Das Lied der Engel (Gilde der Jäger Oneshot)

Es war lauter als er es in Erinnerung hatte. Mit langen Schritten hatte er die Türschwelle übertreten und war sogleich von einer eleganten Dame willkommen geheißen worden, der man die Beinahe-Unsterblichkeit vom Gesicht ablesen konnte. Sie war hübsch, eine klassische Schönheit und sehr alt. Bei weitem nicht so alt wie er es war, aber sehr viel älter als ein Mensch je werden konnte.
Sie widerstand dem Drang ihn und seine pechschwarzen Flügel anzufassen und er war dankbar, dass sie sich im Griff hatte, obwohl ihr der Wunsch überdeutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Die meisten Menschen hätten sich nicht beherrschen können, viele Beinahe-Unsterbliche auch nicht. Und ein jeder hatte es bitter bereut.
Er hatte sich nicht mit höflichen Floskeln und Geplänkel aufgehalten, sondern unumwunden sein Anliegen genannt. Besser gesagt: einen Namen.
Auf dem Gesicht der Vampirin war ein so tiefes Lächeln erwachsen, dass es nicht seiner Fantasie überlassen war, herauszufinden, wie gut sie die Person kannte, deren Namen er genannt hatte. Aber auch das war für ihn keine Neuigkeit.
Es gab Wenig, das er nicht wusste. Denn es war sein Job immer bestens über alles und jeden Bescheid zu wissen.
Während er der Vampirin, die Alessandra hieß wie er wusste, folgte, sah er sich mit desinteressiertem Blick um, der die Leute in Sicherheit wiegen sollte. In Wahrheit entging ihm fast nichts und er speicherte die Informationen, die versprachen, etwas wert zu sein.
Wer mit wem herumschäkerte war durchaus eine Information, die dann und wann ganz gelegen kam. Nicht dass er den Sire mit so einem Klatsch und Tratsch behelligen würde, es sei denn, dieses eigentlich eher uninteressante Detail war von direktem Nutzen.
Der Weg führte durch ein paar vollkommen unterschiedlich eingerichtete Räume und er wusste durchaus, was in den dunklen Nischen des einen Raumes und hinter den zahlreichen Türen auf dem Flur passierte, an denen er, geführt von Alessandra, vorübereilte.
Er kam selten in dieses Etablissement, aber die diversen Angebote waren ihm nicht unbekannt. Sie interessierten ihn nur weitaus weniger als sie die meisten Beinahe-Unsterblichen und einige Unsterbliche ansprachen.
„Hier“, sagte die Vampirin und deutete mit einer ausladenden Handbewegung in den Raum hinein, den sie gerade betreten hatten. 
Er hasste es, sich so eng an ihr vorbeidrücken zu müssen und legte die Flügel so dicht an seinen Körper an, wie er nur konnte.
Seine Abneigung war nicht so stark wie Aodhans. Es war auch eigentlich keine Abneigung per se, er genoss Berührung und Empfindung sogar sehr, doch sie durfte nur von Wesen kommen, die er kannte und denen er ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachte.
Er vermied jeden unnötigen Körperkontakt mit Fremden. Vor allem jedes auch noch so kleine Streifen mit seinen Flügeln, die scheinbar jedes Wesen auf diesem Planeten unbedingt anfassen wollte, obwohl sie nicht annähernd so strahlend schön waren wie Raphaels oder Illiums.
Aber die Dunkelheit hatte die Menschen schon immer gelichermaßen  in Angst und Faszination versetzt.
In diesem Raum war es in gewisser Weise lauter als in den vorigen, aber es wirkte nicht so lärmend, wie in den Räumen davor, wo sich die Personen entweder lautstark unterhalten oder andere eher lärmintensive Geräusche von sich gegeben hatten. Stöhnen zum Beispiel.
Der Bass der Musik wummerte und ließ den Boden unter seinen Füßen vibrieren und die Melodie versuchte sich einen Weg in seinen Körper zu bahnen. An einem Tisch an der Seite des Raumes entdeckte er die vertrauten blauen Flügel und hielt darauf zu.

Illium sah von dem Dolch auf, den er gerade in seinen Händen balancierte und zog wortlos eine Augenbraue hoch, als Jason sich zu ihm setzte.
Es war ungewöhnlich den Meisterspion überhaupt unter Menschen zu sehen – oder Vampiren – aber ihn ausgerechnet im Erotique vor sich zu haben, war wohl das schrägste Ereignis, seit sich Raphael in die Gildenjägerin Elena verliebt hatte.
Jason erregte eine gewisse Aufmerksamkeit unter den anderen Besuchern, obwohl er es verstand sich hervorragend zu tarnen.
Die meisten sahen wohl kaum mehr als eine schwarze Gestalt, aber das reichte, um die Neugierde der Gäste zu wecken, die teilweise nur auf den größten Adrenalinkick aus waren.
Dass diese Gestalt sich zu Illium gesetzt hatte, heizte die Fantasien einiger Anwesender vermutlich zu wahren Höhenflügen an. Illium grinste träge. Er war in seinem Element.
„Hast du nach mir gesucht?“, fragte Illium, dem bewusst war, dass Jason dem Erotique eher ablehnend gegenüberstand.
Soweit Illium wusste, hatte Jason nichts gegen den Laden an sich und seine Existenz, aber er war auch kein Freund dieser Einrichtung.
Und seit es das Erotique gab, war Jason vielleicht ein einziges Mal dort gewesen. Und das nicht freiwillig, wenn sich Illium recht erinnerte.
Ein Nicken war die Antwort.
Illium ließ den Dolch unter der Tischplatte in seinem Stiefel verschwinden, ein Versteck, das er sich von Elena abgeguckt hatte.
„Es gibt beunruhigende Gerüchte, die in New York die Runde machen“, versetzte Jason mit leiser Stimme. Sie  war so leise, dass sich Illium vorbeugen musste, um ihn genau zu verstehen. Er runzelte die Stirn.
„Wieso kommst du damit zu mir und nicht zu Dmitri? Er-“ Weiter kam Illium nicht, weil Jason weitersprach:
„Es geht um Elena und dich.“ Illiums Augen weiteten sich. Konnte es sein, dass die Menschen und Jäger, vielleicht sogar die Vampire, anfingen über ihn, den blau-geflügelten Engel, und die Gildenjägerin zu tratschen? Ihnen womöglich etwas anzudichten, das absolut abwegig war?
Lägen die Dinge anders, wäre Illium sicher nicht abgeneigt Elena näherzukommen, aber nie würde er den Engel betrügen, dem er die Treue geschworen hatte. Auch um Elenas Willen nicht, selbst wenn diese es überhaupt jemals in Erwägung gezogen hätte.
Einmal seine Federn zu verlieren war schmerzhaft genug gewesen. Diese Lektion hatte er gelernt.
„Warum-“ Wieder kam er nicht weiter, da Jason ihm erneut ins Wort fiel.
„Du solltest Dmitris und meine Warnungen ernster nehmen, sonst wird Raphael irgendwann einige Gerüchte nicht mehr ignorieren können.“ Die leise Stimme verriet nicht, dass Jason ihm das verkündete, damit er sich vorsehen konnte. Damit er nicht blind in eine Situation hineinlief, die er nicht kontrollieren konnte und Illium verspürte Dankbarkeit. Er nickte.
„Und du bist extra hierher gekommen um mir das zu sagen? Ich dachte, du kannst das Erotique nicht ausstehen?“ Illium beobachtete Jason, der sich mit der Antwort Zeit ließ. Jasons Blick wanderte durch den großen, abgedunkelten Raum mit den zwei kleinen Podesten, auf denen Vampirinnen tanzten. Die große Bühne war momentan nur von der Band besetzt, die ihre Instrumente stimmte.
Die Besucher des Erotique waren entweder Unsterbliche, Beinahe-Unsterliche oder sehr einflussreiche Menschen. Alles, die gesamte Einrichtung, die Getränke und Speisen, die Bedienungen, alles war von höchster Qualität und scheinbar den Preis wert, den man hier für ein Getränk zahlen musste.
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“, fragte eine zierliche Blondine, die wie aus dem Nichts an ihrem Tisch erschienen war. Jason starrte sie ohne zu Blinzeln und ohne in irgendeiner Weise zu reagieren an. Illium gab ihr mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie wieder gehen konnte.
„Du solltest an deinen Umgangsformen arbeiten. Sie hat nur ihren Job getan“, versetzte Illium und konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel sich ein wenig nach oben bogen. Jason erwiderte nur stumm den Blick aus Illiums goldenen Augen.
Auch wenn es nicht so schien, wusste Illium doch, dass Jason ebenso charmant sein konnte wie er selbst oder Raphael, nur brauchte der Meisterspion diese Fähigkeit äußerst selten, um zu bekommen was er wollte.
Die meiste Zeit behinderte eine charmante Art sogar eher seine Aufgabe. Es war lästig und bei seinem Ruf einfach unnötig seine Zeit mit Schmeicheleien zu verbringen.
Jason beachtete den Seitenhieb gar nicht und wollte sich gerade erheben, als er spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum gewaltig veränderte.
Die angeregten Unterhaltungen erstarben beinahe binnen einer einzelnen Sekunde vollkommen und es baute sich eine mühsam im Zaum gehaltene Spannung auf.
Leicht irritiert wandte Jason den Blick zu Illium, der ebenso wie einige andere auf seiner Sitzfläche nach vorne gerückt war und den Oberkörper der Bühne zuneigte. In den goldenen Augen blitzte Erwartung auf.
Obwohl man es Jason nicht ansah, hätte jemand, der ihn schon lange genug kannte, wohl bemerkt, dass er versuchte den plötzlichen Stimmungswechsel zu analysieren und kläglich scheiterte. Etwas das nur sehr selten geschah.
Er wandte den Kopf in die gleiche Richtung wie Illium und erblickte endlich den Grund für all die bewundernden Blicke der im Raum Anwesenden.
Auf der Bühne hatte sich endlich etwas getan und zwischen der Band stand nun ein Engel am Mikrofon. Ein weiblicher Engel, den Jason noch nie gesehen hatte. Weder in New York, noch in der Zuflucht oder anderswo. Und es gab eigentlich kaum einen Engel, den er noch nie zu Gesicht bekommen hatte.
Gerade wollte er Illium nach der Unbekannten fragen, da setzte die Musik ein und die Band spielte eine bittersüße, melancholische Melodie, die so gar nicht in die sonst so lebendige Atmosphäre des Clubs passen wollte. Doch niemand schien sich daran zu stören.
Alle starrten die Frau an, die nun den Mund öffnete und wunderschöne Zeilen in einer längst vergessenen Sprache ins Mikrofon hauchte. Ihr Blick blieb auf den Boden gerichtet, während sie von Trauer und Verzweiflung sang, wie man sie seit Jahrhunderten kaum noch gekannt hatte.
Jason ertappte sich dabei, wie seine Augen an der ungewöhnlichen Haarfarbe hängenblieben, die wie getrocknetes Blut aussah. Ein dunkles Rostbraun mit kupfernen Strähnen, die in einem helleren Licht wahrscheinlich aufleuchten konnten wie flüssige Hitze. Sein Blick glitt weiter zu den wahrlich ungewöhnlichen Schwingen, die sich in einem anmutigen Bogen über ihre Schultern erhoben, die mehr als nur schmal waren. Die Schultern wirkten abgemagert, aber sie nahmen dem Engel nichts von seiner Anmut.
Jason hatte in seinem Leben schon viele interessante und auch merkwürdige Farbkombinationen in den Flügeln der Unsterblichen gesehen, nicht zuletzt, weil Illium und Raphael – und seit neuestem auch Elena – oder Aodhan sich in seiner direkten Umgebung befanden.
Aber solche, wie die, die sich nun vor seinem Auge ein klein wenig entfalteten, als die Sängerin tiefer Luft holte und die Stimme hob, hatte er noch nicht gesehen.
Wenn Elenas Flügel wie die Dämmerung aussahen, dann waren diese Flügel der Sonnenaufgang. Zu den Spitzen hin ging das kräftige Rot erst in ein flammendes Orange und dann in ein gold schimmerndes Gelb über. Und die letzten Millimeter waren in einen hellen silbrigen Schimmer getaucht.  Sogar hier im Halbdunkel strahlten die Schwingen, ebenso wie Aodhans es tun würden, wenn er im Raum wäre.
Jason beobachtete die Sängerin, die nicht nur ihre Flügel so weit es ging bedeckt hielt, sondern auch ihr Gesicht und ihre Augen, sowie den größten Teil ihrer Haut. Die langen, schweren Locken umrahmten und verdeckten ihr Gesicht, die Kleidung erstreckte sich mit einem hohen Kragen weit den Hals hinauf und schmiegte sich mit dem fließenden Material bis hinunter zu den Handgelenken.
Es war ungewöhnlich für einen Engel so viel Stoff zu tragen, denn es war äußerst schwierig so viel Tuch mit den Flügeln in Einklang zu bringen ohne sich selbst zu behindern. Außerdem, welchen Zweck hatte lange Kleidung, wenn man sich ab einem gewissen Alter (das auch unter Unsterblichen schnell erreicht war) keine Gedanken mehr um Kälte machen musste?
Um ihre langen, grazil wirkenden Beine schlangen sich eng anliegende Hosen, die, ebenso wie das Oberteil, aus einem dunkelgrünen Gewebe waren, das samten wirkte, aber nicht den gleichen Schimmer aufwies wie Samt.
Jason fragte sich, wieso ein Engel mit solch ungewöhnlicher Farbzeichnung sich einerseits zu verstecken versuchte und andererseits vor aller Augen in der Öffentlichkeit stand. Es schien widersprüchlich.
Und es wob ein Mysterium um diesen Engel, das er lösen wollte. Und sei es nur, um Raphael davon zu berichten.
Das Lied mit seiner melancholischen Note, dem Text von Verzweiflung und Trauer, klang aus und Jason hätte fast in den aufbrandenden Applaus mit eingestimmt, dem auch Illium sich nicht entziehen konnte.
Noch immer sah die Frau nicht auf, sondern legte nur eine Hand elegant auf den Mikrofonständer und begann mit der wieder einsetzenden Musik erneut zu singen.
Ihre Stimme war kraftvoll und doch ätherisch, als sie nun von mystischen Wesen sang, die in den Legenden der Menschen früher einmal die Welt bewohnt hatten.
„Wer ist sie?“, fragte Jason endlich als Illium nach seinem Glas Scotch griff und einen Schluck trank, die Augen dabei aber kaum von der Bühne abwandte.
Die Frage aber schien ihn zu überraschen und so eiste er sich los und erwiderte den Blick aus den schwarzen Augen des Meisterspions.
„Sie hat mir nie ihren Namen genannt“, antwortete er ehrlich und warf einen kurzen Blick zur Bühne. Nachdenklich geworden zog er die Augenbrauen zusammen und kramte nach einem Informationsfetzen, der in seinem Hinterkopf beharrlich anklopfte.
„Ich glaube, sie kommt aus…“, er stockte als ihm in den Sinn kam, mit wem er sprach. Belustigt zog er die linke Augenbraue hoch und klang mit einem Mal noch britischer als sonst: „Du weißt nichts über sie?“ Jason erwiderte nichts, rührte nicht einen Muskel und Illium beendete seine Aussage.
„Sie kommt aus der Nähe von Indonesien. Zumindest habe ich das gehört.“
Es dauerte eine Weile bis Jason etwas dazu sagte. Tatsächlich dauerte es so lange bis eine Antwort kam, dass sich Illium schon längst wieder in den Anblick der Sängerin vertieft hatte und verwirrt aufsah, als Jason das Gespräch weiterführte:
„Eine solche Haarfarbe findet man in der Gegend aber nicht.“ Statt einer verbalen Antwort zuckte Illium mit den Schultern.
Es war seltsam genug, dass es tatsächlich jemanden gab, den Jason nicht kannte, geschweige die Tatsache, dass Jason leibhaftig hier im Erotique saß und keinerlei Anstalten machte, wieder zu gehen nachdem er seine Warnung Illium gegenüber geäußert hatte.
Es folgten noch zwei weitere Lieder, ebenfalls in der antiken Sprache gesungen, die heutzutage nur noch in den Erinnerungen der Engel überhaupt bekannt war. Auch diese Lieder waren gediegen, wurden getragen von eigentümlich traurigen Melodien und die Stimme schwankte zwischen ätherisch und kratzig.
Jason hätte – von diesem Ereignis tatsächlich ein wenig überrascht – wohl zugegeben, dass er eine Gefühlsregung ob dieser Begegnung hatte.
Auch wenn er das Gefühl nicht zu benennen wusste. Etwas, das nur selten vorkam bei ihm. Normalerweise hatte er sich immer im Griff.
Raphael und seine Sieben, sie alle wussten um Jasons begabte Stimme, auch wenn kaum jemand von ihnen ihn tatsächlich jemals hatte singen hören, und sie wussten von seiner Leidenschaft für Musik, die in einem so starken Gegensatz zu seiner Aufgabe als Raphaels Meisterspion stand.
In diesem Licht wäre es nicht weiter verwunderlich, dass eine so begabte Sängerin Eindruck auf ihn machte… wäre er nicht Jason.
Heutzutage gab es eigentlich nichts, das irgendwie Eindruck auf Jason machte. Sogar als Lijuans Gefolgsleute ihm die Tätowierungen aus dem Gesicht gebrannt hatten, hatte er kaum eine Gefühlsregung für den Verlust übrig gehabt.
Als sich wieder Ruhe über den Raum senkte und nach und nach die Gespräche wieder einsetzten, war es nicht Jason, der sich erhob, sondern Illium. Gedanklich sandte er ein Wort an Jason ‚Warte‘ und schritt dem fremden Engel entgegen, der gerade die Bühne verließ.
Er hatte geplant, sie in sich reinlaufen zu lassen, da sie noch immer den Blick gen Boden gesenkt hielt, aber sie musste ihn gespürt haben und blieb abrupt stehen, keine dreißig Zentimeter von seiner nackten Brust entfernt.
Sie hob nicht den Blick, wie es jeder andere Unsterbliche, selbst einer der jüngsten, getan hätte. Illium spürte Jasons Blick ganz deutlich auf ihnen ruhen.
„Würdet ihr mir wohl die Ehre erweisen?“, er hielt ihr seine rechte Hand hin und wartete ab. Abzulehnen wäre sehr unhöflich, vor allem da sie sich im Territorium seines Herrn befand. Und sie musste wissen wer er war. Jeder in New York wusste wer er war.
Nach kurzem Zögern streckte sie eine ihrer kleinen Hände aus und legte sie vorsichtig in seine, wo sie fast verschwand.
Illium seufzte innerlich erleichtert auf. Er würde dieses Mal derjenige sein, der Jasons Neugierde stillte.
Oder was auch immer es war, dass Jason zu so einem guten Spion machte.
Illium hielt ihre Hand sanft umfangen, da er Angst hatte diesen zierlichen – und wie er jetzt bemerkte winzigen – Engel zerbrechen zu können, wenn er zu fest zudrückte.
Jetzt wo er ihr näher war, erkannte er, dass sie tatsächlich mager war. Wäre der Stoff nicht so dick, man würde vermutlich ihre Rippen sehen können.
Zorn erfüllte ihn, aber er war sich unsicher, worauf er ihn richten sollte. Hatte man ihr etwas angetan oder tat sie sich das selbst an?
Es gab nur wenige Unsterbliche, die sich selbst so vernachlässigen würden, aber er hatte schon davon gehört.
In einer Jahrtausende alten Geschichte wie der von ihrer Zivilisation gab es nichts, was es nicht schon einmal gegeben hatte. Oder zumindest nahm er das an, selbst wenn es niemanden mehr gab, der sich an ein bestimmtes Ereignis erinnerte.
Endlich erreichten sie den Tisch, an dem Jason noch immer saß, die schwarzen Schwingen sorgsam hinter seinem Rücken gefaltet. Das Haarband hatte er gelöst, sodass die langen schwarzen Strähnen einen Teil seiner Tätowierungen verdeckten.
Illium hatte ihn nur selten mit offenen Haaren gesehen, da es Jason normalerweise gleichgültig war, wie entsetzt einige Lebewesen auf sein außergewöhnliches Gesicht reagierten. Ob er ähnlich wie Illium beim Anblick dieses winzigen Engels den Beschützerinstinkt in sich aufkommen spürte?
Darüber hinaus konnten offene Haare in einem Kampf schnell zu einem großen Nachteil werden. Etwas das sich Jason nicht leisten konnte. Niemals.
Galant zog Illium der Unbekannten – ganz der britische Gentleman – einen Stuhl zurecht und wartete bis sie sich gesetzt hatte, bevor er wieder auf der Bank Platz nahm, vor ihm sein fast leeres Glas Scotch.
„Mein Name ist Illium“, verkündete er dann und versuchte ihren Blick einzufangen, der stur auf die Tischplatte gerichtet war. Als sie einige Augenblicke lang nichts erwiderte, stellte er eine Frage:
„Kann ich euch etwas zu trinken bestellen?“ Die Idee war ihm gekommen, weil gerade eine Kellnerin am Nachbartisch Halt gemacht hatte und sich nun erwartungsvoll zu ihm umdrehte.
„Blink“, kam dann die überraschende und leise Erwiderung.
Und Illium blinzelte tatsächlich.
Einmal.
Zweimal.
Die Kellnerin drehte sich mit einem Nicken um und verschwand in Richtung der Theke im hinteren Teil des Raumes.
„Man nennt mich-“, die noch immer leise Stimme wurde unterbrochen, als ein Tumult ein paar Tische weiter ausbrach. Ein noch sehr junger Vampir ging auf einen anderen los, ein Messer in der Hand.
Nur einen Bruchteil später standen Illium und Jason neben den Streithähnen und hielten sie auf Abstand, während die Leiterin des Erotique, Alessandra, wie ein Habicht herangestürzt kam, zwei bullige Türsteher im Schlepptau.
Es dauerte keine zwei Minuten, dann waren die beiden jungen Vampire des Hauses verwiesen und Jason und Illium konnten sich wieder der Unbekannten zuwenden.
Nur dass die nicht mehr am Tisch saß.
Sie war weg.
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