielten.
„Darf ich fragen wieso [style type=“italic“]du [/style]mir ein Bier ausgibst?“ Er betonte das ‚du’ um mir zu zeigen, dass er meine Worte von vorhin verstanden hatte.
Ich suchte einen Moment nach der passenden Antwort und zeigte dann auf seine Gitarre.
„Deswegen.“ Er sah überrascht auf das Instrument herunter, das neben seinem Bein an der Reisetasche lehnte.
„Mein Bruder hat genau dieselbe. Die ist ziemlich alt, aber eine der besten Gibson, die es gegeben hat.“ Seine Augen, die ich hinter dem Vorhang aus Haaren kaum sehen konnte, weiteten sich und dann lächelte er wieder vorsichtig.
„Ja, sie klingt wirklich toll. Aber dass sie so gut ist, wusste ich noch nicht. Ich spiele noch nicht sehr lang.“ Dann hatte er wohl wirklich ein gutes Händchen für das richtige Instrument, denn dieses hier war ein Prachtexemplar.
Mein Bruder liebte seine Gitarre heiß und innig.
„Ich bin Robert“, stellte er sich vor und strich sich die Haare aus dem Gesicht, was mir endlich erlaubte einen Blick auf seine grau-braunen Augen zu werfen.
„Joni“, erwiderte ich strahlend und konnte meine nun vollkommen erwachte Neugier kaum bremsen. „Darf ich fragen, wieso du hier mit Tasche und naja, Sack und Pack eben, rumsitzt?“ Robert sah auf seine Taschen hinunter, runzelte die Stirn und seufzte dann. Er sah wirklich müde aus.
„Ich bin heute erst in London angekommen, ich fang hier an zu studieren.“ So weit konnte ich ihm folgen, es war genau die Zeit, in der die neuen Studenten in die Stadt kamen.
Ich wusste das, denn ich würde auch bald anfangen zu studieren.
„Eigentlich sollte ich jetzt gemütlich in meinem neuen Zuhause sitzen, aber das WG-Zimmer, naja es gab Probleme. Es ist nicht mehr meins.“ Seine Hand wanderte wieder in seine Haare und verwuschelte sie, so dass seine Augen wieder verdeckt waren und ich sie nicht mehr anschauen konnte.
Sie hatten eine so ungewöhnliche Farbe, dass ich ganz fasziniert davon gewesen war.
„Oh“, machte ich und schüttelte den Kopf. Ein ganzer Satz wäre wohl hilfreich. „Das ist scheiße.“ Ich biss mir auf die Lippe, weil ich mir nicht sicher war, was er von meiner Ausdrucksweise halten würde, aber er grinste als er mich dabei erwischte, wie ich meine Lippen malträtierte.
„Das ist richtig scheiße, weil ich hier in London niemanden kenne, bei dem ich mich mal eben einladen könnte, um dann morgen eine neue Bleibe zu suchen.“ Nachdenklich nickte ich und überlegte, ob es irgendeine Organisation gab, die ihm helfen konnte, aber ich würde ihn sicher nicht zur Heilsarmee schicken.
Bei denen war es leider Gottes ziemlich dreckig und er sah mir nicht so aus, als sei er einen harten Umgangston, den man bei den Obdachlosen manchmal brauchte, gewohnt.
„Was ist mit deiner Uni? Haben die keine Wohnheime?“ Er schob die Bierflasche zwischen seinen Händen hin und her.
„Doch, sicher, aber da kann ich mitten in der Nacht nicht nachfragen. Außerdem, als ich hier angenommen wurde, habe ich danach gefragt und sie sagten, es gäbe mindestens zwei Wartesemester. Deswegen habe ich mich dann ja nach einem WG-Zimmer umgesehen.“ Als er es aussprach, wusste ich, dass er Recht hatte.
An meiner Universität war es genauso, aber ich brauchte ja zum Glück nichts.
Ich lebte mit meinem Bruder zusammen in unserer kleinen, gemütlichen Wohnung.
„Ha!“, rief ich aus und er zuckte zurück. Entschuldigend lächelte ich und sagte dann schnell:
„Ich kann dir helfen, also zumindest für eine Nacht. Mein Bruder kommt erst morgen zurück, also ist sein Bett frei und… ich denke wenn ich ihm deine Situation schildere, kannst du bestimmt ein paar Tage bei uns auf dem Sofa schlafen.“ Robert blickte mich lange schweigend an und ich wurde nervös.
Was machte ich einem fremden Menschen denn so ohne weiteres  ein solches Angebot? Und dann auch noch ohne vorher meinen Bruder zu fragen.
Was war denn mit mir los?
„Natürlich nur, bis du was anderes gefunden hast“, schob ich hinterher als mir die Stille zwischen uns zu unheimlich wurde.
„Natürlich“, erwiderte er sofort und ganz ernst.
Mein Magen fuhr Achterbahn und ich konnte mich nicht erinnern, wann ich jemals zuvor so ein Gefühl gehabt hatte.
„Und wenn ich ein geisteskranker Psychopath bin, der nur darauf wartet, dass du mit mir allein bist?“ Seine Frage war vollkommen ernst, auch wenn sie so absurd klang, wie ich mich gerade fühlte.
„Bist du nicht“, platzte ich heraus ohne nachzudenken und biss mir sofort wieder verlegen auf die Lippe.
Robert lachte und legte sachte eine Hand neben meine auf den Tisch.
„Das bin ich zwar wirklich nicht, aber ich kann das Angebot doch nie und nimmer annehmen. Das wäre einfach nicht richtig.“ Während er sprach, zuckte sein Finger kurz und streifte meine Hand. „Aber ich danke dir für das großzügige Angebot.“

Vier Flaschen und etwa zwei Stunden später stand er trotz der Ablehnung mit mir vor meiner Wohnungstür.
Je mehr er getrunken hatte und je mehr er sich mit mit unterhalten hatte, desto öfter hatte ich ihm mein Angebot unterbreitet – ja auch ich war nicht mehr ganz nüchtern – und schließlich hatte er es angenommen.
Es war ja nur für eine Nacht und er würde im Zimmer meines Bruders schlafen.
„Tritt ein, es ist nicht das Ritz, aber es reicht für mich und meinen Bruder.“ Robert trat über die Schwelle und sah sich in dem kleinen Wohnzimmer, dem sich eine offene Küche anschloss, um.
Ich warf meine Lederjacke über den Garderobenständer und kickte meine Schuhe von den Füßen, die irgendwo unter meiner Lederjacke zum Liegen kamen.
Ordnung war noch nie meine Stärke gewesen.
„Ist doch schön hier. Es ist gemütlich.“ Er ließ die Reisetasche neben dem Sofa zu Boden gleiten und lehnte seine Gitarre ein wenig vorsichtiger gegen einen Stuhl.
„Ein wenig unordentlich ist es auch, aber naja, es ist eben eine Studentenwohnung“, lachte ich und er winkte ab.
„Willst du noch ein Bier? Ich bin gerade total aufgekratzt. Die letzte Band war ziemlich cool.“ Die Worte purzelten aus meinem Mund und kamen mir selbst kaum nach als ich in die Küche herübereilte und den Kühlschrank aufmachte.
„Wenn du noch eines nimmst, dann nehm ich gerne auch noch eins. Das bezahle ich dir aber.“ Ich nahm zwei Flaschen und drehte mich um, wobei ich fast in ihn reingerannt wäre, da er mir automatisch gefolgt war.
„Huch.“ Ich schwankte kurz und hielt mich an Roberts Arm fest, den er mir entgegengestreckt hatte.
Seine warme Hand umschloss meinen Unterarm, um mich zu stützen und ich fand mein Gleichgewicht wieder.
„Danke“, ich grinste zu ihm hoch und er erwiderte es.
„Ich will deinem Bruder ja nicht erklären müssen, wie du zu blauen Flecken kommst. Dann kann ich das mit den paar Tagen Asyl sicher knicken.“ Wie ein kleines Mädchen begann ich zu kichern und griff nach seiner Hand, um ihn hinter mir her zum Sofa zu ziehen.
Wir setzten uns und tranken ein paar Schlucke.
Ich angelte nach der Fernbedienung für die Musikanlage und drückte auf Play. Es war eine CD von Thomas drin und ich fand, dass dieses eine Lied jetzt gut passen würde.
Zumal ich mit Thomas Musik immer ein wenig ruhiger wurde. Etwas, das ich jetzt gut gebrauchen konnte.

Without these fools around us, we can start as we mean to go on
(…)
So come on baby, don’t you be shy,
cause I’ve been waiting for these brown eyes all my life    *)

Ich drehte den Kopf zur Seite, um zu sehen, ob Robert die Musik gefiel und hielt die Luft an.
Er war näher als ich gedacht hatte und als ich den Kopf gedreht hatte, hatte ich ihm direkt in die Augen gesehen. Seine Haare lagen wirr hinter den Ohren und diese grau-braunen Augen beobachteten mich.
Wir tauschten einen langen Blick, der mir so viel intensiver vorkam, als jeder andere Moment, den ich bisher in meinem Leben erlebt hatte.
Seine Hand legte sich an meine Wange und er lächelte.
„Vergiss das Atmen nicht, Joni.“ Wie als hätte ich nur auf seine Worte gewartet, holte ich wieder Luft und erwiderte sein Lächeln. Ich spürte die Spannung, die zwischen uns in der Luft hing und war fast enttäuscht als er die Hand von meiner Wange nahm und den Blick von mir abwandte.
Durch die Nebelschwaden aus Alkohol rief mir mein Gewissen zu, dass es so viel besser war. Ich kannte ihn nicht und ich war bisher auch nicht der Typ gewesen, der blind mit irgendwelchen Fremden mitgegangen war.
Okay, genaugenommen, war er mit mir mitgegangen, aber das war jetzt ein unwichtiges Detail.
Ich hatte ihn nicht mit zu mir genommen, um Sex mit ihm zu haben, sondern weil er ein Dach über dem Kopf gebraucht hatte. Mehr nicht.
Er war nett, er war höflich, er war ein Mensch, der vielleicht zu einem guten Freund werden konnte. Mehr nicht.
Noch immer nicht von mir selbst überzeugt, schwieg ich und trank mein Bier. Seines stand schon leer auf dem Wohnzimmertisch.
„Ähm, ich denke ich würde jetzt gern schlafen. Ich bin ziemlich fertig“, meinte er und ich nickte automatisch, während ich den letzten Schluck trank.
„Klar, das Zimmer meines Bruders ist… äh scheiße, er hasst es, wenn jemand Fremdes in seinem Bett schläft.“ Ich überlegte fieberhaft und erinnerte mich an die eine Nacht, in der Thomas mal hier geschlafen hatte, weil er seinen letzten Zug verpasst hatte.
Mein Bruder hatte sofort bemerkt, dass ein Fremder in seinem Bett gelegen hatte und war wirklich sauer gewesen.
„Am besten ist, ich schlafe in seinem Zimmer und du nimmst meins“, erklärte ich und zeigte auf die grüne Tür, die zu meinem Zimmer führte.
„Wie du meinst.“ Robert stand unschlüssig vor mir. „Danke“, flüsterte er dann, zog mich kurz an sich und küsste mich auf die Stirn, dann drehte er sich um und verschwand in meinem Zimmer.
Obwohl meine Zimmertür schon längst geschlossen war, starrte ich sie immer noch an und rührte mich nicht.
Es war nicht das erste Mal, dass man mich auf die Stirn küsste, mein Bruder tat das andauernd, aber noch nie hatte mich jemand, der nicht zur Familie gehörte, so geküsst.
Thomas küsste mich manchmal freundschaftlich auf die Wange, das war aber auch schon alles.
Ich schüttelte mich und trat den Rückzug an, ab ins Zimmer meines Bruders. Was er wohl sagen würde, wenn er hier gewesen wäre?
Seufzend zog ich das Ramones-Shirt über den Kopf und ließ es auf den Stuhl meines Bruders fallen.
Ich nahm eines der Hemden, das darüber hing und zog es mir über. Es war mir zu weit, aber es war urgemütlich zum Schlafen und ich zog nur noch meine Jeans aus, dann war ich quasi bettfertig.
Doch an Schlaf war nicht zu denken, ich war jetzt viel zu aufgewühlt und erstaunlicherweise fast wieder nüchtern.
„Man, was so eine kleine Geste anrichten kann“, murrte ich und wälzte mich unruhig auf die andere Seite und versuchte zu schlafen.

Die Wohnung war alt und die Wände dünn, weshalb ich hören konnte, dass auch mein Gast nicht schlafen konnte und sich ebenso hin und her warf wie ich.
Es war beruhigend zu wissen, dass ich nicht alleine unruhig war.
Irgendwann war mir das Ganze zu blöd und ich setzte mich auf, schwang die Beine über den Bettrand und hielt mir den Kopf.
„Aua.“ Bei der plötzlichen Bewegung hatte ich gemerkt, dass ich doch nicht ganz nüchtern war, denn mein Kopf beschwerte sich über die brüske Behandlung.
Das könnte morgen doch mal wieder einen Kater geben, dachte ich mir und stand auf um noch ein Glas Wasser zu trinken.
Ich wankte in die Küche und öffnete den Kühlschrank, in dem jedoch gähnende Leere herrschte und fluchte leise. Super, ich hatte vergessen, Wasser zu kaufen.
 Trotz des Schwindels schien mein Gehirn noch zu funktionieren, denn es zeigte mir das Bild meines Nachttisches mit der Flasche Wasser darauf.
Ich überlegte, ob mir Robert wohl böse wäre, wenn ich ihn kurz störte und entschied mich dann dafür, dass ich mir das bei dem großzügigen Angebot durchaus leisten konnte.
Auf Zehenspitzen – was irrsinnig gefährlich war bei meinem momentanen Gleichgewichtssinn – schlich ich mich zu meinem Zimmer rüber und bis zum Bett, in dem ein scheinbar schlafender Robert lag.
Ich wusste, dass die Dielen vor meinem Nachttisch knarzten, weshalb ich ein Knie auf den Bettrand schob, mich lang machte und über Robert hinwegstreckte, um nach der Flasche Wasser zu angeln.
Gerade hatte ich sie ergriffen, da warf sich Robert unter mir herum und brachte mich aus dem Gleichgewicht.
Mit einem leisen Schrei fiel ich vornüber und landete auf Robert, der, von einem Reflex getrieben, beide Arme um mich schlang.
Ein paar Augenblicke lagen wir stocksteif da, er die Arme um meine Gestalt gelegt, und wagten es kaum zu atmen. Dann ließ sein fester Griff etwas nach.
„Mein Gott, hast du mich erschreckt“, stieß er hervor.
„Äh… tut mir Leid“, brachte ich stockend heraus und atmete einmal tief ein. „Ich… äh ich hatte Durst und nur noch hier hab ich eine Flasche Wasser also… ähm…“ Ich konnte kaum denken und die Worte kamen schneller aus meinem Mund,  als ich sie kontrollieren konnte.
Der Schreck saß mir in den Gliedern und ich erholte mich nur langsam davon.
„Du zitterst ja.“ Roberts Hände strichen mir beruhigend über den Rücken. Er zog mich etwas nach oben und rollte mich neben sich.
„Ssshh.“ Seine Finger malten Kreise auf meinen Rücken und er wiederholte die ganze Zeit das ‚Ssshh’, während ich versuchte, mich zu beruhigen.
Eigentlich war ich nie übermäßig schreckhaft gewesen, aber ich hatte wirklich gedacht, er schlafe schon und als er sich dann bewegt hatte…
Nein, wahrscheinlich war da noch mehr und ich wollte es nur nicht zugeben. Da war etwas an ihm, ich weiß nicht, ob es seine Art oder einfach, nun ja, er war, aber da war etwas, das mir gefiel.
Vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass er dieselbe Gitarre hatte wie mein Bruder.
„Seit wann spielst du?“, rutschte es mir bei diesem Gedanken heraus und Roberts Hände hielten inne.
Er schien kurz zu überlegen, blieb bewegungslos und nach einer Minute des Schweigens nahm er das stetige Streicheln wieder auf.
„Erst seit ein paar Monaten. Ich bin nicht besonders gut.“ Mit einem Lächeln ließ er mich von sich heruntergleiten, sodass ich neben ihm in meinem Bett lag.
„Was nicht heißt, dass du nicht trotzdem eines Tages die Welt verzaubern kannst“, rutschten mir die Worte raus, die ich vor ewigen Jahren meinem Bruder gesagt hatte, wann immer er der Meinung war zu versagen.
Robert drehte mir das Gesicht zu und erwiderte meinen Blick intensiv.
Es fühlte sich an, als hätte ich die reine Wahrheit gesagt und ich musste ihm nur weiter in die Augen sehen, um zu wissen, dass es eines Tages so sein würde:
Er würde die Welt verzaubern.
Und in diesem einen Moment, in dem ich mir sicher war, dass es eines Tages so sein würde, küsste er mich.

 
Die Sonne weckte mich am nächsten Morgen. Sie schien mir ins Gesicht und machte es unmöglich weiterzuschlafen.
Mit geschlossenen Augen blieb ich liegen, genoss die Wärme, die mir auf die Haut schien und den gleichmäßigen Atem, der in meinen Ohren klang. Es war friedlich.
Seufzend kuschelte ich mich an mein extrem warmes Kissen und grinste fröhlich vor mich hin.
In einer solchen Ruhe und Harmonie aufzuwachen war einfach… schön.
„Morgen“, murmelte eine raue Männerstimme und ich zuckte zusammen. Eine Reaktion, die ich besser hätte unterdrücken sollen, denn mit einem Mal meldeten sich Kopfschmerzen an und es war als hämmerten zehn Bauarbeiter alle gleichzeitig auf mein Gehirn ein.
Ich stöhnte leise auf und legte eine Hand über die Augen.
„Hey, alles okay mit dir?“, fragte mich diese Stimme wieder und eine zarte Berührung an meiner Wange begleitete die Frage.
Vorsichtig schlug ich die Augen auf und sah in die grau-braunen Augen, die ich gestern Abend das erste Mal gesehen hatte.
„Was machst du denn noch hier?“ Seine Stirn runzelte sich bei meiner – zugegeben unhöflichen – Frage. Aber ich war schlichtweg überfordert mit der Situation.
Ich spürte genau, dass ich nackt war, was den Schluss nahelegte, dass er es auch war.
Oh Shit!
Wir hatten miteinander geschlafen und… schnell sah ich zu meiner Uhr und wurde blass.
„Fuck! Es ist schon fast zwölf. Oooooh.“ Ich wollte aus dem Bett steigen, aber Roberts Hand hielt mich zurück. Sie lag auf meinem Unterarm und hinderte mich am Aufstehen.
„Was ist?“ Meine Stimme klang gereizt und er verzog leicht das Gesicht. Scheinbar gefiel ihm mein Tonfall nicht, aber das war mir im Moment gleichgültig.
Gerade waren andere Gedanken wichtiger. Wie zum Beispiel der, dass mein Bruder gleich hier sein würde.
„Das würde ich gerne von dir wissen. Was ist los?“ Er klang ruhig, zu ruhig und ich verstand diese Gelassenheit nicht.
Wir hatten einen One-Night-Stand gehabt, okay, das war die eine Sache, aber wieso war er noch hier?
Wenn er nur Sex gewollt hatte, warum lag er dann noch in meinem Bett?
„Was los ist? Das hier…“, ich zeigte auf ihn und mich in meinem Bett, „…ist los. Das ist nicht normal!“ Das Stirnrunzeln war noch immer nicht verschwunden und er folgte der Bewegung meiner Hand zwischen uns, sah aber danach noch immer verwirrt aus.
Mit seiner freien Hand griff er sich ins Haar und verstrubbelte seine Haare, die sowieso schon in alle Richtungen abstanden.
„Erklär mir, was du meinst, ich komme nicht mit.“ Ich wollte auf stur schalten, mich endlich losmachen und aus dem Bett springen, ihn rauswerfen, aber als er mich mit seinen grau-braunen Augen bittend ansah, so ruhig, da gab ich nach.
„Du nimmst meine Gastfreundschaft an, dann haben wir einen One-Night-Stand und wachen am nächsten Morgen kuschelnd nebeneinander auf? Das ist nicht normal.“ Ich seufzte kurz und fuhr fort:
„Man kuschelt nicht nach einem One-Night-Stand. Außerdem verdrückt sich der Mann dann eigentlich. Das erspart einem nämlich das lästige Nachdenken darüber, wie man sich am Morgen dann verhalten soll.“
Meine Erklärungen waren vollkommen schlüssig, sie deckten sich mit all den Gedanken, die ich aus Diskussionen mit Freunden entnommen hatte und doch fing er an zu grinsen.
„Soweit ich weiß gibt es keine Richtlinien wie ein One-Night-Stand zu verlaufen hat.“ Oh.
Er meinte das ernst und fand die Situation kein bisschen merkwürdig. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich schürzte nachdenklich die Lippen.
„Ich hätte also bei Nacht und Nebel verschwinden sollen, ja? In einer Stadt, in der ich noch niemanden kenne, in der ich keine andere Übernachtungsmöglichkeit habe?“ Ach Mist!
Er hatte ja Recht, das hatte ich total außer Acht gelassen. Aber konnte man mir verdenken, dass ich in Panik geriet wenn ich wusste, dass mein Bruder bald heimkommen würde?
Mein Bruder hatte noch nie mitbekommen, wie ich einen One-Night-Stand hatte. Okay, nicht dass er da sehr viele Gelegenheiten zu bekommen hätte, aber die eine oder andere war es schon gewesen.
Ich wollte ihm einfach nicht zeigen, wie ich meine Energie auf so ein Ereignis verschwendete.
Er sollte sehen wie ich gut war, gut handelte, schlau handelte, wie ich ein gutes Mädchen war. Seine kleine Schwester eben.
„Nein, doch, ich meine… ach verdammt. Willst du einen Kaffee?“ Das Nachdenken machte meine Kopfschmerzen nur schlimmer, also beschloss ich es zu lassen.
Ein oder zwei Aspirin, danach einen starken Kaffee und es würde mir wieder besser gehen. Dann konnte ich auch meinen Bruder begrüßen.
Vorausgesetzt, ich hatte bis dahin eine gute Geschichte erfunden, um die Anwesenheit meines Gastes zu erklären.
Und um [style type=“italic“]das[/style] zu schaffen, musste ich meine Kopfschmerzen loswerden, was wiederum zum Kaffee zurückführte. Meine Güte hatte ich Gedanken!
„Du bist nervös. Kommt dein Mitbewohner zurück?“ Ich nickte und fiel aus allen Wolken, als Robert die nächste Frage stellte:
„Stehst du auf ihn?“ Ob ich… halt, was? Ich kicherte hysterisch.
„Ha, das ist zu komisch. Klar, ich stehe voll auf ihn, ich vergöttere den Boden, auf dem er geht“, rief ich aus und ließ mich rücklings zurück aufs Bett fallen. „Ich koche, putze und wasche für ihn, ich gehe mit ihm einkaufen und liebe seine Mutter über alles.“ Mein Gegenüber sah mich verwirrt an und verstand kein bisschen, wieso ich in lautes Gelächter ausgebrochen war.
Dabei hatte ich ihm das doch erzählt, oder? Ich hatte ihm gesagt, dass ich mit meinem Bruder zusammenwohnte.
Das war ja überhaupt noch das Beste an der ganzen Geschichte!
„Ähm und du hast ihn mit mir betrogen? Nein, du hast doch gesagt du wärst Single!“ Panik zeichnete sich in seinem Blick ab und ich prustete schon wieder los, nachdem ich mich gerade ein wenig beruhigt hatte.
Seine Wangen verfärbten sich. Ein leichter Rosahauch überzog diese und auch seine Ohren, was ich irgendwie sehr charmant fand.
„Seine Mutter ist zufällig auch meine“, erklärte ich dann und lachte als er das Gesicht verzog, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
„Ihr seid verwandt und habt was miteinander!“ Erschrocken und vollkommen verblüfft sog ich die Luft ein, als er mich des Inzests beschuldigte.
Und all das nur weil er das Ganze falsch verstanden hatte.
Wie kam man überhaupt auf so einen Gedanken? Wirkte ich so abnormal?
„Nein!“, schrie ich und sprang auf. „Nein, ganz und gar nicht. Man, Missverständnisse am laufenden Band. Ich sollte mal aufhören jeden Mist einzusammeln, den ich kriegen kann.“ Der letzte Satz war nur leise an mich selbst gemurmelt gewesen.
Ich stand nun mitten in meinem Zimmer, hatte rein gar nichts an und merkte es nicht einmal sofort.
Es brauchte Robert, der mir das Hemd von gestern Abend vor die Nase hielt, um mich daran zu erinnern. Aber sobald ich es bemerkte, riss ich es ihm aus der Hand und schlüpfte sofort in die weiten Ärmel.
Mein Gott war das peinlich!
„Was ist da also zwischen dir und… deinem Bruder?“ Kopfschüttelnd sah ich zu, wie er die Beine über den Bettrand schwang, seine Boxershorts vom Boden klaubte und sie anzog.
„Mein Bruder ist mein Bruder und ein toller Kerl, aber wir sind nur Geschwister. Und Mitbewohner. Mehr nicht.“ Mit einem verwirrten Blick, für den ich mir nun aber keine Zeit mehr nahm, starrte er vor sich auf die Holzdielen.
„Ähm, hey, warte mal, Joni“, rief er als ich schon fast aus dem Zimmer war. Fragend streckte ich den Kopf wieder durch die Tür. „Kann ich vielleicht duschen? Ich weiß, das ist viel verlangt, aber…“ Ich seufzte.
Wenn er nie ging, wie sollte ich das meinem Bruder erklären? Aber wenn er nun duschte und sich anzog, dann konnte ich ihn einfach als neue Bekanntschaft vorstellen.
Jemand mit dem ich bald studieren würde.
„Das könnte klappen“, murmelte ich mir selbst zu und strahlte Robert dann an, weil er mir die perfekte Idee gegeben hatte. „Ja, mach nur. Handtücher sind in dem Schrank im Bad. Bedien dich.“ Und damit war ich raus und eilte rüber zur Küche, um Kaffee zu kochen.
Ich hörte, während ich ein Glas voll Wasser laufen ließ und die Aspirin raussuchte, wie er hinter mir von meinem Zimmer zum Bad ging und die Tür hinter sich abschloss.
Jetzt brauchte ich nur noch ein wenig Glück, so dass mein Bruder erst heimkam, wenn Robert schon aus dem Bad raus war.
So lange er angezogen war, würde mein Bruder nichts merken. Oh bitte lieber Gott, schenk mir ein paar Minuten.
Die Kaffeemaschine lief und ich stürzte das Wasser mit den Aspirin herunter. Kopfschmerzen waren nervtötend, unerträglich und ich musste sie ganz schnell loswerden.
Nachdenklich lehnte ich an der Theke der halboffenen Küche und starrte ins Leere, als mehrere Dinge gleichzeitig passierten: Mein Gast streckte den Kopf aus dem Bad und sagte mir es gäbe keine Handtücher mehr. Es klingelte plötzlich an den Tür und mein Handyton erklang.
Vollkommen überfordert sah ich von meinem Handy, das auf dem Wohnzimmertisch lag zu Robert und von ihm zur Tür.
Ich wusste was es bedeutete, wenn mein Handy und die Türklingel gleichzeitig erklangen.
Ich stürzte los, schnappte mir ein Handtuch vom Stapel neben der Waschmaschine, warf es Robert zu und rannte zur Tür. Oh oh, der liebe Gott hatte mich nicht erhört und mein Bruder würde in Sekunden durch diese Tür kommen.
‚Nein!’ schrie es noch in meinem Kopf, als Robert aus dem Bad trat, nur ein Handtuch um die Hüften und ich im selben Moment den Schlüssel im Schloss hörte.
In einem Kinofilm wäre ab jetzt alles in Zeitlupe passiert, aber dies hier war das wahre Leben und gerade jetzt einfach scheiße.
So etwas musste auch immer mir passieren! Fettnäpfchen, hallo und willkommen bei mir.
Die Tür öffnete sich und mein Bruder stand grinsend in eben dieser, bevor sein Blick an mir vorbei auf den halbnackten Fremden fiel.
Man konnte quasi zusehen, wie sich sein Gesichtsausdruck von Sekunde zu Sekunde veränderte. Himmel, steh mir bei!
„Marcus!“, rief ich aus und überspielte die merkwürdige Situation einfach gekonnt, nun ja, mehr oder weniger gekonnt.
Mit ehrlicher Freude sprang ich meinem großen Bruder in die Arme und drückte mich an ihn. Marcus ließ seine Reisetasche fallen und erwiderte meine Umarmung herzlich.
Wir hatten uns wirklich gefehlt, das war schon immer so gewesen. Ab und zu war er aus musikalischen Gründen in ganz England unterwegs und wenn ich dann allein in unserer Wohnung bleiben musste… naja, wir liebten einander einfach.
„Hey Kleines.“ Ich grinste meinen Bruder an und nahm ihm die Gitarre ab, die ihm über die Schulter hing.
„Ich hab gerade Kaffee gemacht, setz dich und komm erst mal an. Es ist schön, dass du wieder da bist.“ Er folgte mir in die Küche hinüber, nicht ohne noch einmal einen Blick auf Robert zu werfen, der in meinem Zimmer verschwand.
Zweifelsohne um sich etwas anzuziehen.
Geschäftig hantierte ich mit dem Geschirr herum, da ich Angst davor hatte, mich dem Blick meines Bruders zu stellen.
Nicht dass er mir versuchen würde vorzuschreiben, mit wem ich mich treffen durfte und mit wem nicht, aber ich wollte wirklich nicht, dass er mich verurteilte, weil ich etwas getan hatte, wovon er wenig hielt.
Langsam goss ich drei Tassen voll Kaffee und atmete einmal tief durch, bevor ich mich rumdrehte. Marcus beobachtete mich.
„Setz dich, Joni.“ Oh oh, das klang nicht gut.
Das klang nach einer Gardinenpredigt.
Bevor mein Bruder loslegen konnte, kam Robert wieder und setzte sich – vollkommen relaxed – mit an den Küchentisch.
Marcus und ich schauten ihn beide etwas perplex an und ich räusperte mich. Angriff war letztendlich die beste Verteidigung, richtig?
„Äh Marcus? Das ist ein… naja ein Kommilitone, ein zukünftiger. Wir haben uns gerade kennengelernt und äh… er hat Probleme mit dem Zimmer, in das er hier in London ziehen wollte. Tja und deswegen, naja, hab ich ihm angeboten ein paar Tage hier zu bleiben. Nur bis… also bis er was anderes gefunden hat.“ Robert erwiderte meinen Blick ganz ruhig und sah so aus, als wäre ihm diese Geschichte, die ich leicht stockend hervorgebracht hatte, kein bisschen neu.
Erleichterung durchströmte mich und ich lächelte dankbar, entspannt.
„Gut. Und hat dein Kommilitone auch einen Namen?“ Die Frage kam so ruhig, dass ich antwortete, ohne vorher nachzudenken:
„Bobby.“ Die Augen meines Gegenübers weiteten sich kurz, dann erinnerte er sich daran, wie ich ihn in der vergangenen Nacht so genannt hatte – und in welcher Situation! – sodass ich leicht errötete.
„Es freut mich“, sagte mein Bruder Marcus und reichte ihm die Hand. „Freut mich dich kennenzulernen Bobby, ich bin Marcus.“

                      – The End – 

 
~ * ~ * ~ * ~

Und so haben sich Bobby Long und Marcus Foster kennengelernt 😉 zumindest in meiner Fantasie.

AN: *) Die Songzeilen entstammen dem Song „Start as we mean to go on“, der ebenfalls von Thomas J Speight stammt, der in diesem OneShot auch als eigener Charakter auftritt.

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